Tatort Internet – So schützt RTL 2 keine Kinder

Gestern abend lief die erste Folge von “Tatort Internet” einer neuen Serie von RTL 2, die den Missbrauch von Kindern durch die Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet und Chats thematisieren soll. Drauf gestoßen bin ich zugegebenermaßen durch die BILD Zeitung, die heute die Titelseite damit aufmachte, dass die Ministergattin Stephanie zu Guttenberg nun Jagd auf Kinderschänder mache.

Zunächst dazu: Stephanie zu Guttenberg taucht in der ganzen Sendung kaum auf und schiebt nur zwischendurch Werbeblöcke für Ihre Organisation “Innocence in Danger” ein oder ist wenn man es positiv ausdrücken will, die “Expertin” zwischen den einzelnen Fällen. Ihre einzige Aufgabe war damit für die nötige Publicity für diese Sendung zu sorgen. Selber “jagen” tut sie genauso wenig, wie der Moderator Udo Nagel, ein ehemaliger Polizeipräsident und Innensenator, der nur ab und an in den einzelnen Fällen mal zu sehen ist. Hauptakteurin ist Beate Krafft-Schöning, die als Journalistin die überführten Männer zur Rede steht.

Für alle die es nicht gesehen haben: Das Sendekonzept besteht daraus, dass sie im Vorfeld Chats durchführt, bei der sie sich als 13 jähriges Mädchen ausgibt und Männer, die darauf anspringen und sexuelle Wünsche äußern oder ähnliches eben zu einem Treffen überredet. Dann kommt es dort gegebenenfalls noch zu einem kleinen Gespräch mit einer 18-jährigen Schauspielerin, die das junge Mädchen gibt und dann kommt die Journalistin stellt den vermeintlichen Täter. Dieser wird dann zu dem Warum ausgefragt. Stefan Niggemeier bewertet gerade dieses Gespräch wie folgt:

Diese Szenen, in denen Krafft-Schöning triumphiert vor den Männern sitzt, die möglicherweise gerade noch kurz davor waren, sich an einem 13-jährigen Mädchen zu vergehen, und nun wimmern und stammeln, diese Szenen machen einen großen und den entscheidenden Teil von „Tatort Internet“ aus. Sie dienen nicht der Aufklärung, sie bieten keinerlei Einblick in das, was in so einem Menschen vorgeht. Sie müssen als eine Art Ersatzstrafe fungieren, wenn schon die juristischen Folgen in den meisten Fällen zu vernachlässigen sind: Wenigstens diese bohrenden Fragen, so unbeantwortbar sie auch sein sind (als könnte ein pädophiler oder pädosexueller Mensch seinen Trieb erklären), soll der Angeklagte über sich ergehen lassen. Das hat gleichzeitig etwas verzweifelt Hilfloses — und merkwürdig Sadistisches, weil Frau Kraft-Schöning, die resolute Journalistin, die das Thema seit Jahren beackert und dabei eine nachlesbare Radikalität entwickelt hat, es so offensichtlich auskostet.

Und ich glaube, das kann man auch wirklich als Hauptkritikpunkt an dem Format sehen. Es geht nur um ein Bloßstellen vermeintlicher Täter, die man – aus nachvollziehbaren Gründen – nur stark verpixelt sieht. Nicht, dass mir potentielle Kinderschänder leid tun, aber diese Sendung bietet nichts anderes, als genau das.

