ArchivJuni 2020

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Privilegien und der Kampf gegen Rassismus

Privilegien und der Kampf gegen Rassismus

Es gibt kaum ein Thema, was mich in den letzten Tagen so beschäftigt hat, wie Rassismus und der Kampf dagegen. Und das nicht nur mit Blick auf die Ereignisse in den USA vom Sofa aus, sondern vor allem innerlich. Ich kann nicht genau sagen was oder wieso,aber die aktuellen Proteste in den USA und die Berichte von Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft haben mich nachdenklich darüber gemacht, wie mein Einsatz gegen Rassismus eigentlich aussieht. Dabei ist vieles sehr bekannt und ich habe mich auch immer als Aktivisten gegen Rechts verstanden. Sicher nicht so stark, wie manche andere, aber ich war bei Demos gegen Rechts dabei, habe bei Facebook gegen Rassismus und den Hass auf Flüchtlinge angeschrieben oder versucht Alltagsrassismus in Begrifflichkeiten oder Werbebildern deutlich zu machen. Aber ist das eigentlich wirklich genug?

Privileg

Und eigentlich kommen wir mit der Frage direkt auf den Begriff des Privilegs zurück. Viele sträuben sich dagegen, dass Weiße Menschen priviligiert seien. Man ist doch nichts besseres. Man will sich ja auch nicht als was besseres dar stellen. Aber man ist es – nur nicht eben zu dem, was man als “normal” betrachtet. Es ist darum ein wenig wie bei “AllLiveMatter” – nur in die andere Richtung. Dass jedes Menschenleben wertvoll ist, ist eine Selbstverständlichkeit. Das ist der “Normalzustand”. Nur gilt er für Schwarze in den USA leider nicht so stark. Der Aufruf “BlackLifesMatter” sagt damit eigentlich nur “Hey, unsere Leben spielen auch eine Rolle”. Darum ist das Benennen der Selbstverständlichkeit eben ein Herabwürdigen des Nachteils der anderen. Oder anders: Um “AllLifesMatter” zu erreichen, zählt momentan eben “BlackLifesMatter”.

Mit dem Privileg ist es ein wenig anders, auch wenn nach meinem Gefühl die Situation ähnlich ist. Wir haben das Privileg so in der Gesellschaft aufzuwachsen, wie es normal sein sollte. Darum nehmen wir Weiße dieses Privileg eben auch nicht wahr. Wenn einen nichts stört und wir nicht wegen Hautfarbe, Nachname oder ähnlichem diskriminiert werden, ist das “normal”. Aber wir haben eben das Privileg in genau diesen “normalen Verhältnissen” zu leben: Ich wüsste nicht, dass ich im letzten Jahr mal Kontakt mit der Polizei gehabt hätte. Ich glaube viele Poc (People of color, Begriff für nicht-weiße Menschen) haben da mehr Gespräche führen müssen. Wie oft sie wahrscheinlich für Ausländer gehalten werden und das berühmte “Wo kommen Sie denn her?” hören müssen. Aber ich kann das nicht wiedergeben, nutzt wenn ihr wollt den Caroline Kebekus Brennpunkt mit Shary Reeves oder bei Twitter #schwarzesDeutschland, wenn gewünscht.

Und noch eins ist das Privileg: Wir müssen uns nie mit Rassismus beschäftigen. Wir können und sollten es, aber wir können “Feierabend” machen und mit dem Thema nichts mehr zu tun haben. Uns betrifft er nicht. Und kommt nicht mit einer rassistischen Beleidigung am Bahnhof. Ja, mag es schonmal gegeben haben, aber hat einen wahrscheinlich auch nicht tiefer getroffen, als wenn die Person eine andere “Beleidigung” benutzt hätte und war bestimmt schnell vergessen.

