Logischer Wahnsinn – Über die Atombombenabwürfe auf Japan vor 70 Jahren

HIROSHIMA MUSHROOM CLOUD NUCLEAR BOMB EXPLOSION

Vor wenigen Tagen jährte sich der einzige Einsatz von Atomwaffen in der Geschichte zum 70. Mal. Am 6. und 9. August warfen die Amerikaner zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki ab. Über die Notwendigkeit wird immer mal wieder gestritten, die offizielle Begründung war, dass nur der Abwurf der Atombomben eine Invasion in Japan verhindern könnte. Aufgrund der Erfahrungen wären hunderttausende Amerikaner und wahrscheinlich mehr Japaner gestorben – so die Aussage.

Darüber wird gestritten. Es gibt die Vermutung, dass Japan wahrscheinlich spätestens mit dem Eintritt der UdSSR in den Krieg sowieso kapituliert hätte. Das Land war am Ende und es ging in den Verhandlungen im Kern nur um die Frage des Kaisers und seiner Absetzung oder ggf. eines Kriegsverbrecherprozesses. Die UdSSR war als Vermittler gewünscht und von daher kann deren Eintritt in den Krieg natürlich die letzten Hoffnungen zerstört haben auf eine Verhandlungslösung.

Andersherum lässt sich sicher auch nicht leugnen, dass ein weiterer Krieg natürlich weiter Opfer gefordert hätte. Aber rechtfertigt das diese Bombe?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Dan Carlin in einer sehr empfehlendwerten Folge des Podcasts „Hardcore History„. Unter dem Titel „Logical Insanity“ steht für ihn zwar auch fest, dass es sich bei den Abwürfen der Atombomben um ein Kriegsverbrechen handelt. Aber die Diskussion ist ihm zu kurz:

„Der Abwurf der Atombomben auf irgendjemanden war ein Symptom eines größeren Problems. Das größere Problem war, dass entschieden wurde, dass es generell okay sei Zivilisten in Städten zu bombardieren. Die Atombomben waren nach den Regeln der Zeit nicht falsch. Die Regel der Zeit war, dass es okay war Städte mit Menschen zu bombardieren. Die Frage ist: Wie kam es zu diesem Punkt und diesen Regeln.“1

Er führt dann in die Geschichte des Luftkampfes und insbesondere des „strategischen Bombardements“ ein. Als die ersten Ideen zu Bombenangriffen aufkamen2 kamen Überlegungen auf, soetwas zu verbieten. Aber damals – wie heute teilweise – wurde dagegen argumentiert, da gezielte Luftschläge Kriege verkürzen könnten. Größeres Leid könnte durch gezielte militärische Angriffe vermieden werden – natürlich unter Schutz der Zivilbevölkerung.

Dan Carlin stellt zu Beginn beispielsweise die Frage, wie es gewesen wäre, wenn man 1939 den Weltkrieg durch eine Atombombe hätte verhindern können. Sie ist natürlich nicht ernst gemeint, aber ist vielleicht der Moment, wo man einmal kurz nachdenkt über die Logik dahinter. Problem: Man kennt die Zukunft nicht, aber ich schweife ab.

Es geht in dem Podcast viel mehr über die Entwicklung des strategischen Bombens, was im ersten Weltkrieg noch eine geringe Rolle spielt, aber im zweiten seine zerstörerische Wirkung zeigt. Unterschieden zwischen „moral bombing“3 und „terror bombing“ wird nur anhand der Frage, wer das Opfer ist – „wir“ oder „die“4.

Dabei handelt es sich natürlich um einen Prozess. Im spanischen Bürgerkrieg mit Gernika wurde als ein erster Test bezeichnet, dann Rotterdamm, London und schließlich alliierte Angriffe auf Deutschland. Carlin beschreibt sehr ausdrücklich die Ereignisse in Hamburg 1942 und stellt irgendwann die Frage, ob der Unterschied zu Atombombenabwürfen da noch gravierend ist? Nicht um zu verharmlosen, sondern um deutlich zu machen, dass auch dabei schon sehr gezielt gearbeitet wurde, um mit herkömmlichen Bomben durch Feuerstürme und ähnliches entsprechend verherrende Wirkungen zu erzeugen. Neben den Bombern waren auch Untersuchungsflüge dabei, um zu analysieren, wie man am effektivsten Menschen tötete.

Oft war dies mit der vermeintlich moralischen Hoffnung verbunden, den Krieg früher zu beenden. Generell spielte aber die Eskalation der Gewalt ihre Rolle: Wenn die anderen unsere Städte bombardieren, dann machen wir das eben auch. Und schon ist man eine Stufe weiter.

Man muss fast froh sein, dass diese Entwicklung sich im kalten Krieg nicht weiter ausgearbeitet hat, wobei diese Zeit im Prinzip ja auch auf dieser Logik basierte – wenn auch mit höheren Einsätzen. Da ging es um Millionen von Menschenleben.

Den Podcast kann man sich – leider nur auf englisch – hier anhören oder auch hier kaufen.

  1. Eigene Übersetzung der Aussage um 6:27 []
  2. noch vor dem ersten Weltkrieg []
  3. Angriff auf die gegnerische Bevölkerung, damit diese ein Kriegsende erzwingt []
  4. aus Kriegsteilnehmersicht []
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