TagNationalsozialismus

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Das Versagen der Nachkriegsjustiz
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“Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.”
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Remember, Remember the 9th of November
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Zeitungszeugen
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Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus
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Jedem das seine

Das Versagen der Nachkriegsjustiz

Gestern Abend lief in der ARD zu später Stunde noch eine Dokumentation zum Umgang der Nachkriegsjustiz mit den Verbrechern des Nationalsozialismus. Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd: Bewusst und gezielt wurden Täter geschützt und diesen ermöglicht in der Bundesrepublik Karriere zu machen. Hier könnt ihr euch diesen Bericht noch in der Mediathek angucken – Dauer rund 45 Minuten.

“Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.”

Dass 1933 die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland “ergriffen” haben, sollte man wissen. Dass der 23. März dabei ein – wenn nicht das wichtigste – Datum ist, vielleicht nicht unbedingt. Zugegeben, der Tag für mich leichter zu merken, habe ich doch an dem Tag (wenn auch viele Jahre später) meinen Geburtstag.

Heute vor 80 Jahren wurde im Reichstag die Selbstentmachtung des Parlaments beschlossen – das “Ermächtigungsgesetz”.

Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich (Ermächtigungsgesetz) vom 24.3.1933

1. Reichsgesetze können außer in dem in der Reichsverfassung vorgesehenen Verfahren auch durch die Reichsregierung beschlossen werden. Dies gilt auch für die in den Artikeln 85 II und 87 der Reichsverfassung bezeichneten Gesetze.

2. Die von der Reichsregierung beschlossenen Reichsgesetze können von der Reichsverfassung abweichen, soweit sie nicht die Einrichtung des Reichstags und des Reichsrats als solche zum Gegenstand haben. Die Rechte des Reichspräsidenten bleiben unberührt.

(…)

 

Kurz: Die Teilung von Regierung und Parlament war aufgehoben und wohin das führte, war schon wenige Wochen später klar: Gewerkschaften und Parteien zerschlagen, Presse “gleichgeschaltet” und Reichstag ausgeschaltet. Alle weiteren Gesetze kamen dann aus Hitlers Reichskanzlei.

Über die weiteren Folgen dieser Einrichtung der Diktatur muss man nicht weiter eingehen. Massenmord, Terror und Krieg konnten widerstandslos durchgeführt werden.

Wobei die Abstimmung selber war schon ein Vorzeichen der folgenden Zeit: Nach dem Reichstagsbrand und der folgenden “Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat” konnten Abgeordnete der Kommunistischen Partei nicht mehr teilnehmen, da sie geflohen oder verhaftet waren. Generell hatte das Terrorregime seine Arbeit bereits begonnen. Auch bei der Sitzung in der Krolloper waren viele SA Uniformierte aktiv und sorgten so für eine entsprechende Bedrohung.

Für die Abgeordneten des Zentrumspartei reichte dieser Druck offensichtlich aus. Bei Wikipedia wird das Abstimmungsverhalten wie folgt charakterisiert:

Der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Fritz Baade schrieb 1948: „Wenn man […] das ganze Zentrum nicht durch physische Bedrohung gezwungen hätte, für dieses Ermächtigungsgesetz zu stimmen, wäre auch in diesem Reichstag keine Mehrheit zustande gekommen. Ich entsinne mich, daß Abgeordnete der Zentrumsfraktion […] nach der Abstimmung weinend zu mir kamen und sagten, sie seien überzeugt gewesen, dass sie ermordet worden wären, wenn sie nicht für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hätten.“

Die SPD – selber aufgrund der Maßnahmen im Vorfeld nicht vollständig – stellte sich am Ende als einzige Partei gegen das Gesetz. Ausgereicht hatte es nicht. Dennoch ist die Rede von Fraktionsvorsitzenden Otto Wels der letzte demokratische Widerstand und die letzte demokratische Rede im Reichstag ((der im Übrigen danach kaum noch zusammentrat)). Prägnant sind einige Worte aus der Rede als Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit:

Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mag Sie Aufforderungen zu Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht, und wenn man es unterläßt, besiegte Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei.

(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)

Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.

(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht.(…)

Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. (…) Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiß. (…)

Aber dennoch wollen Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um Ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehendem ist aber noch keine Revolution. (…)

Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren.

Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus.

(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)

Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen.

Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut ihre ungebrochene Zuversicht –

(Lachen bei den Nationalsozialisten.)

(Bravo! Bei den Sozialdemokraten.)

verbürgen eine hellere Zukunft.”

