Gefängnis des Glaubens – Scientology

Im-Gefaengnis-des-GlaubensVor einigen Tagen hatte ich im Fernsehen zufällig vom neuen Buch des Autors Lawrence Wright gehört. Der Autor von der exzellenten Darstellung der Ereignisse rund um den 11. September („Der Tod wird euch finden“) hat sich nun mit der Religion Scientology beschäftigt. Das Buch „Im Gefängnis des Glaubens“ (hier bei Amazon zu bestellen) stellt dabei auf rund 530 Seiten die Geschichte und das Wirken dieser Organisation dar – beginnend mit der Lebensgeschichte des Gründers L. Ron Hubbard bis zur aktuellen Zeit, wo der insbesondere auch der Rolle und Bedeutung von berühmten Mitgliedern der Kirche wie John Travolta und natürlich Tom Cruise nachgeht. Immer wieder tauchen im Buch zwar in Fußnoten sinngemäß die Formulierungen „Scientology bestreitet…“, Person „erinnert sich nicht daran, dass…“ oder „Der Anwalt vom Tom Cruise bestreitet…“ auf, dennoch spreche ich dem Buch – auch aufgrund der vielen anderen Berichte und Darstellungen rund um Scientology und der Tatsache, dass diese Kritik transparent gemacht wird – eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Am Anfang des Buches findet sich – zumindest in der deutschen Auflage  – sogar der Hinweis, dass sich dies nur auf die amerikanische Organisation beziehen und im Internet auch eine Darstellung der Sichtweise von Scientology vorliegt. Transparenter kann man Kritik an dem Buch kaum machen. 

Das Buch kann man gut lesen und erhält so einen Einblick in das Innenleben und die Geschichte dieser Kirche. Ich tue mich manchmal etwas schwer hier von Kirche zu sprechen, sie wird in Deutschland – m.E. ja auch aus gutem Grund – nicht als solche anerkannt.

Es geht mir dabei nicht darum, dass bestimmte Aspekte unrealistisch erscheinen mögen. Die Science-Fiction Geschichte um einen galaktischen Despoten und die Seelen seiner Opfer, die nun in den Menschen stecken und deren übermenschlichen Fähigkeiten man wecken könne, mag für viele eben Humbug sein, aber an was man glaubt, kann dem anderen ja egal sein. (Ohne Gewähr auf Richtigkeit in dieser Kürze) Das ist eine Sache, an die man in einer Religion eben glaubt oder nicht. Und dann mag es auch okay sein, wenn man im Rahmen einer Seelsorge, eines Auditing oder von Kursen versucht seinen Thetan zu stärken und sich selber zu verbessern.

Im Prinzip ist der weltliche Teil davon ja nichts anderes als ein Angebot, seine eigenen Fähigkeiten zu verbessern und damit eine Art der Psychotherapie.

Aber die Schattenseiten sind dann das Problem: Zum einen bringt diese „Psychotherapie“ in Verbindung mit der Unsterblichkeit einer Seele schnell das Problem ein, dass man damit nicht nur heilt, sondern auch manipuliert und Menschen in der Organisation ja sogar fast von Gehirnwäsche reden. Aber dazu gleich noch mehr.

Zum anderen kostet es Geld – viel Geld. Mehrere hunderttausend Euro kostet es nach Berichten, bis man die höchste Stufe („Völlige Freiheit“) erlangt hat. Klar, in anderen Vereinen zahlt man auch seine Gebühr, aber hier ist doch der Eindruck im Raum, dass das Geld wichtiger ist, als der Mensch. Gleichzeitig erwartet man – so habe ich es in einer Doku gehört – dass man an Scientology natürlich das Große Ganze und die Weltrettung im Blick habe und Geld damit keine Rolle zu spielen habe. Im Buch wird von einem Beispiel geredet, wo in der Zentrale von den dort ausgebeuteten Mitarbeitern1 um die Quoten zu erfüllen, Bücherbestellungen von Mitgliedern fingiert wurden und die Kreditkarten der Mitglieder belastet wurden. Wenn diese sich aber beschweren, wurden diese Mitglieder dann beschuldigt gegen Ethik-Regeln zu verstoßen und würden ihren Fortschritt bei Scientology gefährden.2

