Zappenduster

Seit einiger Zeit bin ich in der Arbeitsgruppe Inklusion der Gelsenkirchener GRÜNEN. Mit einem Freundeskreis, wo die gefühlte Hälfte in dem Bereich arbeitet, kommt auch ein stärkeres Interesse an der Arbeit für Barrierefreiheit und bessere Inklusion von behinderten Menschen in der Gesellschaft auf. Heute abend ging es dabei zu einem Auswärtstermin. Und zwar ins Zappenduster in Bochum. Auswärtstermin klingt schon etwas komisch und dann auch noch, wenn es in ein Restaurant ging. Aber das Zappenduster ist nicht irgendein Restaurant, es ist ein Dunkelrestaurant. Anstatt also womöglich gemütlich bei Kerzenschein zu sitzen und sich anzugucken, sitzt man in absoluter Dunkelheit und weiß nichtmal genau, was man da eigentlich ist – und noch schlimmer: WIE man das eigentlich essen soll.

Aber der Reihe nach: Nach der Ankunft wird man freundlich im Licht in Empfang genommen, gibt an der Garderobe alles ab, was Licht erzeugt (Handys), worüber man stolpern könnte (Taschen) und was man sonst eben an Garderoben abgibt (Jacken, etc.). Die Toiletten befinden sich übrigens auch im beleuchteten Berich des Restaurants – also keine Sorge, sich dort auch zu „beschlappern“. Dann beginnt aber bald auch das Abenteuer Essen in Dunkelheit mit dem Empfang durch einen Kellner, der einen dann schließlich – fast wie einer Polonese – in den völlig dunklen Raum führt. Einzeln wird man zu dem Stuhl geführt und dann gilt es die Umgebung zu erkunden. Vor einem der Teller, daneben Messer und Gabel, aber wieviel Platz zum Nachbarn? In der Mitte einige Brote als Appetitanreger und – ups – auch der Kräuterdip dazu, der sich schon teilweise am Finger befindet.

Und eigentlich sofort fängt man dann an auszuprobieren und sich mit anderen darüber zu unterhalten, dass die Aussage an den Gegenüber – „Der Dip steht jetzt da“ – nicht so präzise ist, wie man es unter normalen Bedingungen finden würde. Es wird versucht das Brot zu beschmieren, ohne dass der Dip nur auf dem Teller, aber nicht auf dem Brot landet und entscheidet sich dann teilweise vielleicht doch zum Dippen. Später kommen dann mehrere Gänge, die auch immer mit einer ersten Erkundung beginnen: Wie groß ist der Teller? Wonach riecht es? Und – je nach Gericht – kommt dann das Hauptproblem: Wie bekommt man Essen ohne es zu sehen auf die Gabel? Oder noch schlimmer: Geschnitten? Und Rätselraten beginnt, was ist es überhaupt?

Man wählt im Zappenduster dabei verschiedene Menüs, ob nun Vegetarier oder ob lieber Geflügel, Fisch oder vielleicht Wild auf dem Teller landen soll. Besondere Wünsche (Keine Pilze, Allergien, etc.) können natürlich auch vorher genannt werden, aber ab dann liegt man in den Händen des Kochs. In 2 bis 4 Gängen wird man dann freundlich bedient und erlebt in der Tat essen etwas anders. Essen in Dunkelheit ist viel anstrengender und man greift auch öfter – aber auch ungezwungener – mal zum Finger um das Essen doch irgendwann mal auf die Gabel zu bekommen, anstatt zum x-ten Mal eine Portion Luft in den Mund zu schieben. Manche Dinge schneidet man vielleicht nicht auch erst durch, sondern beugt sich herab und beißt herzhaft ab. Bei der Suppe mit der Nase knapp über dem Teller, damit man ja nichts verschüttet? Kein Problem: Man kann im Prinzip so essen, wie man es sonst nie tun würde – es sieht ja niemand.

Aber man muss auch anders essen. Es ist anstengender und man wird schneller satt, weil das Gefühl ein anderes ist. Man versucht mehr zu erschmecken und zu erraten, was man da eigentlich ist und genießt dabei auch ein wenig mehr. Und was die Zuhilfenahme von Fingern angeht: Mir wurde gesagt, dass dies für blinde Menschen in der Tat in gewissem Rahmen dazu gehört und jetzt kann ich auch verstehen, wieso. Man hat ja so vielleicht schon seine Probleme, Dinge auf die Gabel zu schieben, aber wenn man nichtmal genau weiß, was da liegt, ist das noch etwas härter.

Irgendwie klingt das gerade, als hätten wir dort rumgesaut und uns benommen wie die letzten Henker. Dem ist aber nicht so, denn man ist auch vorsichtiger. Wie vorsichtig man nach dem eigenen Glas greift, wenn man es nicht sehen kann. Und die Kleidung aller Teilnehmer war dannach jedenfalls noch tadellos. Den Tisch konnte ich natürlich nicht sehen – man wird auch in absoluter Dunkelkeit herausgeführt – aber er fühlte sich nicht versifft an :) Bleibt noch eins: Die Dunkelheit selber. An die gewöhnt man sich irgendwann und irgendwie auch nicht. Es ist ungewohnt eben nichts zu sehen und mir kam es alles so riesig vor und man selber etwas verloren. Aber das seltsame Gefühl legt sich wirklich nach einiger Zeit.

Mein Fazit: Ein tolles Erlebnis. Das Essen war sehr gut, der Service ebenso. Regelmäßig wurde man gefragt, ob man etwas benötige, denn das Winken nach dem Kellner ist dann doch etwas schwerer. (Wobei man natürlich immer nach diesem rufen könnte, wenn etwas benötigt wird oder man zur Toilette müsste.) Wenn ich jedenfalls daran denke, wie oft man in anderen Lokalitäten schon auf eine Bedienung gewarten hat, kann man sich manchmal wirklich nur wünschen, auch woanders würden sich die Servicekräfte nicht darauf verlassen, dass sie ein Winken schon sehen würden – tun sie oft nicht :D

Aber weiter zum Zappenduster. Service gut, Essen gut, ein spannendes Erlebnis, aber zugeben nicht die günstigsten Preise, denn das günstigste Menü beginnt mit 20 Euro (plus Getränke, 2 Gang Vegetarisch). Ich finde das aber angemessen, denn es geht hier nicht nur um ein Essen, sondern um neue Sinnenseindrücke oder eben das Gefühl, einen Sinn komplett ausgeschaltet zu haben. Bei den ganzen Eindrücken, die man sonst ständig mit dem Auge verarbeitet, ist es schon fast mal entspannend mal für einige Zeit nicht diesen Aufwand haben. Und einen kleinen Einblick darin, wie Menschen mit Blindheit ihre Umgebung nur wahrnehmen können und wie entscheidend der Sehsinn dann doch ist, war dieser Ausflug wirklich lohnend. Ich kann damit abschließend jedem nur empfehlen auch mal das Zappenduster zu besuchen.

Zur Internetseite vom Zappenduster geht es hier lang :)

Update: Mena hat auch was zum Besuch geschrieben :)

Back To Top