ArchivAugust 2010

1
Creative Commons mit Comic erklärt
2
Loveparade: Schaller weißt Polizei die Schuld zu
3
Simon’s Cat jagt ne Kiste
4
Geheimniskrämerei des “Aufklärers” Sauerlamd
5
Google Street View ist doch schon von Geoscoring überholt
6
Milliarden – Vergleich
7
Wenn die Urheberrechtsschützer der Urheberrecht verletzen
8
Kik – Günstig ist zu teuer
9
Fernsehen können ist nicht naturgegeben

Loveparade: Schaller weißt Polizei die Schuld zu

Lopavent, der Veranstalter der Loveparade hat nun eine Dokumentation zu den Ereignissen vom 24.7. herausgegeben. Mit Bildern der Überwachungskamera wird der Polizei die Schuld an dem Desaster zugewiesen:

  • Wenn man sich die erweiterte Chronologie anguckt, erkennt man sogar Ähnlichkeiten zum Polizeibericht:
  • Generell sehen beide ein Problem in der richtigen Zuführung der Zuschauer zur Loveparade.
  • Während die Polizei kritisiert, dass der Veranstalter die Zugänge zum Tunnel nicht richtig geschlossen habe, ist dieser über die Polizeisperren verwundert.

Auch die Detailansicht der Chronologie bringt nicht wirklich weiter. Denn auch dort kann man nachlesen, dass der Crowdmanager von Lopavent die Polizei um Unterstützung bittet und die Schleusen dann auch wirklich geschlossen werden. Offensichtlich hatte man hier schon ein Problem mit zuvielen Menschen. Wenn der Zugang wie geschildert reguliert wurde, um dagegen zu wirken, wären die Polizeisperren in der Tat unsinnig gewesen. Laut Polizeibericht waren sie aber nötig, um eine Verstopfung oben auf dem Zugang zu klären und mangels eigener Sperrungen durch den Veranstaler müsste man es so handhaben.

Im Bereich West findet sich auch bei dem Veranstalter der Vermerk, dass diese Sperrung des Eingangs wegen eines Krankenwagens aufgehoben wurde. Eine Begründung, wieso man dieses Tor nicht wieder geschlossen hat, findet man aber nicht. Irgendwann wird der Druck auf die Polizeiketten zu groß und es kommt eben darum zu dieser Katastrophe – auch das ist im Grundsatz unstrittig.

Auch trotz der neuen Bilder bleiben viele Fragen offen:

  • Wieso wurden die Polizeiketten gebildet und was war der Grund beispielsweise für die Bewegung auf die andere Seite der zweiten kleineren Rampe?
  • Wieso hatte der Veranstalter angsichts des Druckes im Tunnel auf die Ketten nicht die Sperren am Zugang zu den Tunneln wieder geschlossen?

Also sind wir wieder nicht schlauer was dies angeht. Schaller ist im übrigen am Donnerstag zu Gast bei Kerner um 22.15 Uhr auf Sat1. Ich mag Kerner jetzt nicht unbedingt und befürchte, dass es eher zu einer Schaller-Werbesendung wird, weil nicht kritisch nachgefragt wird, aber lasse mich gerne eines besseres belehren.

Geheimniskrämerei des “Aufklärers” Sauerlamd

Vor einigen Wochen erschienen mehrere tausend Seiten Dokumente über den Afghanistan-Krieg. Gestern brachte das Duisburger Blog xtranews 300 Seiten Anhang zu dem guten Gutachten zur Verantwortung der Stadt bei der Loveparade Katastrophe, in dem man die Genehmigungen und Schriftwechsel findet. Dem “Aufklärer” Sauerland gefiel das wohl garnicht und so ist das Blog direkt verklagt worden. Die Veröffentlichung widerspreche dem Urheberrecht. Mal ganz abgesehen von der rechtlichen Frage, ob öffentliche Dokumente und vor allem Genehmigungen beispielsweise überhaupt unter das Urheberrecht fallen, ist es auch bezeichnend, dass man sich auf dieses Recht zurückzieht und angesichts von 21 Toten so agiert. Im Law Blog wird das wie folgt bewertet:

Im Angesicht von 21 Toten mit dem Urheberrecht zu kommen und sich den Mitteln von Sony Pictures und Bushido zu bedienen, das ist unterste Schublade. Es ist wünschen, dass dieser miese Schachzug der letzte ist, mit dem Adolf Sauerland von sich reden macht.

In der WAZ wurde auch darüber berichtet und in den Kommentaren wurde auf mangelnden Datenschutz hingewiesen. Das mag man kritisch sehen, wenn einfache Sachbearbeiter und Anwohner mit ihrem Namen und ggf. der Anschrift dort auftaucht. Aber das war nicht der Kritikpunkt. Es ging nicht um eine Änderung der Veröffentlichung, es wird nicht mit Datenschutz argumentiert, sondern um das klare Verbot und die Tatsache, dass unerwünscht ist, dass sich Bürger sich ein eigenes Bild machen können.

Und genau damit schießt sich Duisburg ins eigene Bein. Es ist doch altbekannt, dass Verbote Dinge nur noch interessanter machen. Und die Dokumente sind inzwischen weit gestreut worden, wie man am bereits oben verlinkten Artikel von Netzpolitik und den Kommentaren sehen kann. Die Aufmerksamkeit ist gestiegen und die Rolle des Aufklärers Sauerland – mal abgesehen davon, dass die Aufklärung bei der Staatsanwaltschaft liegt und nicht beim OB – wird damit wieder geschwächt und unglaubwürdiger.

