Tag - Gelsenkirchen

1
Das einzige Sichere ist nur die Wahl selbst
2
Buch zur Berliner Brücke
3
Wie das Hans-Sachs Haus zu seinem Namen kam..
4
Sturm über Gelsenkirchen
5
Herzlichen Glückwunsch Italien!
6
Infoabend zu attac
7
Margarethe Zingler Platz
8
Stärkungspakt – Ausweg aus der kommunalen Verschuldung?
9
Mindestlohn ist Minimum
10
Remember, Remember the 9th of November

Das einzige Sichere ist nur die Wahl selbst

In ungefähr drei Stunden schließen die Wahllokale für die Stichwahl für das Amt des Oberbürgermeisters in Gelsenkirchen. Und ich sitze noch zuhause mit nur einer Gewissheit: Ich werde wählen gehen. Wen und ob gültig weiß ich noch nicht. Grund genug etwas darauf einzugehen.

Karin Welge habe ich in der Kommunalpolitik natürlich auch schon persönlich kennen gelernt. Sei es als die langjährig zuständige Beigeordnete im Bezirk Mitte, im Zusammenhang mit dem Zuzug von Geflüchteten 2015 oder eben im Rahmen von Regionalforen zum Haushalt. Sie ist sicherlich eine erfahrene Person in der Verwaltung auch auch nicht unsympathisch. In Sachen Klimaschutz war sie auf eine Frage meinerseits bei einer GRÜNEN Mitgliederversammlung nicht weniger ausweichend oder unkonkret als ihr Herausforderer Malte Stuckmann. Was ich ihr aber irgendwie ankreiden muss, ist schon eine gewisse Haltung, das zu sagen, was gefällt. Bei der besagten Mitgliederversammlung meinte sie zur Aufnahme von 50 Geflüchteten noch in einem weiteren ausweichenden Statement, dass das für sie kein Problem sei, aber man dafür Mehrheiten bräuchte. In der WAZ gestern war sie gestern dagegen schwammiger:

[Ohne Anpassung von Verteilungsquoten] sind wir nicht in der Lage, mehr Menschen aufzunehmen und Integration Wirklichkeit werden zu lassen. Damit der soziale Friede bewahrt bleibt, brauchen wir einen transparenten Integrationsmechanismus, den die Stadtgesellschaft mittragen kann.

Also eher in Richtung der SPD, die einen Antrag als sicheren Hafen mit einer Quote abgelehnt hatte, die jetzt schon übererfüllt ist und auch Menschen aus Rumänien und Bulgarien einschließt. Es klingt dann einfach so, als würde sie damit bei uns sagen, was man gerne hören will, um sie zu unterstützen, aber es eben nicht so meint. Nicht mein Politikstil.

Problematischer ist für mich aber ihre Partei und die Arroganz der Macht, die man auch im Wahlkampf immer wieder spürt. Zum einen der Wahlkampf selber, der nur gegen CDU und auch uns gerichtet war und erstmal böswillige Motive unterstellte. Schon mit verfrühter Plakatierung wurde so unfair begonnen. Und als die GRÜNEN sich wagten, keine Empfehlung auszugeben, gab es Äußerungen, die daraus patriachalische Entscheidungen machten oder uns damit die Progessivität absprachen. Und auch dazu passt das WAZ Interview. Während Stuckmann durchaus anerkannte, dass starke GRÜNE für mehr Druck sorgen für eine “Harmonisierung der ökologischen und ökonomischen Stadtentwicklung”, beschrieb Welge eher, was die GRÜNEN an tollen Dingen der SPD mittragen würden:

Die Förderung der Wasserstoffwirtschaft und der vernetzte ÖPNV im Ruhrgebiet sind für mich wichtige Themen, bei denen die Grünen sicher mitgehen würden. Auch Digitalisierung und Partizipation dürften interessant für die Grünen sein, da haben wir mit dem Bezirksforum gut vorgelegt.

Als wenn vieles davon nicht grüne Themen wären. Mobilitätswende sei schwieriger. Wenn man ihre diplomatische Sprache dazu zieht, zeigt sich, dass sich da nicht viel tun wird. Und damit eigentlich auch kein Klimaschutz. Sowohl CDU, als auch SPD hatten im letzten Jahr den Konsenz im Umweltausschuss aufgekündigt, der Klimaschutz zum wichtigsten Ziel in Gelsenkirchen machte und ihn auf die gleiche Stufe wie Wirtschaft, Soziales und andere Umweltfragen brachte. Stellt sich die Frage, was es vorher war.

