Archiv2019

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Crowdfunding ist in der Rollenspielszene manchmal mehr als Marketing
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Mahnwache an der Synagoge
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Wie man Deanerys verstehen könnte…
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Halbzeit bei Game of Thrones
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Keine Toleranz für Grenzwert-Toleranz
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Delgitimierter Protest
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Dringlichkeitsantrag in der BV Mitte zur Bismarckstraße
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Artikel 13 betrifft nicht nur Youtube und Co.

Crowdfunding ist in der Rollenspielszene manchmal mehr als Marketing

Bei PnP News erschien vorhin ein Artikel, der sich mit Crowdfundings beschäftigt und zuvor auf Nandurion erschienen ist. Der Artikel sagt viel Wahres, aber beginnt mit einer Kernaussage, die sich aus einem Interview “des dicken Preußen” mit Jens Ullrich ergibt, der “Die Schwarze Katze” geschrieben hat und sich in dem Zusammenhang über das Crowdfunding unterhält.

Circa bei Minute 5 sagt er, dass es ihn “sehr, sehr wundern” würde, wenn die Finanzierung von Rollenspielen im Rahmen von Crowdfundings wirklich der Finanzierung dienen würde. Dies mache kaum ein Verlag aus diesem Grunde und selbst Privatpersonen könnten das eigentlich anders stemmen.

Im Artikel führt das im Fazit zu folgender Aussage:

Ob man ein konkretes Crowdfunding unterstützen möchte, sollte man also im konkreten Fall gut abwägen. Die Sorge, dass der Verlag auf das Geld angewiesen ist, sollte jedoch nicht die Motivation dafür sein. Dann doch lieber noch mal schauen, ob das Geld nicht im Moment an anderer Stelle sinnstiftend eingesetzt werden kann, zum Beispiel, um einem Verlag in Geldnot mit Käufen unter die Arme zu greifen.

Ich halte das für eine sehr gefährliche Aussage, da sie im Kern auf Erfahrungen basiert, die bei Ulisses stimmen mögen, bei Uhrwerk wäre ich schon unsicherer, aber bei vielen kleineren Verlagen ist Crowdfunding (oder wie wir es nennen die “bedingte Vorbestellung”) ein wesentliches Element der Finanzierung.

Damit dann auch zu Beginn der Disclaimer, einige Begriffserklärungen und Vorbemerkungen: Ich bin wie vielleicht bekannt einer der beiden Gesellschafter der “Jedamzik und Neugebauer GbR” – eher bekannt als System Matters Verlag. Wir sind damit durchaus ein Rollenspielverlag und wir führen Crowdfundings durch. Wir nennen sie “bedingte Vorbestellungen”, weil wir Crowdfunding nach dem benennen, was es ist: Eine Vorbestellung mit allen Verbraucherrechten, die aber nur dann erfüllt werden kann, wenn es genügend Vorbestellungen gibt. Eine genauere Erläuterung zu unserem Begriff der Vorbestellung und des Crowdfunding findet ihr auf der Verlagsseite. Ich werde der Einfachheit halber hier jetzt vom Crowdfunding sprechen, wenn wir als Verlag die Begrifflichkeit “bedingte Vorbestellung” genutzt haben.

Und vielleicht noch etwas dazu, wenn ich andere Verlage nenne: Es sind alles Vermutungen und vor allem niemals Angriffe oder Wertungen. Ulisses nutzt Crowdfundings ganz offensichtlich anders und finanziell erfolgreicher als wir – das zeigt deren Übersicht eindrucksvoll. Es ist einfach schwer den Klassenprimus mit einem Kleinverlag zu vergleichen und um genau darum geht es hier. Ich selber unterstütze auch gerne Projekte anderer Verlage – unabhängig davon, ob die Finanzierung jetzt mehr oder weniger notwendig für das Projekt ist.

