John Asht und Literaturkritik 1

Ab und an schreibe ich hier ja auch mal über Bücher. In der Regel recht positiv, weil ich euch die Bücher vorstellen will, die ich gelesen und für gut befunden habe. Ähnlich – wenn auch viel mehr – macht es auch Myriel, die in ihrem Blog “Bücherzeit” über von ihr gelesene Bücher berichtet. So auch im letzten November, als sie über “Twin-Pryx. Zwillingsbrut” von John Asht berichtete. Und das nicht gerade positiv:

Bei meinem ersten Versuch mit diesem Buch habe ich es nicht mal bis Seite 30 geschafft, beim zweiten Anlauf immerhin bis Seite 90. Einen Dritten wird es nicht geben. Denn auf diesen Seiten sind mir schon so viele Dinge aufgefallen und haben mir quer im Magen gelegen, so dass ich gar nicht erst wissen möchte, wie es weiter geht.

 

Ich glaube das mag kein Autor gerne lesen, aber wer etwas veröffentlicht muss mit Kritik leben können, gerade bei einem Bereich wo Geschmäcker verschieden sind. Die Amazon Bewertungen sprechen übrigens eine ähnliche Sprache. Niemand erwartet eine Rechtfertigung des Autors – der wird es ja schon gut finden und das ist sein gutes Recht. Peinlich wird es nur, wenn er den anderen Menschen direkt beleidigt und nicht ernst nimmt:

Na ja, von einer 23-jährigen Fantasy-Leserin, die mit gehobener Literatur überhaupt nichts anfangen kann, erwarte ich auch nicht mehr als eine solch’ unqualifizierte Pseudo-Rezi.
Mädel, schreib’s dir hinter die Ohren: Phantastische Literatur ist nicht „Fantasy“.
Also, tu uns allen einen Gefallen und bleib bei deinen Zwergen und Elfen – für mehr reichts nicht!

Noch schlimmer: Er droht mit dem Anwalt. Und nicht nur er: Der Verlag schließt sich diesem unseriösen Vorgehen an:

Artikel 5 des Grundgesetzes gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, Wirtschaftskriminalität zu betreiben, indem Sie willkülich den Verkauf eines Produktes boykottieren.

Sie sind keine studierte Literaturkritikerin – das sieht man allein schon daran, dass Sie den fantastischen Abenteuerroman „Twin-Pryx, Zwillingsbrut“ fälschlicherweise in die Kategorie „Fantasy“ abgeheftet haben. […]

Außerdem werde ich den Börsenverein des Deutschen Buchhandels informieren, dass Sie auf launische Weise Literaturkritiken veröffentlichen, ohne überhaupt das Werk gelesen zu haben – abgesehen davon, dass Sie es wie oben beschrieben falsch kategorisiert haben.

Irgendwie witzig und so hat Myriel auch reagiert: Eine Email mit ihrer Anschrift geschickt für die Anwälte. Ein lächerlicher Auftritt. Er zeugt von einer Gedankenwelt, in der man Meinungen steuern kann. Was interessiert mich als Blogger der Börsenverein des Deutschen Buchhandels? Was macht der überhaupt? Und Artikel 5 des GG erlaubt auch negative Produktkritiken, sonst hätte die Stiftung Warentest wohl ein größeres Problem. Wenn ich schreiben will, dass Buch XY oder Produkt ABC mir nicht gefällt, ist das meine Meinung und niemand muss sich daran halten oder es genauso sehen. Aber Artikel 5 GG ist nicht nur auf die Politik beschränkt.

Mit diesem Auftreten ist eins definitiv gelungen: Negative Werbung für das Buch. Man mag sagen, lieber solche als gar keine und selbst der Name des Autors ist nun auch bekannter im Netz. Aber ich kann echt nur den Kopf schütteln über diese Aktion.

Sie geht aber noch weiter, denn der Autor legt in seinem Blog nach und verweist gar auf eine Art organisierte kriminelle “Rezensenten-Mafia”. So schreibt er:

Google Alert hat mir binnen nur 2 Tagen ganze 742 neue, gehässige Rezensionen meines Romans "TWIN-PRYX, Zwillingsbrut" gemeldet. Dabei aber wurde in dieser Zeit kein einziges Exemplar verkauft, geschweige denn von einem dieser Möchtegern-Rezensenten gelesen. […] Wohlbedacht über’s Wochenende, habe ich diesen Blog in die Welt des deutschsprachigen Raumes geschickt. Er hat viel Staub aufgewirbelt und mir letztendlich den erhofften Beweis erbracht, dass es tatsächlich so etwas wie "Rezensenten-Mafia für Arme" gibt. Diese Leute sind in Foren und Blogs organisiert und schießen  auf Kommando, wie die Zecken aus den Büschen, ohne überhaupt nachzudenken, was sie da eigentlich anstellen. Da gibt einer den Ton an und alle anderen folgen ihm bedingungslos in den Irrsinn. Typisch!