Aber blicken wir damit auf die CDU. Ich habe Stuckmann nur bei der besagten GRÜNEN Versammlung gesehen. Ich weiß nicht, ob er kommunalpolitisch aktiv war. Definitiv nicht in der ersten Reihe und jetzt auch nicht: Die CDU hat bereits jemand anderen zum Fraktionsvorsitz bestimmt. Finde unklar, was dies als Signal in das Vertrauen des eigenen Kandidaten bedeutet.

Seine wirtschaftspolitischen Ansichten fand ich interessant und für eine Aufbruchsstimmung interessant, aber ich frage mich, wieviel Einfluss die Kommune wirklich auf die wirtschaftliche Entwicklung haben kann. Und auch hier ist die Partei ein Problem: Weder beim Klimaschutz noch bei Geflüchteten am Ende im Rat eine Position, die mir nahe steht. (Umweltausschuss in beiden Parteien mal ausgenommen.)

Dazu vertritt der Partei- und neue Fraktionsvorsitzende eine Position, die an die Hufeisentheorie des Extremismus hervorgekramt hat, als es um Beschädigung von Plakaten ging:

Jetzt rächt sich, dass in Gelsenkirchen in den vergangenen Jahren extremistischen Umtrieben aus dem linken Spektrum nicht gleichermaßen ein Riegel vorgeschoben wurde, wie wir es zurecht bei Rechtsextremisten getan haben.

In Zeiten von einer starken AfD und einer bedeutungslosen MLPD eine gewagte These, die ebenfalls stark mit meinen Positionen und der Frage, wer unsere Demokratie am stärksten gefährdet, kollidiert.

Aber ist dies ausreichend, um dafür auf die Person zu schließen? Ich weiß es noch nicht. Noch habe ich gute 1,5 Stunden Zeit. Dann geht es ins Wahllokal und es stellt sich die Frage, wo das Kreuz landet oder ob es ein großes über dem gesamten Zettel geht.

Ab 18 Uhr wird dann ausgezählt und hier kann man die Ergebnisse einsehen. Ich denke spätestens ab 19 Uhr sollte man eine erste Tendenz erkennen können. Und wenn es nur ist, dass es am Ende eng wird.

Buch zur Berliner Brücke

Ich kenne die Stadt nicht anders: Kurt-Schumacher Straße, eine lange Brücke direkt nach der Grillostraße, der direkte ungestörte Weg nach Buer – naja, Stau mal ausgenommen, aber als Bahnfahrer hat man damit auch weniger zu tun. Aber das es mal ganz anders war, zeigt das neue Buch des Heimatbund Gelsenkirchen: “Berliner Brücke”. Es geht dabei um diese Brücke, die 700m lang über die Bahnanlagen in Schalke führt. Momentan hat man mit der Bahn ja nur noch zu tun, wenn man überlegt, ob man die Uechtingstraße fährt – wo man dann unter Umständen wenige Minuten darauf warten muss, dass die Bahn eben durchführt.

Früher war das offensichtlich anders: In einer 14 Stunden langen Messung noch vor der Brücke aus dem Jahr 1956 senkte sich die Schranke 118mal und führte zu 5 Stunden und 18 Minuten Wartezeit. ((Koenen, Hans-Joachim / Heimatbund Gelsenkirchen:”Berliner Brücke”, Gelsenkirchen 2015, S.10)) In der im Ruhrgebiet offenbar typischen Selbstironie nannten die Gelsenkirchener diese Schranken “Glückauf” Schranke – mit Glück war sie auf 🙂

Naja, und da es so nicht weitergehen konnte, wurde schließlich die Berliner Brücke gebaut. Optionen, Probleme und viele technische Details werden in dem kleinen Heft gut beschrieben. Für 5 Euro ein nettes Stück Heimatgeschichte zu einer Brücke, die heute eine der Lebensadern der Stadt ist, vor 50 Jahren aber noch an einem Trennpunkt unserer Stadt stand.

Zu bekommen ist es unter anderem in der Buchhandlung Junius. Die WAZ hatte heute auch einen Bericht dazu.

berlinerbrueckebuch

Fotos: Beitragsbild mit Gedenkschild Berliner Brücke von Michael Westphal unter CC-by-sa 3.0 Lizenz / Buchfoto: Eigene Aufnahme

 

Wie das Hans-Sachs Haus zu seinem Namen kam..