Zum Thema: Es gäbe System Matters nicht ohne Crowdfunding. Es gäbe geschätzt 90% unserer Produkte nicht ohne Crowdfunding und die anderen mangels Erfolg wahrscheinlich auch nicht. Nach dem Regelwerk haben wir selbst den Nachdruck von Beyond the Wall mit Crowdfunding finanzieren müssen. Wir machen aber auch nicht alles über Crowdfunding: Die “kleine Reihe” ist nahezu komplett aus eigenen Mitteln finanziert worden, ebenso die meisten Abenteuerbände. Das ist uns auch sehr wichtig, denn wir wollen dieses Mittel nicht überstrapazieren. Aber um ein aktuelles Beispiel zu wählen, wäre der Ergänzungsband für Dungeon World “Verhängnisvolle Welten” ohne die Einnahmen der SPIEL und dem Überschuss im DCC Crowdfunding sicherlich auch mal eben nicht zu finanzieren gewesen. (Kommt diese Woche in den Shop und erscheint Ende des Monats 🙂 )

Nach dieser Einleitung also die wichtige Aussage, dass es für uns wirklich etwas bedeutet, wenn dort 20.000 Euro für Dungeon Crawl Classics, 8.000 Euro für Abenteuer gestalten oder zu Beginn eben 4.000 Euro für Beyond the Wall aufgerufen werden. Wir haben dann in der Regel schon viel in Übersetzung, etc. gesteckt, also durchaus Vorleistungen erbracht, aber die müssen meist auch noch bezahlt werden und damit gehen wir durchaus auch ein Risiko mit jedem Projekt ein.

Es gibt natürlich auch die genannten Nebeneffekte wie den Test des Interesses oder das Marketing (dazu später mehr), aber am Ende steht eine Aussage: Wenn wir diese Summe nicht erreichen, wird es kaum möglich zu Drucken. Und darum finde ich die Aussage von Jens Ullrich auch sehr fatal. Wie gesagt: Für Ulisses mag das alles stimmen. Wäre dort das Crowdfunding für die Schwarze Katze gescheitert, wären – wenn das Crowdfunding nicht zur Prüfung des Interesses diente – die 7.500 Euro sicherlich auch gefunden worden, aber wenn wir die 9.000 Euro für So tief die Schwere See nicht erreicht hätten, gäbe es das Buch nur als PDF und wir hätten gucken müssen, ob das am Ende gereicht hätte, um das Layout, Übersetzung, etc. zu bezahlen.

Und um die Aussage von Jens Ullrich aufzugreifen, dass auch das kleine Rollenspiel im Eigenverlag ohne Crowdfunding möglich wäre, mal einige Zahlen: 50 Exemplare eines 152 Seiten Buches (kleiner als Beyond the Wall) kosten schwarz/weiß als Softcover rund 120 Euro (inkl. MwSt). Wenn man allerdings dem Trend folgt und farbig mit Hardcover wird, liegt man bei ca. 540 Euro. Das sind jetzt einfache Zahlen von Wir-Machen-Druck und damit natürlich stark vereinfacht. Da ist viel Spielraum nach oben, mit einer Druckerei im Ausland vielleicht auch nach unten – ich habe jetzt keine konkreten Zahlen von uns gesucht. Je nach privaten Verhältnissen kann man sowas machen, aber dann hat man das Layout selber gemacht, die Illustrationen auch und Freunde Korrektur lesen lassen. Sonst kann man bei einem Buch gut nochmal den gleichen Betrag drauf rechnen – hier wahrscheinlich mehr, weil die Auflage extrem klein ist. Ganz simpel ist es also sicher auch nicht.

Wer Lust hat, kann das Spiel beliebig weiterführen, nimmt ein Buch aus dem Regal und rechnet einen ungefähren Produktionspreis aus. Nicht immer ist die Auflage bekannt, aber ich behaupte mal, dass man mit 500-1000 bei großen Werken oft nicht falsch liegt und ja: Crowdfunding hilft dabei die Auflage festzulegen. Bei Abenteuer gestalten und DCC sind wir beispielsweise nach oben gegangen, bei Schwere See können wir erahnen, dass es wahrscheinlich so schnell keinen Nachdruck braucht und zweifelhaft ist, ob man ihn macht.

