Archiv31. Oktober 2020

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Die unlogische Logik der Corona Maßnahmen

Die unlogische Logik der Corona Maßnahmen

Montag ist es so weit: Die nächsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie treten in Kraft. Insbesondere der Freizeitsektor wird in einen Shutdown versetzt, also Gastronomie, Kultureinrichtungen und weiteres bleibt geschlossen. Dazu kommen Beschränkungen der Kontakte in der Öffentlichkeit. Und es kommen gute Fragen auf:

Unterscheidet der Virus zwischen Schulen, Arbeit und Gaststätten? … Warum werden Gottesdienste nicht auch verboten? …

Natürlich ist da oft Polemik bei und manchmal Leute, die nach über einem halben Jahr Corona noch immer den Virus runterreden. Aber was ich auch wahrnehme ist einen Wandel in der Akzeptanz der Maßnahmen bei denjenigen, die den Virus durchaus ernst nehmen. Denn vieles von dem erscheint auf den ersten Blick unlogisch.

“Aber arbeiten gehen darf man noch?”

Die Kritik beginnt mit der durchaus berechtigten Fragestellung, ob Gaststätten wirklich der Übertragungsweg sind und ob größere Menschenansammlungen in Bus und Bahn, in Schulen oder Kindergärten oder eben dem Arbeitsplatz nicht viel problematischer sind. Und der Blick auf die Untersuchungen macht dieses Bild auch sehr verständlich:

Quelle: RKI Situationsbericht vom 27.10.2020

Das Problem: Nur noch 25 Prozent der Infektionen lassen sich zuordnen. Und man kann vielleicht davon ausgehen, dass Infektionen im privaten, schulischen oder arbeits- Umfeld eher zu erkennen sind, als die eher zufälligen in der Öffentlichkeit. Wenn man infiziert ist, kann man ja eher sagen, wo man arbeitet, mit wem man zusammenlebt oder welche Kontakte in Schule oder Kita drohen. Wen man aber vielleicht beim Bäcker infiziert hat, kann man natürlich nicht erahnen. Auch die Regelung, dass man 15 Minuten eng zusammengestanden haben muss, um als Kontaktperson beispielsweise bei der Corona-App zu dienen, erscheint mir seltsam. Aber lassen wir die Spekulation. Ich will hier nicht behaupten, dass die 75% eher im “Freizeit-Bereich” liegen. Habe dafür keine Anhaltspunkte, aber es zeigt sich, dass diese Statistik eben alleine nicht ausreicht.

Schlimme Folgen besser als katastrophale Folgen?

Ich glaube am Ende geht es darum die Folgen abzuschätzen. Ein zwei- bis dreiwöchiger “Sonntag” wäre sicherlich das sinnvollste: Alle bleiben drei Wochen zuhause, Geschäfte geschlossen und nur das absolut notwendigste läuft noch. Aber machen wir uns nichts vor: Das kann keiner wollen, wäre eine deutlich überspitze Maßnahme, definitiv nicht verhältnismäßig und hätte Kosten, die man sich nicht vorstellen kann. Aber damit kommen wir zum Grund zurück, warum es “nur” den Freizeit-Bereich trifft, obwohl natürlich andere Bereiche wichtig wären.

Würden Schulen und Kitas geschlossen werden, um dort die Übertragungswege zu stoppen, hätten viele Eltern ein Betreuungsproblem von Kindern und Jugendlichen, die zuhause bleiben und betreut werden müssen. Es würden womöglich Leute nicht zur Arbeit gehen können, was wiederum Probleme hervor bringt. Das gleiche gilt im Prinzip auch für den ÖPNV. Bus und Bahn sind sicherlich oft zu voll, aber sie auszusetzen bringt das Problem, wie Menschen zur Arbeit kommen. Man kann sich ja nur mal angucken, wie die Stimmungslage bei den Warnstreiks von ver.di in den letzten Wochen war.

Und ja: Irgendwie ist es seltsam, dass ich den Gang zur Arbeit so hoch werte. Arbeit soll ja nicht alles sein, aber die volkswirtschaftlichen Folgen von einem flächendeckenden Wegfall von Arbeitnehmer*innen dürften nicht zu unterschätzen sein. Von daher mag dieser (erste?) Schritt des “Freizeit-Shutdowns” eine mildere Maßnahme sein. Zu meinen Befürchtungen später noch. Ich will eine andere Idee heranbringen, die mir durch einen Facebook Eintrag von Dennis gekommen ist:

Bleistiftzeichnung von Don Quijote

“…Es ist das andere Drittel welches die Pandemie voran treibt. Nicht die zwei Drittel im privaten Haushalt. Ist die eigene Gruppe erst einmal durchinfiziert, Mama, Papa, Kind usw., ist die Pandemie vor Ort erstmal am Ende.
Erst der Kontakt mit anderen Gruppen sorgt für ihren weiteren Verlauf.”