…hat das Institut für Stadtgeschichte in einem alten Dokument gefunden:

Sturm über Gelsenkirchen

Was war das für ein Abend gestern. Bei mir gab es die ersten Vorahnungen, als ein Freund beim Online-Spielen mitteilte, er müsse eben kurz das Auto in die Garage bringen. Sein Vater habe ihn gewarnt, dass da einiges im Anmarsch ist. Gut, “etwas windig” war da noch der Gedanke, aber dann ging es ja wirklich los. Äste schlugen mir vor das Fenster, Licht flackerte, an Spielen war kaum noch zu denken. Nicht nur weil die Mitspieler ebenso fasziniert an den Fenstern hingen, auch das Internet war bei diesen oft etwas instabiler. Und als dann bei mir der Strom auch mal für eine Sekunde ausfiel und der Rechner sich ausschaltete, habe ich es lieber so gelassen. Später wurden dann draußen die Folgen deutlich (Fotos von Dana Dimanski aus Sutum):

Das ist im übrigen die Kurt-Schumacher Straße :)

Das ist im übrigen die Kurt-Schumacher Straße 🙂

IMG_1634 IMG_1639

Heute beginnt dann das große Aufräumen: Oberleitungen und Straßenbahnschienen wurden zerstört, so dass diese erstmal ausfallen. Die 301 fährt noch im unterirdischen Bereich zwischen Consolidation und dem Hauptbahnhof. Ansonsten sollte auf Busse ausgewichen werden. Und selbst da gibt es noch Probleme im Straßenverkehr. Die Kurt-Schumacher Straße war beispielsweise noch bis vor kurzem komplett gesperrt. Ob dieser Status noch anhält, weiß ich nicht, ich würde aber davon ausgehen.

Friedhöfe, Sportanlagen, Spielplätze und Schulhöfe bleiben bis auf weiteres im übrigen gesperrt, so eine aktuelle Meldung der Stadt.

Hier einige Links, falls ihr auf dem Laufenden bleiben wollt:

Ich versuche auch das ein oder andere davon zu posten, aber direkt an der Quelle macht vielleicht für den ein oder anderen mehr Sinn 🙂

An dieser Stelle auch nochmal mein Respekt und Dank für die vielen Helferinnen und Helfer, die seit gestern Abend damit beschäftigt sind, diese Schäden zu beseitigen!

Herzlichen Glückwunsch Italien!

Es halt leider nicht gereicht. Wiedereinmal sind wir im Halbfinale gescheitert und können am Sonntag nicht mit der deutschen Nationalmannschaft mitfiebern Europameister zu werden. Große Spieldiagnosen findet ihr woanders genug, hier nur auf die Schnelle einen Glückwunsch an die italienische Mannschaft und allen Fans am Sonntag ein spannendes und erfolgreiches Spiel – für wen auch immer man sein mag. 🙂

Das Video oben habe ich an dem Abend an der Ringstraße aufgenommen. Wir waren eigentlich schon auf dem Rückweg, aber offenbar war da noch mehr Huplaune vorhanden, als gedacht. Übrigens auch von deutschen Fans – viele Autos auf der Straße hupten zusammen mit den italienischen Freunden.

Infoabend zu attac

Heute abend war ja die Infoveranstaltung zu attac in Gelsenkirchen, von der ich berichtet hatte. Schwerpunkt lag klar bei der Darstellung von attac als Organisation, über die Ziele und vor allem die Stuktur der Organisation. Ich will jetzt die Inhalte nicht alle wiedergeben, wer sich grundsätzlich interessiert fühlt, kann dies bei attac selber glaube ich besser nachlesen. Kurz gesagt ist attac aber eine globalisierungskritische Bewegung, die aus dem Streben für die Tobinsteuer [[1. Eine Finanztransaktionssteuer, bei der eben Spekulationen auf Währungen besteuert werden. In etwa, wie bei der momentanen Diskussion, nur dass die Einnahmen aus der Steuer für die Entwicklungshilfe genutzt werden sollte.]] entstanden ist. In drei Punkten drückt attac dies in der attac-Erklärung wie folgt aus:

  • Attac will als Teil der außerparlamentarischen Bewegung einen Beitrag für eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft leisten.
  • Attac streitet für eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der der Reichtum der Welt gerecht verteilt und ökologisch genutzt wird.
  • Attac ist Bestandteil der Antikriegs- und Friedensbewegung, denn eine gerechte Welt ist ohne Frieden nicht möglich.

Direkt darunter folgen dann konkrete Forderungen, guckt es euch am besten mal an.