Kampf gegen Rassismus

Und jetzt beschäftige ich mich doch damit. Und denke darüber nach, was ich getan habe, was ich hätte anders machen können und irgendwie auch, wieso ich so intensiv erst mit 40 Jahren darüber nachdenke. Es ist zu früh dafür einen Abschluss zu finden. Über einen guten Freund (Grüße an Frank) bin ich auf dieses Instagram Video (englisch) gestoßen, welches Selbstreflexion als ersten Schritt dafür bezeichnet ein “Ally” – also Alliierter / Unterstützer – der BlackLifesMatter Bewegung zu werden. Das war mir schon klar geworden, als in den letzten Tagen immer öfter der Hinweis kam, dass es nicht reicht gegen Rassismus zu sein. Man muss mehr tun. Und ja, das stimmt. Antirassist zu sein bedeutet am Ende wahrscheinlich mehr als ab und an zu einer Demo zu gehen, bei facebook aktive Kommentare zu schreiben wenn man gerade Lust hat oder zu sagen, dass N*kuss als Begriff nicht mehr genutzt werden soll. Ehrlich gesagt, kann ich noch nicht genau sagen, was und wie. Sicherlich die Forderung, die Stimme zu ergeben, wenn rassistische Äußerungen fallen. Aber tue ich das nicht eigentlich immer? Und ist diese Frage eigentlich nicht der Hinweis, dass ich es nicht genau weiß?

Vieles von dem was ich geschrieben habe und was mir durch den Kopf geht, erscheint mir als irgendwie so selbstverständlich und nachvollziehbar, dass ich mich fast schäme, dass ich mir nicht vorher diese Gedanken gemacht habe. Ich merke eben, dass viel mehr als eine Grundhaltung von “Rassismus ist scheiße” und ein gewisses Verständnis für bestimmte Worte, Taten und Situationen vonnöten ist, um Rassismus zu bekämpfen. Es ist notwendig die verschiedenen “Privilegien” anzuerkennen und auch anzuerkennen, dass es problematisch ist, wenn man sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft Teile der marginalisierten Kultur und Umgangsformen übernimmt. Ich muss auch dazu noch viel lernen, aber mit diesem Blickwinkel, der – gerade für jemanden der sich eine multikulturelle gleichberechtigte Gesellschaft vorstellt – nicht immer leicht einzunehmen ist, fallen bestimmte Emotionen und Kritiken vielleicht leichter.

In einem Twitch Stream habe ich letztens den Hinweis gefunden, dass es wichtig ist, wenn Weiße aktiv werden, weil dies den Unterschied macht. Die Sklaven fanden die Sklaverei schon immer scheiße, so sinngemäß das Statement, abgeschafft wurde sie aber erst, als das auch weiße Menschen so sahen. Ich war – und bin mir noch unsicher – wie ich dieses Einschätzen soll, aber es hat am Ende den wahren Kern, dass natürlich wir Weiße mehr machen müssen. Weiter so zu tun, als hätten Schwarze, Ausländer, LGBTI* oder andere marginalisierte Gruppen die gleichen Privilegien wie wir, ist der falsche Weg und definitiv zu wenig.

Was es für mich konkret bedeutet, kann ich noch gar nicht sagen. Ich werde über Vorteile nachdenken, ich werde noch sensibler auf Rassismus in meinem Umfeld sein und versuchen dadurch Einfluss zu nehmen. Und mich weiter mit dem Thema beschäftigen. Kurzweilig hatte ich mich auch gefragt, ob man am Ende mit allen Appellen mehr zu tun nicht nur diejenigen erreicht, die eh schon sensibilisiert sind und gegen Rassismus arbeiten. Mag sein, ist sogar wahrscheinlich. Aber wenn sich viele, die jetzt schon klar Position beziehen, dies noch klarer machen, kommen vielleicht diejenigen nach, die zwar auch so denken, aber noch nicht aktiv wurden. Und nur so kann man am Ende eine Gesellschaft ändern. Ausruhen ist nicht…