Als Verlag hat man vielleicht Angestellte, andere Druckereien und achtet noch stärker auf Papierstärken, Lesebändchen, etc. was alles Einfluss auf den Produktionspreis hat, aber für einen ersten Blick mag eine solche Spielerei zeigen, ob ein Crowdfunding wirklich ein Projekt komplett finanziert – oder nicht. Wenn man am Ende multipliziert mit Zwei in den Bereich des Wunschwertes kommt, ist es wahrscheinlich, dass das Crowdfunding alles abdeckt. Liegt man sehr weit drunter, ist es wahrscheinlich (!) eher eine Teilfinanzierung. Und nochmals: Das wäre genauso okay, weil es eben zeigen kann, wie die Nachfrage nach einem Spiel oder gar einer Spielreihe ist, oder im Rahmen der Verlagsfinanzierung den Teil liefert, den man alleine nicht aufbringen kann oder möchte. Das hängt alles von Verlag bzw. Projekt ab. Und vor allem: Nagelt mich nicht auf diese sehr, sehr vereinfachte Rechnung fest, die wahrscheinlich in keinem Fall komplett richtig ist.

Ansonsten nochmal betont: Keine Kritik am Autor des Artikels, der die vielen Aspekte des Crowdfundings ja sehr gut dargestellt hat. Alles andere in dem Artikel stimmt komplett. Natürlich mit unterschiedlicher Gewichtung, weil bei uns beispielsweise der Großteil sowieso Direktverkäufe sind und diese Frage darum eine geringere Rolle spielt, als bei anderen Verlagen. Dafür ist bei uns eben die Finanzierungsbedeutung weitaus größer, als bei anderen. Darum hat mich die absolute Aussage “Verlage brauchen die Finanzierung durch Crowdfunding eigentlich nicht” aus dem Podcast auch etwas geärgert. Die Spannweite im Rollenspielmarkt ist eben sehr extrem und neben uns gibt es noch viele, viele kleinere Verleger und Autoren, die sicherlich einen solchen Artikel wie ich nochmal aus einer ganz anderen Sicht schreiben würden.

Aber eins eint dann doch alle Verlage: Die Lust darauf unser Hobby voran zu bringen. Wie auch immer wir das finanzieren würden, muss ich einfach mit der wichtigen Forderung enden: Kauft mehr Rollenspiele 🙂

Mahnwache an der Synagoge

Gestern fand sehr spontan eine Mahnwache der Demokratischen Initiative vor der Synagoge statt. Trotz der Kurzfristigkeit fanden sich gut 200 Menschen ein, um gemeinsam den Opfern des Anschlags in Halle zu gedenken und gleichzeitig deutlich zu machen, dass jüdisches Leben in Deutschland Teil der Gesellschaft ist und wir solidarisch mit Menschen jüdischen Glaubens zusammen stehen. Es ist mir bewusst, dass dies nur ein kleines Symbol ist, was sich im Alltag widerspiegeln muss. Der alltägliche Antisemitismus darf nicht unter der Aussage des “Einzeltäters” verschwinden und man wieder keine Schlüsse daraus zieht, dass es informelle rechtsextreme Netzwerke gibt, die durch aufgeheizte Stimmung weiter angetrieben werden. Aber dazu später mehr. Die Veranstaltung erfüllte seinen Zweck sehr eindrücklich: Ich glaube ich habe noch nie eine solch schweigsame Menge gesehen, die mit Kerzen oder Blumen nicht nur eine Minute, sondern eine ganze Weile lang einfach nur schweigend dort stand.

Ich danke Knut Maßmann für das Foto. Auch auf seinem Blog findet man einen Bericht zu der Kundgebung mit dem Aufruf der DI.

