Tag - Mügeln

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“Ein Zuschauer sagte, weder in Mügeln noch in Sachsen gebe es Fremdenfeindlichkeit.”
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“Trauriger Normalfall”
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Fremdenhass als Alltag?

“Ein Zuschauer sagte, weder in Mügeln noch in Sachsen gebe es Fremdenfeindlichkeit.”

In der aktuellen Süddeutschen kann man ein Interview mit der Band Virginia Jetzt! lesen, welche vor wenigen Tagen an einem Konzert, einer großen Podiumsveranstaltung gegen Rechts in Müngeln teilnehmen sollten – aber ihr Konzert bereits nach zwei Liedern abbrachen:

Wir sind schon skeptisch hingefahren, weil wir Sorge hatten, dass die Diskussion eine Werbeveranstaltung für den Ort werden könnte. Unsere Befürchtung wurde bestätigt. Es ging nicht um den Vorfall, der sogar als harmlose Schlägerei abgetan wurde. Für uns war das Thema aber Fremdenhass in Deutschland, und was man dagegen tun kann. Wir waren so empört, dass wir das Konzert nach zwei Liedern abgebrochen haben. Vorher haben wir an die Leute appelliert, sich der Fremdenfeindlichkeit im Ort zu stellen, statt sie zu leugnen.

Für die Aktion bekam die Gruppe ein wenig Beifall, aber auch einige Buh-Rufe – dem Großteil war dies aber anscheinend egal. In Emails der folgenden Tage wurde aber durchaus eine Zustimmung deutlich, etwas auszuprechen, was man sich selbst nicht wagte. Noch schlimmer: Ein Vertreter einer Organisation wurde – auf einem Fest gegen Rechts! – ausgebuht, diejenigen, die einen offenen Brief geschrieben und die Probleme beim Namen nennen, wurden als Nestbeschmutzer beschimpft.

Der O-Ton der Diskussion war: Wir Mügelner sind doch nicht schuld. Das hat uns enttäuscht, denn wer wegschaut, trägt Mitschuld. Ein Zuschauer sagte, weder in Mügeln noch in Sachsen gebe es Fremdenfeindlichkeit. Die Besucher haben applaudiert.

Eigentlich ein schönes Schlusswort, aber nochmal der Hinweis: Natürlich sind auch nicht alle Bewohner von Müngeln Neonazis – und das hat auch nie jemand behauptet – aber es ist ja nicht aus dem Nichts eine Kampagne hochgezogen worden. Es wurden in Müngeln acht Menschen verprügelt und verfolgt nicht wegen igendwelchen Streitigkeiten im Bierzelt, sondern weil sie nicht deutsch, weil sie indisch waren! Das sind Fakten, die eigentlich eine deutliche Abwehrreaktion, einen Schock ausüben sollten, stattdessen Schweigen und Beschwichtigungen. Liebe Mügeler – so ihr das lest – stellt euch nicht auf die Seite derjenigen, denen ihr das Schlammassel zu verdanken habt, sondern schließt sie aus der Gesellschaft aus! Zeigt, dass es euch leid tut, was mit den Indern passiert ist – ohne daraus eine eigene Schuld anzuerkennen.

Ich habe auch keine Schuld am Holocaust und trotzdem erkenne ich die Verantwortung und die Folgen die sich daraus für einen Deutschen – eigentlich jeden Menschen – ergeben. Ich muss mich nicht verteidigen für diese Tat, aber ich werde jederzeit dafür eintreten, dass sich soetwas nicht wiederholt und deshalb distanziere ich mich auch von allen Menschen, die meinen das dies eine gute Sache war oder Ausländer hassen, weil es Ausländer sind.

Und wenn ihr nicht wollt, dass man euch immer wieder diesen Spiegel eigener Ignoranz vorhält, dann seit ihr in der Verantwortung nicht zu ignorieren, dass es zumindest unterschwelligen Fremdenhass in der Stadt gibt und diesen aktiv zu bekämpfen. Augen zu und durch hat in der Nacht der Hetzjagd schon nicht funktioniert…

“Trauriger Normalfall”

Ein interessantes Interview mit dem Gewaltforscher Heitemeyer kann man auf den Seiten der Tagesschau nachlesen. Neben einer Bewertung der Programme der Regierung und der Feststellung, das Geld nicht alles ist, geht er aber auch auf den Fall von Müngeln ein:

Dies ist ein trauriger Normalfall. Als Konsequenz muss der Blick nun endlich auf die Stadtgesellschaften gerichtet werden, denn die feindseligen Mentalitäten werden vor allem von den Älteren vertreten – und die Jüngeren bringen dann die Gewalt ins Spiel. Und dann wird eine Gesellschaft plötzlich nervös. Was die Älteren an Denkmustern jeden Tag am Stamm- oder am Abendbrottisch transportieren, das wird überhaupt nicht thematisiert. Es geht nicht darum, sich gegen rechtsextreme Gruppen zu versammeln, sondern die Stadtgesellschaft ist das Problem. Wenn man die Älteren nicht mit ins Boot bekommt, dann hat man ganz schlechte Karten.

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Fremdenhass als Alltag?

Es sei noch kurz auf einen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung hingewiesen, der sich mit den Geschehnissen in Mügeln beschäftigt:

Doch es ist gerade dieses Alltägliche, das an der Menschenjagd von Mügeln erschreckt. Dass es als logisch erscheint, dass sich die Aggression, die Trunkenheit und die Langeweile der Festzeltbesucher über den acht Dunkelhäutigen entladen und nicht über irgendwelchen weißen Sachsen; dass einer, der wütend auf einen Inder ist, “Ausländer raus” ruft oder “Hier regiert der nationale Widerstand” – und nicht: “Du Depp”.

Denn eigentlich ist genau das das erschreckende. Wenn wir einfach annehmen, dass es keine organisierte Rechte war, die dort aufgetreten ist, sondern sich dies “spontan” ergeben hat, muss dies noch viel mehr Alarmglocken zum Schrillen bringen, denn es zeigt, wieviel Fremdenfeindlichkeit und Aggressionspotential in manchen Köpfen herumspuckt, ohne deshalb gleich einer freien Kameradschaft o.ä. anzugehören…