Was mir der Absturz der Germanwings Maschine über mich, Betroffenheit und vor allem die Medien zeigte…

Die Woche ist vorbei und war von einem bestimmt: Dem Absturz der Germanwings Maschine aus Barcelona am Dienstag. Als ich im Radio davon hörte, war ich natürlich wie viele andere auch betroffen und ja auch interessiert daran, wie das geschehen konnte. Man hat sich auch darüber unterhalten, es war eben ein Tagesthema. Dennoch ging die Arbeit ihren gang, ich konnte sogar problemlos noch ins Kino. Nicht, dass mir die Menschen nicht leid tun würden, die darunter zu leiden haben, aber ich glaube persönliche Betroffenheit und Aufgeregtheit ist immer relativ von eigenen Erfahrungen, Interessen und Verbindungen. Aber darüber könnte man auch viel schreiben.

Dennoch kam  – nach dem ich dann am nächsten Morgen mitbekommen habe, wieviel darüber berichtet wurde und dass es sogar Livestreams gab – die Frage auf, ob meine nichtsogravierende Neugier ein Zeichen von Gleichgültigkeit sei und mir Gedanken machen sollte. Aber das Interesse blieb und als es am Mittag dann per Twitter die Ankündigung gab, dass es eine Sondersendung bei ARD gäbe, habe ich eingeschaltet. Und das hat mich dann doch total verwirrt, die Frage eher verstärkt und gleichzeitig die Frage aufgeworfen, ob es nicht vielleicht auch etwas viel Medienwirbel ist. Was man zu sehen bekam war nämlich der Besuch der Kanzlerin und Ministerpräsidentin in Frankreich, wo sie minutenlang den Rettungskräften die Hand schüttelte.

Nur um das nochmal deutlich zu machen: Der Besuch ist und war richtig, es war richtig, dass Sylvia Löhrmann Anteil an dem Leid der Schülerinnen und Schüler in Haltern genommen hat und dorthin gefahren hat und den Rettungskräften kann nicht genug gedankt werden. Was sie sehen und erleben müssen, was sie leisten verdient unser allen Respekt.

Aber ich fragte mich eben doch, ob nicht Sensationshascherei hier wichtiger war als ein Informationsinteresse. Half es irgendeinem Angehörigen, dass man minutenlang diesen Besuch zeigte und dabei belanglose Kommentare brachte? Ich hatte mir von der Sondersendung (im übrigen auch beim ZDF) mal eine kurze Zusammenfassung erhofft der letzten Ereignisse.

Zufällig war mir am gleichen Morgen auch ein Artikel von Peter Welchering über den Weg gelaufen. In dem beschreibt er, wie er angefragt wurde als Experte in eine Sendung zu gehen um mit zu spekulieren. Wollte er nicht, was die andere Seite offenbar ziemlich nervig fand. Das passte in das Bild von Medien, denen es um den Effekt und Hype geht – und diesen vielleicht zu schüren – anstatt um Aufklärung. Zugegeben: Ich habe am Dienstag nichts dergleichen geguckt, aber gab es in einer der Sendungen Spekulationen über den möglichen Suizid eines Piloten? Ich denke nicht. Es wurde also viel über nichts geredet.

Und Donnerstag dann die schockierende Meldung, dass der Co-Pilot wahrscheinlich einen Selbstmord mit der Ermordung von rund 150 Personen kombiniert hat. Und auch dann ging es in den Medien sehr schnell: Das Haus wird abgebildet, der komplette Name veröffentlicht und im Wahn der schnellste und exklusivste zu sein, wird dann auch mal die falsche Person abgebildet. Ich will jetzt nicht an der Diskussion teilhaben, ob es richtig ist den Nachnamen schon auszuschreiben oder Bilder des Toten zu veröffentlichen. Der Spiegel hat dazu gestern folgendes gesagt:

Ich glaube das kann man so teilen. Der Co-Pilot ist mit den zusätzlichen Informationen von gestern, die immer mehr Hinweise auf einen Selbstmord-Mord geben, sicherlich eine Person der Zeitgeschichte geworden. Aber das gibt Medien noch lange nicht das Recht ihn und seine Familie als Freiwild anzusehen. Aber gut, das war bei den Opfern ja auch nicht anders, wie die Berichte von Journalisten, die Schülerinnen und Schüler und generell trauernde Fotografieren und zu Statements drängen.

Beim Täter kommt aber noch was anderes dazu: Hass. Er wird auch von einigen Medien m.E. offen geschürt und aufgebaut.

So zum Beispiel der Berliner Kurier heute. Das ist eben, was ich vor wenigen Tagen bei facebook als Schwarz-Weiß denken kritisierte. Dort wurde in einer schon am Donnerstag gegründeten Gruppe vom „Monster“ gesprochen, was „in der Hölle brennen“ solle. Das beantwortete zu dem Zeitpunkt natürlich nicht das „Warum?“. Inzwischen kann man es vielleicht erklären, denn es gibt ja Hinweise auf eine psychische Erkrankung. Nochmals: Die rechtfertigt nichts und beim Selbstmord noch 150 Leute mit in den Tod zu reißen ist unvorstellbar, aber es ist eben auch eine – ganz offiziell bescheinigt – kranke Person gewesen. Das muss in einen Umgang damit einfließen.

Und noch eins ist wichtig: Keiner der Verwandten, Freunde oder Nachbarn des Piloten haben mit dem Mord etwas zu tun. Trotzdem haben auch sie einen Menschen verloren und verdienen den Respekt auch in Ruhe trauern zu können.

Mir hat diese Woche zwei Dinge nochmal deutlich gemacht: Betroffenheit und deren Stärke ist rein subjektiv. Ich denke viele Menschen sind – ohne Hysterie – mehr betroffen von der Katastrophe als ich. Vielleicht fliegen sie mehr, kennen Leute, die im Flugwesen arbeiten, haben eine engere Verbindung zu Betroffenen oder ähnliches. Das ist normal und ich glaube Anteilnahme und Betroffenheit müssen nicht gemessen werden. Bei einigen Medien ist diese Woche aber aufgefallen, dass Anteilnahme und Betroffenheit von vielen genutzt wird, um Schlagzeilen zu machen, Einschaltquoten zu erhöhen und einfach auf dieser Welle mit zu schwimmen – im übrigen Trauer und Sorgen von Angehörigen missachtend. Was bringen diese Spekulationen hoch drei am Unfalltag oder das Vergnügen weinend und trauernd in Medien weiterverarbeitet zu werden – vielleicht in einer schönen Fotostrecke?

Das Thema ist vielleicht nicht neu, aber diese Woche ist es mir besonders aufgefallen und offensichtlich auch vielen, vielen anderen:

Das letzte ist bekanntlich Satire, aber da steckt ja auch immer ein Körnchen wahrheit drin. Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen – durchaus auch mit anderen Ansichten – aber mir rennt die Zeit weg. Vielleicht gibt es morgen noch einen Nachtrag :)

 

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