Wie man Deanerys verstehen könnte…

Irgendwie entwickelt sich der Blogneustart auch vor allem durch Game of Thrones. Dieses mal ist der Titel nicht so subtil, aber sorry, geht nicht anders. Trotzdem: Wer noch nicht weiß, wieso man sie eventuell nicht verstehen könnte, sollte jetzt aufhören zu lesen 🙂 Weiterlesen

Halbzeit bei Game of Thrones

Gut, Grund für das Loslegen ist die neue und letzte Staffel Game of Thrones. Gerade nach der neusten Folge ging es bei facebook in vielen Kommentaren ziemlich rund, aber ich wollte nichts dazu schreiben, weil das bei facebook womöglich auch Leuten angezeigt wird, die nicht gespoilert werden wollen. Also beginne ich jetzt endlich mit meinen Vorsatz für mehr Bloggen,  schreibe eine unnötig lange Einleitung geschrieben, damit nicht zu Beginn irgendwas auftaucht und werde jetzt im Folgenden meine Meinung zum ersten Teil der letzten achten Staffel von Game of Thrones loswerden.  (Das war eine Spoilerwarnung!) 🙂 Weiterlesen

Keine Toleranz für Grenzwert-Toleranz

Es waren zwei Dinge, die zu diesem Artikel führen: Gestern hatte ein Gericht in Baden-Württemberg entschieden, dass das die eingeführte “Toleranzgrenze” für Dieselfahrverbote nicht wirklich gesetzeskonform ist, und ich habe daraufhin den Fehler gemacht, facebook Kommentare zu lesen. Und dann kam heute noch Kritik an der Ausnahmeregelung für BP auf, die mehr Schadstoffe als erlaubt in die Luft entlassen können. Einen Kurzbericht dazu findet ihr auch bei Sat1.NRW, wo ich auch ein Interview gegeben habe. Aber genaueres später.

25% Toleranz

Gehen wir zunächst auf Baden-Württemberg ein. Vor kurzem hatte der Bundestag ja beschlossen, dass die Überschreitung der Grenzwerte für Stickoxide um 25% nur so geringfügig sei, dass man keine Autoverbote verhängen dürfe.

Bei allem Verständnis für die Sorgen von Dieselfahrern, muss doch jedem klar denkenden Menschen auffallen, dass man doch so nicht wirklich Probleme lösen kann. 40 Mikrogramm Stickoxide pro m² Luft sind der Grenzwert, aber bis 50 sollen Fahrverbote – und damit das Ausschalten des wesentliche Grundes für die Überschreitung – nicht verhältnismäßig sein? Nochmal: Das sind 25 Prozent. Nach der gleichen Logik dürfte man 62,5 km/h in der Stadt fahren, weil Bestrafung sonst nicht verhältnismäßig sei. Euch fallen sicherlich weitere – und wahrscheinlich bessere – Vergleiche ein, aber wir reden nicht von minimalen Überschreitungen, sondern von sehr großen. Und das für Werte, die – das kann man nicht oft genug betonen – seit 2010 einzuhalten sind! Ich finde ja 9 Jahre sind schon eine hohe Toleranz.

Wenn man politisch agieren möchte, dann müsste man an die Grenzwerte selber dran. Ich werde jetzt nicht die Diskussion dazu auf machen, aber es sollte klar sein, dass das weitaus schwerer ist, weil man dann gegen die Wissenschaft argumentieren müsste – und das fällt schwer, zumindest wenn man faktenbasiert Politik machen will und nicht ala Mario Barth Politik macht.

Und abschließend dazu: Ich bin gegen Fahrverbote. Es geht auch anders, wenn die Bundesregierung die Autoindustrie in die Verantwortung gezogen hätte. In den USA mussten Filter ausgetauscht werden, in Deutschland werden Austauschprogramme angeboten in der Form, dass man Rabatt auf ein neues Auto bekommt. Anstatt Strafe also noch Förderung. Und auch die Folgen tragen die Kommunen mit Umweltprogrammen, anstatt die betrügenden Konzerne.