Keine Ratschläge dazu, wie man seinem Kind Medienkompetenz vermittelt, wie man das Netz filtert am heimischen Rechner und wie man selber Kinder kontrolliert ohne diesem seine nötige Privatsphäre zu nehmen. Das einzige, was man bei RTL 2 sieht, ist wieder der Versuch möglichst sensationslüstern, hektisch und panikverbreitend dieses Thema zu instrumentalisieren. Noch deutlicher wird dies nach den drei Fallbeispielen, als ein Mädchen ihr eigenes reales Schicksal darstellen soll. Farlion, der auch die anderen Fälle gut analysiert und dargestellt hatte, fasst die Problematik sehr gut zusammen:

Ein 13jähriges Mädchen und dessen Mutter berichten darüber, wie das Mädchen sich als 12jährige dazu erpressen lassen hat, Nacktbilder zu einem angeblich 16jährigen Chatter zu schicken. Im Gegensatz zu den drei vorangegangenen Fällen kam diese Beschreibung auch realistisch rüber.
Ein Chatter brachte das Mädchen dazu, ihm ein anzügliches Bild zu schicken und erpresste es schließlich damit, das Bild mit ihrem Namen zusammen zu verbreiten, wenn sie nicht mehr schickt.
Es endete damit, dass ihre Mutter mit ihr zur Polizei ging und der Chatter sich als 35jähriger, einschlägig vorbestrafter entpuppte. Auch die Empörung der Mutter ist zu verstehen, angesichts der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellte, weil der 35jährige bereits eine weit höhere Strafe für eine härtere Straftat erwartete.
Was ich allerdings nicht verstehe ist, dass RTL2 während des gesamten letzten Beitrags das junge Mädchen ohne jegliche Anonymisierung gezeigt und interviewt hat. Bleibt zu hoffen, dass dieses Mädchen dadurch jetzt nicht genau dem ausgesetzt wird, womit sie sich hat erpressen lassen: dem Spott der Mitschüler.

“Tatort Internet” soll ab Montag in Serie gehen und auch dies zeigt, dass eine sinnvolle Berichterstattung nicht wirklich das Ziel ist, sondern wahrscheinlich das Motto benutzt wird, bei dem einzelne vermeintliche Täter aufgestöbert, gestellt und dann wahrscheinlich laufen gelassen werden. Mag sein, dass das diesen zu einem Umdenken bringt, in seltenen Fällen mag es zu strafrechtlichen Folgen kommen, aber der Nutzen für die Allgemeinheit sind doch eher gering und womöglich fühlen sich Täter eher gewarnt und agieren vorsichtiger.

Das Thema Kindermissbrauch und der Versuch von Erwachsenen über Chats mit Minderjährigen in Kontakt zu kommen sind Probleme, die Verbrechen (und auch die Chattexte, die man lesen konnte) sind abscheulich und deshalb ist es lobenswert das Thema anzugehen. Aber bitte mit einer gebotenen Seriösität, mit einem wirklichen Reportagestil und vielleicht nicht bei einem Sender, dessen Motto noch immer eher “it’s fun” ist und der ansonsten eher mit “Frauentausch”, “Tattoo Attack” oder “Das Tier in mir” eher unrühmliche Beispiele deutscher Fernsehkultur im Programm hat.

Und nicht als Serie. Eine gute Reportage zu dem Thema würde ausreichen. Natürlich auch mit dem Stellen eines vermeintlichen Täters, aber mit einer genaueren Schilderung des “vorhers” und konkreten Tipps für den Umgang mit neuen Medien bei Jugendlichen. Mit der Bloßstellung ist maximal einem Rachegelüste gegenüber solchen Menschen geholfen. Der Untertitel “Schütz endlich unsere Kinder” sollte sich in einer solchen Sendung niederschlagen mit konkreten Vorschlägen und vor allem ohne das Bloßstellen von Opfern sexuellen Missbrauchs, wie heute geschehen.

Weitere Meinungen unter anderem auch in der Augsburger Allgemeinen oder bei Henning Tillmann, der auch bei Twitter einen tollen Kommentar abgeben hat:

Ich schalte ab. Habe auf VHS noch 3 Std. ARD-Testbild von 1994. Hat mehr Inhalte.

Ich finde man sollte öfter mal wieder das Testbild zeigen. Wenn man nicht 24 Stunden senden muss, kommt vielleicht auch mal vernünftiges tagsüber. Aber das ist ein anderes Thema … ;)

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