Hitler bedeutete die Zustimmung der SPD nichts:

„Ich will auch gar nicht, dass Sie dafür stimmen. Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie.“

Die Rede (komplett hier) sollte uns – wie das Ereignis generell – daran erinnern, dass Demokratie neu verteidigt werden muss. Einschränkungen in Grundrechte und Legislative höhlen die Demokratie schnell aus. Daher besonderer Respekt an die SPD damals, die sich dem Druck entgegen stellte. 

Remember, Remember the 9th of November

Okay, das Originalzitat bezieht sich auf den “Gunpowder Plot” in England und den 5. November, aber irgendwie schwirrte mir dieser Spruch im Kopf rum und er passt auch auf jeden neunten November für mich.

Denn wie jedes Jahr fand auch gestern die Demonstration der Demokratischen Initiative zum Erinnern an die Pogromnacht 1938 statt, in der jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und abgebrannt wurden. In der Nacht wurden in Deutschland mindestens 91 Menschen ermordet, im Rahmen der Novemberpogrome wird aber inzwischen von mehr als 400 Toten ausgegangen. Oberbürgermeister Frank Baranowski hatte im Jahr 2006 den gelsenkirchener Ehrenbürger Kurt Neuwald zitiert, der seine Erfahrungen in dieser Nacht wie folgt beschrieb:

„In der Reichskristallnacht wurde ich nicht sofort verhaftet. Unsere Familie hatte am ganzen Abend Radio gehört, und so wussten wir, was sich anbahnte. Dann hörten wir in der Arminstraße, dort wohnten auch andere Juden, Scheibengeklirr und sahen, dass die SA Leute abholte. Wir, mein Vater und meine Brüder, flohen durch den Hintereingang unseres Hauses nach auswärts. Wir konnten uns bei einer nichtjüdischen Familie in Köln verstecken, acht Tage lang, bis die Verhaftungswelle zu Ende war. Dann konnten wir nach Hause zurückfahren und die Schäden, die angerichtet wurden, mit unseren eigenen Mitteln bezahlen.
Ich kann nur sagen, dass von unserem Geschäft, dem Bettengeschäft, das wir damals hatten, die Federn durch die ganze Straße flogen. Die Daunenbetten wurden zerschnitten. Alles wurde kaputt geschlagen. Viel blieb da wirklich nicht über. Anderen ging es ähnlich. In den Wohnungen wurde das Porzellan und auch die Möbel zertrümmert. Die Bilder an den Wänden wurden zerschnitten.
Unsere Wohnung in der Arminstraße lag in der zweiten Etage. Nebenan hat ein SA-Sturmführer gewohnt. Der kam in der Reichskristallnacht zu uns in die Wohnung, während seine Truppe damit beschäftigt war, unser Geschäft zu zerstören. Er erklärte meiner Mutter, es täte ihm sehr leid, aber er müsse nun seine Pflicht erfüllen. Aber er wollte die Wohnung verschonen. Wenn meine Mutter ihm Geld gäbe, könne er seine Leute ablenken. Meine Mutter gab ihm 100 Mark. Der Mann ist mit seinen Leuten nach der Zerstörung des Geschäfts in eine Wirtschaft gegangen – und unsere Wohnung ist verschont geblieben.“

Gelsenkirchener Zahlen für diese Nacht habe ich nicht gefunden, aber insgesamt wurden von den etwas mehr als 500 in Gelsenkirchen lebenden Juden 492 Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes.

Nun ist das alles mehr als 70 Jahre her, aber es ist kein Grund Geschichte einfach zu vergessen und Geschichte sein zu lassen. Noch immer gibt es Ewiggestrige, die rassistischen Ideologien anhängen und meinen Deutschland würde es auch nur einen tacken besser gehen, wenn man sich in dieser globalisierten Welt wieder abschottet. Erst vor wenigen Wochen war das Falkenheim in Hassel von Nazis beschmirrt worden.

Freilich gegen Juden richtet man sich nicht mehr so öffentlich – auch wenn die abstruse Theorie einer jüdischen Weltverschwörung in entsprechenden Kreisen noch immer zelebriert wird. Nein, Opfer der aktuellen Angriffe sind Muslime in Deutschland und dies ein weiterer Grund zu solchen Demos zu gehen. Es geht nicht um irgendwelche Schuldgefühle – die habe ich als Mensch der 1980 geboren ist für diese Ereignisse nicht mehr. Es geht nicht darum, dass man zu Kreuze kriecht wegen der Ereignisse und sich schlecht fühlen muss. Aber es geht darum sich diesem schrecklichen Ereignis zu erinnern, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Novemberpogrome dienen dabei als Sinnbild für die rassistische Verfolgung von Menschen in den Jahren 1933 bis 1945, die  zu Diskriminierung und am Ende zu millionenfachem Mord führte. “Wehret den Anfängen” ist die Schlussfolgerung daraus, an die man sich jährlich erinnert. Wenn Moscheen brennen wäre man schon einen Schritt zu weit. Diskriminierung fängt mit Worten an und nicht erst, wenn Menschen körperlich angegriffen und Häuser angezündet werden.