Ich weiß nicht, ob diese Artikel wirklich Rezensionen sind, sondern eher – wie ich hier – die Geschichte eines wütenden Autors wieder erzählen und dabei zwangsläufig die Kritik von Myriel auch darstellen. Aber so ist es in den heutigen Zeiten: Wer Kritik meint mit Anwälten begegnen zu können, hat in der Internetkultur verloren. Höhnisch wird es, als er dann am Ende des freien Internets beklagt.

Solche falschen Rezensenten und Möchtergern-Literaturkritiker sind eine Schande für’s freie Internet, aber ganz besonders für die Literaturbranche des einstigen Volkes der Dichter und Denker. Und sie sind auch die Totengräber des freien Internets. Es braucht sich niemand mehr wundern, wenn es schon in baldiger Zeit, die Anonymität im Internet nicht mehr geben wird […]

Und am Anfang beklagt er noch genau diese freie Kultur des Internets:

Vor der Internetexplosion gab es noch gestandene Literaturkritiker – sie kennzeichneten sich vor allem durch Seriosität, Fachwissen und Objektivität – sie schrieben Kritiken für ein gedrucktes Blatt, eine gedruckte Zeitschrift oder ein gedrucktes Journal. Sie waren Kenner der Branche und Könner im Metier – sie hatten eine eloquente Bildung und bedienten sich einer respektvollen Umgangssprache – und sie waren Meister im "zwischen den Zeilen schreiben". […]

Heute aber, im zweiten und vielleicht auch letzten noch freien Internetjahrzehnt, kann jeder veröffentlichen, was er will – egal ob er etwas drauf hat oder auch nur eine frustrierte Niete ist: […] So kommt es, dass heute so mancher, der irgendwann mal Lesen und Schreiben gelernt hat, sich auch einbildet, sein vergorenes Hirnschmalz unbedingt via Literaturkritik ins Netz stellen zu müssen […]

Mit dieser Kritik verkennt er die Macht, die die freie Meinungsäußerung hat: Ein Leser von Myriels Blog wird die Bücher nicht kaufen, weil dort eine fundierte Literaturkritikerin sitzt, sondern weil man irgendwann festgestellt hat, dass ihre Hinweise und Buchbesprechungen die eigene Meinung gut widerspiegeln. So wie man vielleicht einen Freund im Freundeskreis hat, der ähnliche Literatur hat und von dem man sich Tipps holt. Das Web 2.0 erfordert von niemandem ein Buch komplett zu lesen, wenn es einem nicht gefällt – sofern genau dies transparent wird. Man kann dann selbst entscheiden, ob man das Risiko dennoch eingeht oder es lieber lässt.

Die Kritik von Asht beruht darauf, dass die Kritiker Geld sehen wollen für gute Kritiken. Damit versteht er das Netz nicht. Solche Seiten leben vom Vertrauen und von Authentizität des Autors. Und ja es sind Privatpersonen, keine “Literaturkritiker”. Auch das ist transparent und man kann von keinem Menschen verlangen sich in seiner Freizeit durch 900 Seiten zu quälen, dafür ist das Leben dann zu kurz.

In seinem Nachtrag schreibt er, dass Kleinverleger große Risiken eingehen mit der Veröffentlichung eingehen. Das stimmt, aber soll man deshalb bei Kleinverlagen anders herangehen als bei “richtigen” Verlagen und deren Bücher anders bewerten? Und Mr. Asht sollte vielleicht ebenso anerkennen, dass viele der “Wichtigtuer(innen)” dies als Hobby betreiben.

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich werde es auch nicht. Ich hatte vorher nichts davon gehört und ich glaube auch nicht, dass es wirkliche Werbung für ihn ist. Denn mit John Asht ist ab sofort immer verbunden, dass Kritikern mit Anwälten gedroht wird und alle nur aus Böswilligkeit gegen ihn sind (oder eben Teil einer kriminellen Verschwörung sind). Ob sein Schreibstil nun so langweilig ist, wie oft geschrieben ist dabei nebensächlich. Ich halte es für eine Charakterschwäche, die ich nicht finanziell unterstützen werde.

One comment on “John Asht und Literaturkritik

  1. Reply Flo Jan 23,2012 22:47

    Nur am Rande: Als die ganze Sache losging, hatte wohl (afaik) die Amazon-Seite nur vier positive Rezensionen, keine negativen. Allerdings stammten drei der vier Rezensionen von Leuten, die sonst keinerlei Aktivität aufwiesen – ein Schelm, wer übles dabei denkt. Dass nach dem Shitstorm jetzt natürlich die Amazon-Rezensions-Bomberei losgeht, war ja klar, ist ja eine billige Methode, dem Autor eine reinzuwürgen.

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