Ansonsten ging es eben stark um Strukturen, die von drei Prinzipien geleitet werden: Pluralismus, Autonomie und Konsens. Pluralismus steht eben für die Akzeptanz verschiedener Meinungen und Hintergründe -nur für ” Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus und verwandte Ideologien gibt es keinen Platz”[[2. siehe Selbstverständnis]] bei attac. Autonomie ist steht für die einzelnen Gruppierungen, Aktionsgruppen oder Regionalverbände, die in ihrem Handeln völlig frei sind und nicht kontrolliert werden. So sind sogar verschiedene Positionen in attac möglich. Bei Streitigkeiten gilt ein Konsensprinzip. So können bei Abstimmungen neben dem bekannten “JA” auch verschiedene Formen des “Neins” abgegeben werden. Ein Nein widerspricht zwar dem Antrag, aber wenn er eine Mehrheit findet, ist dies auch kein Weltuntergang. Man kann aber auch mit einem Veto Einspruch einlegen und wenn dies mindestens 10% der Teilnehmenden machen, wird nochmal verhandelt – in der Regel wohl sehr erfolgreich.

Die Gründung fand heute aber noch nicht statt. Zunächst wollte man die Informationen etwas sacken lassen und bei einem weiteren Treffen am 20. Juni (19 Uhr,  Alfred-Zingler-Haus, Margaretenhof 10-12, 45888 Gelsenkirchen) dann vielleicht auch mit weiteren Interessierten die konkreten Schritte zur Gründung einer Ortsgruppe anzugehen.

Margarethe Zingler Platz

Heute Abend war im Bildungszentrum eine Informationsveranstaltung zum Margarethe Zingler Platz – dem Hauptmarkt in Gelsenkirchen. Momentan hat man auf dem Platz ja einen kleinen Teil (gut ein Drittel), welcher als regulärer Platz genutzt wird und auf dem auch der Markt stattfindet. Der übrige Teil des Platzes wird momentan als Parkplatz genutzt. Zur Vergegenwärtigung hier nochmal die Grafik aus der städtischen Ausschreibung für das Bauvorhaben:

image

Grob gesagt kann man sagen, dass die große Fläche (etwas mehr) als Parkplatz dient. In der Grafik ist es natürlich das geplante Bauprojekt.

Weiterlesen

Stärkungspakt – Ausweg aus der kommunalen Verschuldung?

An diesem Wochenende ist große Klausurtagung der GRÜNEN aus Gelsenkirchen zum Haushalt. Aber neben den konkreten Zahlen für das Jahr 2012 stand gestern erst mal der kommunale Stärkungspakt zur Konsolidierung der Finanzen von Städten und Kommunen. Im November war dieses Gesetz vom Landtag verabschiedet worden und das Innenministerium beschreibt es wie folgt:

Überschuldete Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen sollen wieder handlungsfähig werden. Deshalb will das Land sie schon ab diesem Jahr jährlich mit insgesamt 350 Millionen Euro unterstützen. Im Gegenzug müssen diese Kommunen aber einen klaren Sanierungskurs einschlagen.

Stadtkämmerer Lunemann hatte uns durch die tückischen Details und weiteren Informationen zu diesem Pakt geleitet und ich versuche hier die wesentlichen Elemente seines guten Vortrages wiederzugeben – freilich aus Gelsenkirchener Sicht. Es sei noch angemerkt, dass eventuelle Meinungsäußerungen ob nun direkt oder von euch zwischen den Zeilen herausgelesen maximal meine Meinung darstellen und keineswegs eine GRÜNE Position.

Weiterlesen

Mindestlohn ist Minimum

Heute fand eine kleine, aber feine Demonstration an der Zeppelinallee vor der Zentrale der Arbeitgeberverbände statt. Grund hierfür waren Äußerungen des Verbandsgeschäftsführers Dr. Christopher Schmitt, der den Mindestlohn eher für arbeitslosigkeitsfördernd darstellte und damit deutlich ablehnt. (Siehe Pressemitteilung hier) Mit der kleinen Demo und der Forderung “Mindestlohn ist Minimum” demonstrierten nun Teile der Grünen Jugend, DGB, verdi, Jusos und Falken um die anderen Sichtweisen aufzuzeigen.

Demonstration vor den Arbeitgeberverbänden

Weiterlesen

Remember, Remember the 9th of November

Okay, das Originalzitat bezieht sich auf den “Gunpowder Plot” in England und den 5. November, aber irgendwie schwirrte mir dieser Spruch im Kopf rum und er passt auch auf jeden neunten November für mich.