Aber ich will nicht zu sehr ausholen, sondern nur nochmal deutlich machen, dass dieses Gesetz nichts anderes war, als wieder eine Pseudomaßnahme. Solch ein Gesetz hat einfach keine Substanz, da es ganz offensichtlich anderen europäischen Gesetzen widerspricht. Anstatt zu Handeln hat die Bundesregierung wieder nichts getan, sondern Sicherheit vorgetäuscht und Umwelthilfe und Gerichte zu den Sündenböcken ihrer eigenen Politik gemacht. Diese sind ja jetzt wieder Schuld. Und anstatt gegen die Regierung richtet sich der Zorn gegen diese Institutionen.

Unbeschränkte Toleranz

Kommen wir zu dem zweiten Thema: BP hat eine Ausnahmegenehmigung bekommen, um die seit Ende letzten Jahres geltenden Schadstoffgrenzen zu überschreiten. Hintergrund ist eine neue EU Verordnung aus dem Jahr 2014, die neue strengere Grenzwerte für solche Anlagen vorsieht, die dann ab Ende 2018 hätten gelten sollen.

Problemfall Nummer 1 ist dabei auch wieder die Bundesregierung, die erst Ende 2017 die nationale Umsetzung dieser Verordnung angegangen hat und damit die Rechtsgrundlagen in Deutschland, die offenbar strenger sind, als die Vorgaben aus Brüssel. Strenger ist gut, wenn es dann auch früher gekommen wäre, noch besser.

Man kann jetzt darüber streiten, inwiefern ein Konzern wie BP die Richtung schon vorher hätte sehen können oder Vorarbeiten hätte leisten müssen, um die Verordnung schnellstmöglich umzusetzen. Ist ja nicht so, als ob ein solcher Konzern erst aus dem Gesetzblatt von solchen Änderungen erfährt.

Also nehmen wir an, dass die Umsetzung in einem Jahr wirklich zu kurz ist, stellt sich die Frage, wieso es von Seiten der Bezirksregierung – und auch der Stadt Gelsenkirchen – keinerlei Fristen in den Genehmigungen gibt. Ich hatte im Umweltausschuss im Januar gefordert, dass man als Enddatum Ende 2021 aufnimmt. Das ist schon eine sehr großzügige Regelung, aber nimmt eben diese 4 Jahre aus der EU Verordnung und wendet sie ab dem deutschen Gesetz an. Und wenn am Ende der vier Jahre noch etwas wirklich nicht umsetzbar gewesen wäre, dann hätte man noch immer über eine weitere Ausnahme reden können – es geht ja nicht darum unmögliches fordern, sondern Druck zu machen und Erwartungen zu setzen. Und auch die Frage zu stellen, ob man nicht zu entspannt auf die Umsetzung in Deutschland gewartet hatte.

Dieser Diskussionsbeitrag von mir führte zu einem hitzigen Austausch zwischen mir und dem Ausschussvorsitzenden der SPD, der sinngemäß meinte, dass er nicht sagen könnte, ob eine solche Maßnahme drei, vier oder fünf Jahre dauern würde und vor allem sei Gelsenkirchen nicht entscheidungsbefugt. Stimmt, aber gerade dann gehört in eine politische Stellungnahme der Stadt Gelsenkirchen auch mehr als ein “schnellstmöglich”. Am Ende war ich darum der einzige, der die Stellungnahme der Stadt und damit auch diese Ausnahmeregelung abgelehnt hatte, die LINKE hatte sich noch erhalten.