Am Anfang sagte Dr. Stefan Goch vom Stadtinstitut für Stadtgeschichte, dass diese Erinnerung immer schwerer fällt, wenn Zeitzeugen immer stärker wegfallen und das Ereignis damit mehr und mehr aus dem Bewusstsein verschwindet. Ich finde man muss daran arbeiten, dass dies nicht geschieht. Das Dritte Reich ist nicht einfach nur ein dunkler Schatten der Vergangenheit, es ist ein warnendes Beispiel dafür, wozu Intoleranz, Rassismus und Unmenschlichkeit führen kann. Und ein Tag im Jahr ist sicher nicht zu viel, um sich daran zu erinnern.

Auftaktkundgebung am Hauptbahnhof

Zeitungszeugen

image Heute habe ich im Copy-Shop meiner Universität doch noch Ausgaben von Zeitungszeugen gefunden. Wie schon berichtet ist dies eine Wochenzeitung, die Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus nachdruckt und in einen Zusammenhang stellt. Die Bayerische Landesregierung hatte die Zeitung eingezogen, weil sie die Urheberrechte an Nazi-Propaganda besitzt. Und wie schon im letzten Artikel bleibe ich auch bei näherer Betrachter dabei: Diese Aktion ist sinnlos. Die Publikation ist sehr gut und überzeugt mich durchaus. Und es ist doch durchaus besser, man bringt diese Propagandaschriften jetzt kommentiert heraus, als bis 2015 zu warten, bis dies jeder kann.

Aber anders als beim letzten Mal habe ich nun das Schriftstück direkt betrachten können – zumindest Ausgabe 2 zum Brand des Reichtags, der als Quellen die Vorwärts, den Völkischen Beobachter und die Vossische Zeitung beiliegt, zudem ein Wahlplakat der NSDAP. Letztes fand ich zunächst dann doch etwas verstörend, aber ich habe gesehen, dass in Ausgabe 3 eines der KDP beiliegt. Diese habe ich auch gekauft, aber es ist eine zensierte Sonderausgabe, so zumindest der Titel, denn anstatt dem Angriff und der Frankfurter Zeitung findet man nur eine Erklärung über den Sachverhalt und einen Coupon für die komplette Ausgabe im inneren des Mantels.

Und dieser Mantel rundet das Angebot auch gut ab. Zunächst wird ausführlich auf den Hintergrund und die Ereignisse der Ausgabe eingegangen, also beispielsweise Ermächtigungsgesetz, Reichtagsbrand oder – ab heute – der Boykott jüdischer Geschäfte. Auf der Rückseite wird unter “Geschichte erleben” dann schließlich noch auf die Zeitungen eingegangen, also deren Geschichte und eine geschichtliche Einordnung und Einschätzung, aber auch beispielsweise Besonderheiten, wie besondere Anzeigen und ähnliches. Die Zeitungen selber sind eben so wie Zeitungen aus den dreißiger Jahren. In Frakturschrift geschrieben, mit dem ein oder anderen Bild und auch Anzeigen für Lebensmittel oder den Gewinnspielzahlen der letzten Tage – eben eine Originalausgabe vom jeweiligen Tag. Gelesen habe ich diese wiederum natürlich noch nicht, das dauert grade bei der Schrift dann doch etwas, aber ich freue mich schon darauf, einen eingehenderen Blick in die verschiedenen Darstellungen zu werfen, wohlwissend, dass es sich – je nach Medium – um reine Propaganda handelt.

Aber ich finde man kann nicht viel besser aus der Geschichte und dem Leben in der Zeit des Nationalsozialismus lernen, als durch die Zeitungen, die ja nicht nur die wesentlichen Weltereignisse darstellen, sondern eben auch andere Ereignisse des Tages – verbotene Demos, verschärfte Gesetze, etc. Morgen kommt bekanntlich die Ausgabe zur Boykottierung von jüdischen Geschäften und in einer Woche dann diejenige zum Austritt aus dem Völkerbund.