Noch problematischer empfinde ich die Einschränkung von Freiheitsrechten in der Organisation. Wer gegen Regeln verstößt landet womöglich in lagerähnlichen Strukturen mit unmenschlichen Stukturen. Schon bei der „Sea Org“ auf See berichtet Wright von den ersten starken Strafen:

„Als Otto Ross, ein niederländischer Sea-Org-Manager, während eines furchtbaren Sturms vergeblich versuchte, ein Stahlkabel an einem Poller am Pier festzumachen, befahl Hubbard, ihn von der Brücke des Schiffes, die etwa vier Geschosse hoch war, ins Wasser zu werfen. […] Von da an wurde das Überbordwerfen zu einer üblichen Praxis […]. Fast jeden Morgen wurde eine Liste derer vorgelesen, die dazu verurteilt worden waren, über Bord zu gehen.“3

Das ist nicht nur Vergangenheit. Bis heute gibt es Berichte über das „Rehabilitation Project Force“ (RPF), eine Einheit die Verbrechern von „subversiven Gedanken“4 und ähnliches – begründet wie unbegründet – die „Rehabilitation“ ermöglicht. Die hier erfassten Mitglieder werden inhaftiert, leisten in der Zeit Zwangsarbeit und leben unter menschenunwürdigen Umständen.

Hinzu kommt die Verfolgung Andersgläubiger und Aussteigern. Während Mitarbeiter in den Berichten nur mit wenigen Dollar pro Woche auskommen müssen, gibt die Organisationen Millionen für Privatdetektive aus, um Aussteiger zu beobachten und zu bedrängen. Um flüchtende Sea-Org Mitglieder wieder einzufangen gibt es sogar den sogenannten „Blow Drill“.

Und dann kommen wir auch wieder auf die Audit-Sitzungen zurück: Bei einem Psychologen gilt völlig zu Re

cht ja eine Verschwiegenheitspflicht, damit man sich auch frei äußern kann. Bei Scientology ist frei äußern ja relativ mit dem E-Meter und dem Druck der dort wohl ausgeübt wird. Hinzu kommt aber auch, dass schon öfter geheime Dinge aus diesen Sitzungen nach außen drangen und damit auch offensiv als Druckmittel genutzt werden.

Durch das Buch war mir einerseits die Faszination deutlich geworden, die diese Organisation ausüben kann, da sie mit Angeboten und Kursen zur Lebensverbesserung sehr schnell auch praktische Tipps für das Leben kann. „Es hat mir geholfen“ sagte jemand bei Domian, später5 hieß es bei Lanz genau diese Aussage sollen Scientologen anbringen bei kritischen Fragen. „Machen sie sich selbst ein Bild“ heißt es ganz trügerisch auf den Seiten und in Videos. Als wenn man sofort alles überblicken könnte, was angeblich alles eine Lüge ist.

Die Frage ist, wieso diese Kirche den Totalitarismus mit sich trägt. Und vor allem wieso Tom Cruise und Co. dies verteidigen? Naja, genauer gesagt streiten Sie es ab, um ehrlich zu sein. Aber die Promis haben ja vielleicht auch eine andere Behandlung erlebt? Für Tom Cruise gab es beispielsweise eine Scientology – Kommission, die ihm eine neue Freundin suchen sollte.6 Aber ich schweife ab.

Das Buch zeigt eben gleichzeitig den Grund für den Zulauf, den die Kirche verzeichnet, aber eben auch die Gefahren und das System hinter der Kirche. Klare Leseempfehlung, hier zu bestellen…

 

 

 

  1. Lohn von 20-30 Dollar pro Woche []
  2. Buch Seite 409f. []
  3. Buch S. 169 []
  4. Fühlt sich noch wer an Gedankenverbrechen aus 1984 erinnert []
  5. 5. im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf meines YouTube Konsums :) []
  6. Buch Seite 415ff. []
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