Grenzwerte UND Dieselfahrer ernst nehmen

Als ich diesen Punkt gebracht habe, hatte ich schon auf die gefühlte Ungerechtigkeit im Vorgehen hingewiesen. Wie gesagt, es ist aufgrund der langen Dauer der Umsetzung nicht einfach, aber dieser Freifahrtsschein ist einfach ein falsches Signal. Es muss jederzeit deutlich werden, dass alle zusammen alles unternehmen, um Dieselfahrverbote zu verhindern und die Luftqualität zu verbessern. Die Bundesregierung hat endlich die betrügenden Autokonzerne in die Verantwortung zu nehmen, die Stadt alles unternehmen, um die Belastung auf der Kurt-Schumacher-Straße zu reduzieren (was aber passiert) und eben auch alle weitereren Verursacher von Luftverschmutzung streng und eng kontrolliert werden. Es muss von “Muss ich genehmigen!” zu “Muss ich genehmigen?” kommen.

Delgitimierter Protest

Gestern war ich auf der Fridays for Future Demo in Gelsenkirchen. Genauer gesagt einer der beiden, da es dank MLPD Fahnenwünschen ja wiedermal zu einer Spaltung gekommen ist. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls waren um 16 Uhr über 100 Jugendliche und Kinder auf der Straße, um für den Klimaschutz und Umweltschutz zu demonstrieren. Ein bunter Strauß umweltpolitischer Themen vom veganen Leben, Tierrechte, Kohleausstieg, RWE oder auch günstigerem ÖPNV wurde in den Redebeiträgen angesprochen. Dazwischen der Demonstrationszug, der insgesamt vom Bahnhofsvorplatz bis zum Hans-Sachs-Haus führte und der mit Sprechchören wie “Wer nicht hüpft, der ist für Kohle”, “Wir streiken auch für euch” oder dem altbekannten “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut” begleitet wurde.

Man kommt nach Hause, findet diesen (hier nicht kritisierten) facebook Post und darunter altbekannte Vorwürfe gegen die demonstrierenden Jugendlichen: Sie würden nur Schule schwänzen wollen, würden von den Eltern zur Schule gefahren werden und danach zu McDonalds gehen.

Also mal ganz abgesehen, dass dies wahrscheinlich nicht zutrifft – schon einfach, weil es bei McDonalds kaum veganes Essen gibt – hätten die Jugendlichen selbst dann mehr für die Umwelt getan, als die meisten derjenigen, die hier Vorurteile vom Stapel lassen. Sie haben sich gesellschaftspolitisch engagiert, um einen Wandel herbei zu führen. Das sollte man natürlich auch im persönlichen Umfeld tun, aber man kann auch politische Weichenstellungen fordern, die das eigene Ziel voran bringen. Benjamin Barber hat diese Aufteilung in seinem Buch zur Starken Demokratie mit dem Beispiel eines Autofahrers verdeutlicht, der privat sehr gerne schnell fährt, sich aber zur Verbesserung der Sicherheit die Einfühung von Tempolimits wünscht. Genauer Zitieren kann ich leider nicht, da das Buch nur für den Schnäppchenpreis von 150 Euro in Deutsch zu bekommen ist. (Tipps gerne an mich 🙂 )

Aber gut, das nur als Randbemerkung, denn eigentlich will ich auf etwas anderes heraus. Was wir hier erleben ist eine Delegitimierung von Protest. Anstatt die Forderung der Jugendlichen Ernst zu nehmen, wird ihnen vorgeworfen nur zu Heucheln und die Demos als Ausrede für das Blaumachen zu nutzen. Das ist am Ende auch einfacher, als sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Wenn die Schüler das nur in der Freizeit tun würden, dann wäre das ja glaubwürdig. Dann viel Spaß, die Demo heute war um 16 Uhr und nach Ostern wird es auch eine Geben – in den Ferien.

Das ist aber leider nicht das einzige mal, dass dies passiert. Auch bei den Gegnern des Artikel 13 gab es den Vorwurf, es handele sich um Bots – also automatisiert handelnde Maschinen – von Google, anstatt um wirkliche Menschen. Man kann dabei sogar noch nach dem Aufwand des Versendens von Emails mittels Internetformular fragen, aber pauschal zu unterstellen, dass dahinter kein echtes Interesse steckt ist seltsam. Und auch gekaufte Gegner zu vermuten, weil eine NGO Reisekosten nach Brüssel trägt, ist doch etwas weit her geholt oder setzt den Wert einer gekauften Meinung mit 400 Euro Kostenerstattung(!) sehr gering ein.