Das Vorgehen der bayrischen Landesregierung scheint da noch unverständlicher und ganz ehrlich: Ich glaube noch immer nicht daran, dass nun plötzlich die Neonazis Deutschlands in die Läden stürmen, um sich diese Zeitung kaufen oder dass sich jemand einfach so eine rechte Zeitung liest und dann plötzlich der Ansicht ist, dass unter Hitler doch alles besser wäre und die Demokratie ein großer Müll ist.

Im Gegenteil bietet diese Reihe Geschichtsinteressierten eben einen faszinierenden Blick zurück (oder einem befreundeten Rollenspieler neues Quellenmaterial 😉 ) und das sage ich auch als jemand, der die kompletten Protokolle der Nürnberger Prozesse in einem Schuber auf dem Regal verstauben lässt 😀

Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus

Gleich zweimal lief mir heute das Thema der Verleugnung des Holocaust über den Weg und anstatt zwei Artikel aus diesen Verweisen zu machen, packe ich sie in einen, ohne damit eine Verbindung herzustellen: Denn die Katholische Kirche hat nun wirklich nichts mit der NPD gemein.

Dennoch hatte sich Papst Benedikt XVI. am Wochenende dazu entschlossen mit der Rücknahme der Exkommunikation von vier fundamentalistischen Bischöfen zumindest den Anschein zu Erwecken, ihm sei diese Leugnung und das christlich-jüdische Verhältnis egal. Dabei geht es weniger um die Exkommunikation als solches, denn ob die katholische Kirche wirklich wieder den Strom integrieren will, der dem interreligiösen Dialog ablehnend gegenübersteht und den Gottesdienst in Latein abhalten will, ist in erster Linie eine interne Angelegenheit. Allerdings hatte einer der 1988 von dem abtrünnigen Bischofs Marcel Lefevbre ohne Zustimmung des Papstes ernannten Bischöfe Richard Williamson noch vor einigen Tagen den Holocaust verleugnet, als er sowohl Gaskammern, wie auch den millionenfachen Mord abstritt. (Mehr zum Hintergrund der Exkommunikation und natürlich auch des aktuellen Streits bei Telepolis) Für alle Vertreter der Kirche, so auch dem Vertreter der Bischofskonferenz heute morgen im Morgenmagazin, scheint dies sauber zu trennen zu sein: Die Kirche habe sich mehrmals zum Dialog und gegen die Leugnung des Holocaust ausgesprochen, dem habe sich Williamson nun zu fügen und außerdem ging es ja nur darum, diese Kirchenspaltung aufzuheben. Demnach soll sich Williamson nun eben erneut erklären und werde genau beobachtet. Klingt erstmal eben nach Vergebung und Rückkehr in die christliche Familie, aber das Problem ist, dass es sich doch nicht um ein Schäfchen handelt, welches vom Weg abgekommen ist und nun wieder auf den Weg Gottes geführt werden soll. Nein, dieses “Schäfchen” ist ein Hirte und bevor man diesem nun offiziell den Segen der Amtskirche übergibt, sollte man doch vorher klären, ob er den Weg auch kennt und vertritt, oder? Im Prinzip kann es mir als Protestant völlig egal sein, aber irgendwie musste das raus 🙂

Als zweiter Teil zum Thema Holocaustleugnung kommt nun ein Link zum NPD-Info Blog. Dort findet sich ein interessanter Artikel dazu, wie die NPD sich offiziell zwar von Holocaust-Leugnern distanziert, aber zwischen den Zeilen die Geschicht verharmlost. Beispiele aus dem Artikel:

  • Der Aufruf von Horst Mahler, dass sich alle Holocaust Leugner doch selbstanzeigen mögen, um so das Gerichtssystem zu überlasten, wird von der NPD als “Verheizaktion” kritisiert, weil die Anzeigenden eben bestraft würden, gleichzeitig wird aber gesagt, “in Deutschland [gäbe] es keine objektive Geschichtsforschung”.
  • Holocaust wird für andere geschichtliche Ereignisse genutzt, um dieses singuläre Ereignis zu relativieren: “Bomben-Holocaust über Dresden” oder Demoaufrufe “Stoppt den Holocaust in Gaza”
  • In einer Broschüre für Wahlkämpfer wird empfohlen das Thema zu umschiffen. Auch soll die Verschärfung des Paragraphen zur Volksverhetzung, nach der es “schon” strafbar sei, wenn man die “nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt” als Maulkorb Paragraph angeprangert werden.

Alles schon ziemlicher Blödsinn. Spätestens, wenn man versucht in der Betrafung der Verherrlichung einer Schreckensherrschaft einen Maulkorb zu sehen, dürfte jedem Klar sein, mit welchem Gedankens Kind man es hier zu tun hat.