Dennis Nawroth, facebook

Demnach kann es durchaus so sein, dass die Hauptinfektionen im privaten Rahmen stattfinden – es ist der öffentliche Raum, über den sie die verschiedenen privaten Rahmen erreichen. Ein durchaus interessanter und nachvollziehbarer Ansatz zur Erklärung von Infektionswegen. Und ja, kein Widerspruch gegen das Risiko am Arbeitsplatz, aber eine Erklärung, warum auch dieser “Freizeit-Shutdown” helfen kann.

Das Risiko des Scheiterns

Aber dieses “kann” macht mir sorgen. Gerade, wenn man womöglich nicht die Hauptquellen erreichen kann und dadurch auf den ersten Blick berechtigter Zweifel an den jetzt getroffenen Maßnahmen aufkommen, dann ist das Risiko des Scheiterns umso größer. Wenn wir im Dezember nicht eine positive Tendenz erkennen können, befürchte ich einen großen Wandel in der öffentlichen Stimmung.

Ich weiß noch nicht in welche Richtung, aber die jetzt häufiger auftretenden Zweifel werden dann massiver werden und in der Tat kann dann alles an Vertrauen in die Politik verloren gehen.

Eine wirkliche Alternative kann ich auch nicht bieten. Die Maßnahmen erscheinen mir in vielen Fällen – auf die Ausnahmen komme ich gleich – als durchaus gangbaren Weg, aber ich bin ehrlich gesagt auch begrenzter betroffen als viele andere. Alles andere wäre für mich aber in der Tat ein größerer Schaden oder – beim Nichtstun – ein viel zu hohes Risiko. Auch wenn man jetzt noch nicht in Panik geraten mag im Bezug auf die Belastung von Krankenhäusern, kann sich die Belastung ganz schnell ändern und dann trifft es nicht nur Corona-Patient*innen, sondern auch anderen kranke oder verletzte Menschen.

Und ja, ich will weder den wirtschaftlichen Schaden abtun und kann nur hoffen, dass die Förderungen der Regierung nicht nur Freizeitbetriebe, sondern auch Solo-Selbstständige endlich (und rückwirkend) unterstützen. Noch kann ich kleinreden, was es durch ausfallende Veranstaltungen für psychische Probleme geben mag, wenn wichtige Ablenkungen von der aktuellen Lage plötzlich ausbleiben.

Nur eine wirkliche Alternative fehlt mir. Wer Ideen hat, kann sie gerne in den Kommentaren hinterlassen. Freue mich auf gute Diskussionen diesbezüglich. (Was ich – um das gleich vorweg zu nehmen – nicht zulassen und diskutieren werde, sind Grundlagen der aktuellen Pandemie: Wer den Virus verharmlost oder abstreitet, kann dies gerne tun, aber nicht hier in den Kommentaren. Man muss dies nach fast 8 Monaten auch nicht mehr diskutieren. Die Positionen sind dann klar.)

Was ganz schwer zu verstehen ist

Nach diesen eigentlichen Schlussworten will ich noch auf zwei Dinge eingehen, die mir seltsam erscheinen – Quarantäne und Gottesdienste:

  1. Bei der Quarantäne finde ich seltsam, dass Kontaktpersonen 1. Grades (also Menschen dir direkten Kontakt mit einer positiv getesteten Person hatten) nur dann unter Quarantäne gestellt werden, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. 15 Minuten Gespräch in schlechter Lüftung, etc. Was im Normalfall vielleicht okay ist, wird bei gemeinsamen Haushalten schon merkwürdig. Hier sollte früher und schneller agiert werden – auch weil es einfach seltsam erscheint, wenn jemand, der so nah an der Quelle sitzt noch immer arbeiten gehen darf. Mit Glück sagt der*die Vorgesetzte*r, dass man zuhause bleiben soll, aber Anspruch hat man darauf nicht.
  2. Gottesdienste zu erlauben, während Kino, etc. entfallen mag seltsam klingen. Empfinde ich auch so. Und ja, auch hier gilt, dass dies für Menschen in dieser Zeit einen besonderen Halt geben mag, aber das mag bei anderen auch der Discobesuch am Wochenende sein. “Problem” und zu berücksichtigen ist, dass Kirchen unter einem besonderen Schutz der Verfassung stehen und vielleicht darum etwas hervorgehoben sind. Wenn es allerdings im erzkatholischen Irland geht, dann sollte es auch bei uns möglich sein, hier entsprechend zu agieren.