Ich will jetzt nicht in die Falle treten und über Artikel 13 und die sicherlich stattgefundene Lobbyschlacht dabei sprechen. Ein wenig wird das in meinem letzten Artikel dazu ja schon deutlich. Mehr geht es eher um ein anderes Prinzip: Hier werden Menschen diskreditiert. Es wird nicht ihre Position zurückgewiesen – was immer zulässig sein muss in einer Demokratie – sondern es wird so getan, als haben sie diese Position nicht wirklich. So kann man am Ende dann leichter sagen, es gäbe die Gegenposition nicht nennenswert oder wie auch immer.

Bisher kannte ich das eher aus der rechten Ecke, wo die Antifa ja fast zu einem Reiseunternehmen gemacht wurde mit Geldmitteln, die Demonstranten gegen Pegida, AfD und Co. angeblich bekamen. So versuchte man deutlich zu machen, dass nur die eigene Seite “für das Volk” spreche und der Rest von der “Elite” gelenkt sei.

Ich habe den Eindruck, dass dieser Vorwurf jetzt aber verstärkt in die allgemeine Diskussion überschwappt. Bei Artikel 13 sind es Unions-Abgeordnete gewesen, die so agierten, bei den angeblichen Schulschwänzern kann und will ich das nicht so politisch einordnen. Darum geht es mir nicht. Ich habe vielleicht auch eine linke Brille auf, darum auch gerne Beispiele in den Kommentaren, wo von links die Person hinter der Position deligitimiert wurde und nicht die Meinung dahinter.

Und kommt mir jetzt nicht mit dem “Nazi”-Vorwurf: Am ehesten höre ich den nämlich in folgendem Zusammenhang: “Man wird mich gleich Nazi nennen, aber”, also als vorweg genommene Opferrolle. Und selbst dann nimmt man dem anderen ja die Position sogar noch ab. Man lehnt sie – vielleicht überzogen – ab und greift den anderen – vielleicht zu stark – persönlich an, aber man spricht ihm nicht ab, diese Position wirklich zu besitzen.

Und ja, ich habe auf der politischen Ebene schon oft solche Vorwürfe mitbekommen, die sich dann oft um Lobbyismus drehten oder die außenpolitische Entscheidungen alleine mit wirtschaftlichen Dingen rechtfertigten und damit Politiker als gekauft ansahen. Auch da hatte ich meine Bauchschmerzen mit, aber ich finde es noch eine andere Ebene, als einer größeren Menge von Bürger*innen diese Legitimation abzusprechen und damit eigentlich eine gesellschaftliche Position als nicht existent darzustellen oder eben zu schwächen. Finde ich problematisch.

Dringlichkeitsantrag in der BV Mitte zur Bismarckstraße


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Hiermit beantrage ich im Rahmen der Dringlichkeit für die Sitzung am Mittwoch den Tagesordnungspunkt zur „Sperrung der Bismarckstraße“ und in diesem um einen Sachstandsbericht der Verwaltung zu der jetzt kurzfristig angesetzten Sperrung der Bismarckstraße.

Wesentliche Inhalte des Sachstandes wären dabei:

  1. Nahestehende dringende Fragen, wie die Umleitung des Verkehrs, Dauer der Maßnahme und Umgang mit den Nachbarn – soweit dies jeweils zu dem Zeitpunkt bereits feststeht.
  2. Gründe für das plötzliche Auftreten einer solchen Situation in einem Gebäude, welches sich seit 2017 im Besitz der stadteigenen ggw befindet.
  3. Sofern kurzfristig möglich: Folgen für die Stadtverwaltung – Prüfung von weiteren Schrottimmobilien?