Anders im übrigen – und da zeigt sich abermals, was einem beim Bloggen so alles einfallen kann – bei den Herausgebern der Zeitung “Zeitungszeugen“. Einmal pro Woche werden hierbei Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus nachgedruckt und mit Kommentaren versehen verkauft. Der bayrischen Landesregierung, die die Urheberrechte für Schriften der Nationalsozialisten hat, gefällt das nicht und hat die Veröffentlichung unterbunden – unter Verweis auf das Urheberrecht. Im Kern geht es aber um etwas anderes: Die Frage, wieviel nationalsozialistische Propaganda man den Menschen zugängig machen darf. “Mein Kampf” ist ja beispielsweise nicht verboten, es darf nur nicht neu gedruckt werden, dabei – soviel zur Rücksichtnahme auf die Opfer – kann man dieses Schundwerk Hitlers bereits in Israel auf Hebräisch kaufen. Klar: Keins dieser Schriftwerke sollte unkommentiert herauskommen, um eine historische Einordnung und Richtigstellung der Texte zu ermöglichen. Andererseits sind es eben auch Quellen aus einer Zeit deutscher Geschichte, die nun – wie Marc Felix Serrao für die Süddeutsche gut darstellt – mystifiziert werden und dadurch noch interessanter und für Nazis eben eher eine Trophäe sind. Jedenfalls behaupte ich, dass die Leute vor denen man Angst haben müsste, dass sie wirklich auf diese Propaganda hereinfallen würden, wahrscheinlich nichtmal dazu greifen würden, wenn es frei verfügbar ist oder alternativ bereits jetzt schon “Mein Kampf” und andere Nazi-“Literatur” aus dem Netz gezogen haben – ist ja nicht so, dass ich als Hitler-Fan Probleme haben müsste, mir entsprechende Texte zu organisieren. Nur so bekommt man sie garantiert ohne irgendeine Anmerkung. Und im übrigen, liebe Bayrische Landesregierung: 2015 läuft das Urheberrecht eh auf, da wäre es m.E. sinnvoller gewesen diesem Projekt, an dem u.A. auch renomierte Wissenschaftler wie Prof. Dr. Wolfgang Benz oder Prof. Dr. Hans Mommsen teilnehmen, seine Unterstützung zu geben und damit die Veröffentlichungen zu dieser Thematik geregelt und fachlich kommentiert einzuleiten und hiermit zu verhindern, dass 2015 plötzlich jeder den Blödsinn von Einst einfach so abdrucken kann, ohne dass es früher bereits qualitativ hochwertige Veröffentlichungen für interessierte gegeben hat. Und im übrigen: Den Zeitungszeugen liegt keineswegs nur Nazipropaganda bei, sondern auch Nachdrucke von Vorwärts oder anderen Zeitungen.

Jedem das seine

Jeder, der bei dieser Überschrift einen Schrecken bekommen hat und mich vielleicht schon für mangelnde Sensibilität kritisieren wollte, hat offensichtlich ausreichende Geschichtskenntnis. So bescheinigt Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, allen anderen – und auch mir – eine “totaler Geschichtsunkenntnis”, wenn man diese drei Wörter nicht mit dem KZ Buchenwald in Verbindung bringt, wo diese über dem Eingang eingebracht waren. Hintergrund sind inzwischen zurückgezogene Kampagnen von Tchibo und Esso wegen dieser Wortkombination.

Ganz ehrlich: Ich bin der letzte, der meint man sollte die Geschichte Ruhen lassen oder die unmenschlichen Verbrechen des Nationalsozialismus in irgendeiner Form verharmlosen sollte, aber “Jedem das Seine” steht für mich wirklich nicht in nationalsozialistischem Zusammenhang. Wer den Ursprung bedenkt und die Aussage geht es eben um Toleranz hoch drei:

Geprägt hatte ihn allerdings der Philosoph Cato der Ältere vor mehr als 2000 Jahren; er meinte ihn positiv: Jeder Mensch soll sein Leben so gestalten können, wie er es möchte.

Ich sehe es auch so und habe den Spruch in meinem Leben sicherlich mehrmals gebraucht. Somit steht er für genau das Gegenteil von dem, was der nationalsozialistischen Logik entspricht.

Man sollte vorsichtig mit Wörtern aus dem Nationalsozialismus sein, aber in dem Zusammenhang geht mir die Aufregung etwas zu weit.

Was denkt ihr? Habt ihr die Redewendung im nationalsozialistischen Zusammenhang gesehen? Werdet ihr deshalb jetzt anders damit umgehen?