Denn wie jedes Jahr fand auch gestern die Demonstration der Demokratischen Initiative zum Erinnern an die Pogromnacht 1938 statt, in der jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und abgebrannt wurden. In der Nacht wurden in Deutschland mindestens 91 Menschen ermordet, im Rahmen der Novemberpogrome wird aber inzwischen von mehr als 400 Toten ausgegangen. Oberbürgermeister Frank Baranowski hatte im Jahr 2006 den gelsenkirchener Ehrenbürger Kurt Neuwald zitiert, der seine Erfahrungen in dieser Nacht wie folgt beschrieb:

„In der Reichskristallnacht wurde ich nicht sofort verhaftet. Unsere Familie hatte am ganzen Abend Radio gehört, und so wussten wir, was sich anbahnte. Dann hörten wir in der Arminstraße, dort wohnten auch andere Juden, Scheibengeklirr und sahen, dass die SA Leute abholte. Wir, mein Vater und meine Brüder, flohen durch den Hintereingang unseres Hauses nach auswärts. Wir konnten uns bei einer nichtjüdischen Familie in Köln verstecken, acht Tage lang, bis die Verhaftungswelle zu Ende war. Dann konnten wir nach Hause zurückfahren und die Schäden, die angerichtet wurden, mit unseren eigenen Mitteln bezahlen.
Ich kann nur sagen, dass von unserem Geschäft, dem Bettengeschäft, das wir damals hatten, die Federn durch die ganze Straße flogen. Die Daunenbetten wurden zerschnitten. Alles wurde kaputt geschlagen. Viel blieb da wirklich nicht über. Anderen ging es ähnlich. In den Wohnungen wurde das Porzellan und auch die Möbel zertrümmert. Die Bilder an den Wänden wurden zerschnitten.
Unsere Wohnung in der Arminstraße lag in der zweiten Etage. Nebenan hat ein SA-Sturmführer gewohnt. Der kam in der Reichskristallnacht zu uns in die Wohnung, während seine Truppe damit beschäftigt war, unser Geschäft zu zerstören. Er erklärte meiner Mutter, es täte ihm sehr leid, aber er müsse nun seine Pflicht erfüllen. Aber er wollte die Wohnung verschonen. Wenn meine Mutter ihm Geld gäbe, könne er seine Leute ablenken. Meine Mutter gab ihm 100 Mark. Der Mann ist mit seinen Leuten nach der Zerstörung des Geschäfts in eine Wirtschaft gegangen – und unsere Wohnung ist verschont geblieben.“

Gelsenkirchener Zahlen für diese Nacht habe ich nicht gefunden, aber insgesamt wurden von den etwas mehr als 500 in Gelsenkirchen lebenden Juden 492 Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes.

Nun ist das alles mehr als 70 Jahre her, aber es ist kein Grund Geschichte einfach zu vergessen und Geschichte sein zu lassen. Noch immer gibt es Ewiggestrige, die rassistischen Ideologien anhängen und meinen Deutschland würde es auch nur einen tacken besser gehen, wenn man sich in dieser globalisierten Welt wieder abschottet. Erst vor wenigen Wochen war das Falkenheim in Hassel von Nazis beschmirrt worden.

Freilich gegen Juden richtet man sich nicht mehr so öffentlich – auch wenn die abstruse Theorie einer jüdischen Weltverschwörung in entsprechenden Kreisen noch immer zelebriert wird. Nein, Opfer der aktuellen Angriffe sind Muslime in Deutschland und dies ein weiterer Grund zu solchen Demos zu gehen. Es geht nicht um irgendwelche Schuldgefühle – die habe ich als Mensch der 1980 geboren ist für diese Ereignisse nicht mehr. Es geht nicht darum, dass man zu Kreuze kriecht wegen der Ereignisse und sich schlecht fühlen muss. Aber es geht darum sich diesem schrecklichen Ereignis zu erinnern, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Novemberpogrome dienen dabei als Sinnbild für die rassistische Verfolgung von Menschen in den Jahren 1933 bis 1945, die  zu Diskriminierung und am Ende zu millionenfachem Mord führte. “Wehret den Anfängen” ist die Schlussfolgerung daraus, an die man sich jährlich erinnert. Wenn Moscheen brennen wäre man schon einen Schritt zu weit. Diskriminierung fängt mit Worten an und nicht erst, wenn Menschen körperlich angegriffen und Häuser angezündet werden.

Am Anfang sagte Dr. Stefan Goch vom Stadtinstitut für Stadtgeschichte, dass diese Erinnerung immer schwerer fällt, wenn Zeitzeugen immer stärker wegfallen und das Ereignis damit mehr und mehr aus dem Bewusstsein verschwindet. Ich finde man muss daran arbeiten, dass dies nicht geschieht. Das Dritte Reich ist nicht einfach nur ein dunkler Schatten der Vergangenheit, es ist ein warnendes Beispiel dafür, wozu Intoleranz, Rassismus und Unmenschlichkeit führen kann. Und ein Tag im Jahr ist sicher nicht zu viel, um sich daran zu erinnern.

Auftaktkundgebung am Hauptbahnhof