Begründung:

Die Bismarckstraße ist eine wichtige Nord-Süd-Achse in unserer Stadt, so dass eine solche Maßnahme immer zu Problemen führen muss. Es sei an die lange Zeit der Sperrung im Bereich der Unterführung im direkten Umfeld erinnert. Zudem sind direkte Nachbarn des Hauses nun für mehrere Wochen ihres Zuhauses beraubt.

Seltsamer erscheint die Situation allerdings bei einem Gebäude, welches 2015 von der Stadt für unbewohnbar erklärt wurde und 2017 in den Besitz der ggw überging. Auch wenn es offenbar Probleme mit der Förderung eines Abrisses gab, stellt sich doch die Frage, ob der gefährliche Zustand des Gebäudes entweder in der Vergangenheit übersehen wurde oder ob sich der Zustand in den letzten Jahren soweit verschlechtert hat, dass es nun zu dieser Maßnahmen kommen musste.

Die Dringlichkeit ergibt sich deutlich aus der erst am 1. April eingetretenen Situation. Meiner Meinung nach ist es dringend nötig erste Informationen zu den anstehenden Maßnahmen und vor allem den Hintergründen zu bekommen, um die Geschehnisse richtig einordnen zu können.

 

Artikel 13 betrifft nicht nur Youtube und Co.

Irgendwie ist überall ja schon alles zur Urheberrechtsreform der EU geschrieben worden, darum wollte ich eigentlich auch nichts mehr dazu schreiben. Trotzdem triggert mich die aktuell laufende Debatte im Parlament doch ein wenig. Nicht nur wegen der Delegitimierung des Protestes – dazu will ich nochmal schreiben – sondern vor allem wegen eines anderen Argumentes: Man müsse die Großkonzerne an die Kette nehmen.

Gerne! Können wir machen. Lasst uns über die Digitalsteuer in der EU reden, mit entsprechenden Forderungen. Aber da existiert in der EU keine Einigung. Und ganz eindeutig: Künstler oder generell Urheber sollen natürlich vernünftig vergütet werden. Darum konnten wir in Deutschland lange Zeit den Hinweis lesen, dass aufgrund mangelnder Vereinbarungen mit der GEMA dieses Video abgespielt nicht abgespielt werden kann. Aber das ist hier kein Automatismus: Plattformbetreiber sollen sich um Lizenzen bemühen (die Frage mit wem genau klammern wir hier erstmal aus), aber beide Seiten sind natürlich nicht verpflichtet eine Einigung einzugehen. Wie soll das auch gehen? Es handelt sich um eine Vertragsverhandlung, bei der am Ende beide Seiten zustimmen sollen.

Ich habe den Eindruck, dass diese Debatte wiedermal darunter leidet, dass man nur auf die Großen guckt: Entweder die großen Plattformen wie YouTube, Google und co. oder eben Verwerter wie GEMA, VG Wort, etc. Letztere werden in Artikel 9a ja sogar weiter in die Rolle versetzt auch für Nichtmitglieder Lizenzen zu verhandeln und in Artikel 12 werden Verlage und Verwerter gegenüber Urhebern sogar noch gestärkt. Also am Ende haben wir es durchaus mit einem Konflikt der Großen zu tun.

Das Problem: Die Richtlinie geht darauf nicht wirklich ein. Es wird immer gesagt, kleine Betreiber seien nicht betroffen. Aber trotzdem gibt es detaillierte Kriterien in der Richtlinie, die eben kleine Betreiber von Foren und kleinen Plattformen nicht ausschließen. Wenn es gegen die Großen gehen soll, dann schreibt das dort auch rein!

Ob ich die Verordnung dann besser fände, wage ich zu bezweifeln, aber es wäre einer der vielen Punkte ausgeschlossen, der für mich unausgegoren ist in dieser Verordnung. Und vor allem wäre dann wirklich dieses Argument sinnvoll. Man zielt momentan auf YouTube und Google und trifft am Ende die Kleinen. Und am Ende – das sei noch gesagt – gilt das glaube ich für beide Seiten.