Gaucks Freiheit

Was ist in den letzten Tagen alles gemutmaßt worden, was Gauck meint. Ob er überhaupt ein Demokrat sei und vielleicht nicht ein böser Neoliberaler. Richtig erfahren wird man es wohl erst, wenn er als Bundespräsident seine Reden halten wird und Klaus Hildebrand hat in der taz recht, wenn er aufruft sich auf Gauck zu freuen. Und das wegen seiner Reden:

Gauck kann streiten. Das sollte man nicht mit Spalten verwechseln. Anstatt den Mann zu fürchten und ihn schon vor seiner Amtseinführung zum Beelzebub im Priesterrock zu erklären, sollten wir uns auf diesen Streit freuen. Gauck ist befähigt, etwas weniger schnarchsackschlafmützige Reden zu halten als diverse seiner Vorgänger.

IMG_0001Eine Möglichkeit mehr über unseren Bundespräsidenten zu erfahren bietet vielleicht neben seiner Biographie auch das neu erschienene Büchlein “Freiheit”.Büchlein ist dabei der richtige Ausdruck. In DIN A7 Größe und knapp 60 Seiten Text sind nicht wirklich mehr, insbesondere, wenn die Seiten mit großzügigem Rand versehen sind.

Aber bei dem Titel kann man erwarten, dass es um Grundlagen geht. Und das tut es auch, denn es beschreibt die für Gauck wesentlichen Merkmale unserer Gesellschaft: Freiheit, Verantwortung und Toleranz. Und dies nicht aus der Rolle eines "Propheten", sondern einen Zeitzeugen und "Liebhaber der Freiheit".

 

Mit dieser beginnt er auch und findet interessant, dass sich unser Freiheitsbegriff stark um "Besitzstandswahrung" dreht. Er geht selber sehr stark auf die politische Freiheit ein, die für ihn den Übergang bietet zwischen dem "Insassen" eines Staates, wie er sich in der DDR gefühlt hatte und dem Bürger.

Dies führt ihn dann zum nächsten Punkt: Der Verantwortung. Denn bei dieser geht es nicht nur um die Freiheit von etwas, sondern auch für etwas. Und auch hier geht es um die Möglichkeit der Beteiligung und Mitgestaltung. Verantwortung ist für Gauck damit die Erweiterung der Freiheit, Gauck nennt sie “Freiheit der Erwachsenen”. Das Gefühl von Verantwortung ist für ihn aber auch in jedem Menschen angelegt, wie man es erkennt, wenn sich durch Kinder oder Partnerschaften Verantwortung für das Leben von anderen ergibt. Und diese muss nicht zwischenmenschlich eingerichtet sein: Auch für die Natur oder Rechtsstaatlichkeit kann man eine solche Verantwortung aufbauen.

Er spricht aber auch, dass man solche Verantwortung übernehmen muss – und nennt dies Bezogenheit. Ein Schlaraffenland – wie auch immer man es gestaltet und wie es aussieht – kommt nicht durch das abwarten, sondern durch Handeln. Die Psyche würde uns belohnen, wenn man sich in diese Richtung entwickeln würde.

Den letzten Teil des Buches bildet die Toleranz. Nach den ganzen Aussagen im Bezug auf seine Äußerungen zu Sarrazin ja nicht unwichtig. Er beginnt – als Theologe – damit, dass es nichts falsches ist eigene Werte zu haben und zu betonen. Im Gegenteil:

Und wir wissen, dass eher diejenigen, die ihres eigenen Glaubens und ihrer eigenen Werte sicher sind, die Werte von Fremden zu würdigen bereit sind, weil sie das Fremde weniger fürchten und in den Anderen Menschenkinder erkennen, die zusammen mit uns überleben und in Würde leben wollen.

Sie würden deshalb die anderen besser achten und fordern deshalb auch nicht, innerhalb einer Frist genauso zu werden. Man diene der Toleranz nicht, wenn man das eigene Profil verwässere, sondern indem man sich der eigenen Werte vergewissert.

Und dies hält er auch für die Menschenrechte extrem wichtig. Man muss sich dieser gemeinsamen und universellen Werte sicher sein und die Menschenrechte unserer Mitmenschen respektieren und verteidigen.

Es gibt den Vorwurf, dass der Westen damit und mit seinem politischen System Imperialismus betreibe. Dies lehnt Gauck aber ab. Man solle sich positiv zu seinen Werten stellen und sich besinnen, dass wir diesen 60 Jahre Frieden und Menschenrechte verdankt. Er ist dabei nicht unkritisch:

“Ja, es gibt auch Mängel in unserer Demokratie und Marktwirtschaft. Wir wissen, dass dieses System nicht vollkommen ist und ständiger Verbesserung bedarf. Aber es ist ein lernfähiges System, das Vorbildcharakter hat.” [2. Gauck: Freiheit, S. 57]

Andere Demokratisierungsschübe der letzten Jahre haben doch auch das westliche System aufgenommen. Und natürlich kommt er in Folge auch auf das, was er m.E. wirklich albern an der Occupy Bewegung fand – den Antikapitalismus:

“Es gibt zwar Gegenentwürfe, in Europa etwa erwachsen aus dem Marxismus, der die Einzelnen im Kollektiv verschwinden lies. Aber diese Entwürfe haben sich nicht behauptet. Wir haben bei diesen Entwürfen weniger Freiheit, weniger Lebensfreude, weniger Rechtssicherheit und weniger Wohlstand erlebt.” [3. Gauck: Freiheit. S. 59]

Ist das Neoliberal? Sicherlich nicht, denn er möchte, dass man dem kapitalistischen Wirtschaftssystem kritisch gegenüber tritt und darüber streitet, ob liberale, konservative oder linke Vorstellungen am Besten sind für die Lösungen der Probleme.

Zugegeben, das Buch ist knapp und lässt Fragen der Wirtschaftsordnung nur am Rande auftauchen, aber mir ist zumindest nichts direkt böse aufgestoßen. Ich schätze seine Einstellung zur Freiheit, die sich eben nicht auf materielle Freiheiten fokussiert, sondern die politischen Freiheiten in den Mittelpunkt stellt. Ich bin gespannt, wie sich dies in seinen zukünftigen Reden niederschlägt, ob und wie er diesen politischen Freiheitsbegriff mit den Fragen der Weltwirtschaft verbindet – dies war ja im Prinzip die Kernfrage von Occupy.

Ob man das Buch nun lesen sollte, überlasse ich jedem selbst. Es ist nicht unbedingt die Antwort auf alle Fragen zum Bundespräsidenten und seinen Einstellungen – vielleicht ist da die umfangreichere Biographie besser? – aber ein wenig mehr erfährt man schon. Andererseits verpasst man wohl auch nicht so viel, wenn man die 10 Euro nicht investiert :)

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