Neu ist diese Geheimniskrämerei allerdings auch nicht. Vor kurzem wurde bereits versucht an die Dokumente per Informationsfreiheitsgesetz in NRW heranzukommen, ohne Erfolg. Erfolgreiches Mauern auf allen Seiten.

xtranews will gegen die Einstweilige Verfügung vorgehen und bittet darum hier um Spenden.

Google Street View ist doch schon von Geoscoring überholt

Was in letzter Zeit für ein Wirbel um Google Street View gemacht wird. Der neue Dienst von Google macht nichts anderes, als durch die Straßen zu fahren, diese fotographisch zu erfassen und in eine 3D Umgebung zu fassen. Natürlich kann man dadurch durch andere Städte gehen ohne die eigenen vier Wände zu verlassen. So kann man sein Wohnumfeld schonmal betrachten, bevor man sich um eine Wohnung bemüht oder kann den Weg zum Hotel in einer fremden Stadt schonmal virtuell abgehen. Das ist der Sinn dabei. Ob man es braucht oder nutzen wird, ist dabei ja eine andere Frage. Der vorgebrachte Vorwurf Verbrecher könnten ihre Objekte besser ausspionieren halte ich dagegen für blödsinnig. Ein Verbrecher erhält durch Google View nicht mehr Infos, als durch eine normale Fahrt durch die Stadt. Eher weniger, weil es ja nur Fotos sind.

Und dann ist da noch der Datenschutz. Dies ist sicherlich ein wichtiges Thema, aber ist das das Problem ist doch nicht, dass Häuserfassaden fotografiert werden. Dies sind Daten, die ja direkt keine Verbindung zu den Bewohnern herstellen.

Die gleichen Politiker, die nun den Datenschutz gegenüber Google hoch halten, haben dagegen kein Problem mit Nacktscannern an Flughäfen, mit Onlinedurchsuchungen oder anderen Datenbanken, wo individuelle Daten gespeichert werden. Und gegen Geoscoring sieht Google Street View wie eine verstaubte Datensammlung aus.

In dem Verfahren wird man selber anhand der Rückzahlungsmoral seines Umfeldes eingestuft. Also wenn die Nachbarn dazu neigen ihre Rechnungen nicht zu bezahlen kann es vorkommen, dass man selber nicht auf Rechnung bestellen kann oder gar auf einen Kredit verzichten. Und die Bundesregierung hatte nichts dagegen.

Die Bundesregierung findet es also nicht gut, wenn ein Konzern Fotos von Häusern macht und damit 3D Ansichten von Städten macht. Aber wenn Kreditinstitute Daten über die Bewohner in den Häusern sammeln und jemanden anhand des Verhaltens der Nachbarn mit in eine Schublade packen, dann ist kein Datenschutzproblem. Etwas anonymes wie Wände ist also schlimmer als Finanzdaten. Soviel zur Logik.

Milliarden – Vergleich

image

Mehr schlecht als Recht kann man oben mehrere Geldbeträge erkennen. Beispielsweise 321 Milliarden, die nötig wären, um alle Kinder in Entwicklungsländern 5 Jahren Nahrung und Schulbildung zu geben, 39 Milliarden für Hartz IV oder 400 Milliarden für das Deutsche Rettungspaket in der Wirtschaftskrise. Entnommen ist es einer Grafik der Zeit, die ich allen ans Herz legen will, da sie wirklich interessant ist und einfach mal bestimmte Dimensionen von Geldbeträgen (in Milliarden) deutlich macht. Auch sehr interessant ist die Vorlagegrafik von Information is beautiful, bei dem besonders die untere Hälfte beeindruckend ist. (gefunden über Spreeblick)

Wenn die Urheberrechtsschützer der Urheberrecht verletzen

Eigentlich ist das Urheberrecht ja eine ganz tolle Sache: Wer etwas erstellt, soll auch das Recht an diesem Produkt haben und alleine entscheiden können, was auch immer damit geschehen darf. Im Internet wird es zunehmend schwerer dies zu kontrollieren, weshalb bei YouTube immer mal wieder Videos verschwinden, die eben Musik nutzen. Man mag darüber streiten, ob das Urheberrecht dieser neuen Technik angepasst werden müsste und man andere Wege finden muss, um den Ersteller von Produkten zu entlohnen. Eine Anpassung sind meines Erachtens die Regeln des Creative Commons. Hier gibt man unter bestimmten Bedingungen das eigene Werk frei, beispielsweise unter Namensnennung. Dennoch: Der Kampf alter Organe des Urheberrechts geht doch etwas weit.

Womöglich beim Versuch Musikvideos und ähnliches beim Videoportal Vimeo.com zu löschen ist die “Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverstößen e.V.” nun womöglich selbst zum Verletzer der Urheberrechte geworden. Netzpolitik.org berichtet in zwei Beiträgen davon, dass diese einige Videos haben entfernen lassen. Darunter auch mehrere Folgen des Elektrischen Reporters von Sixtus oder das “Du bist Terrorist”-Video. Das Problem: Beide standen eben unter besagter Creative Commons Lizenz bzw. wurde von diesen selber reingestellt.

Auf seiner Seite beschreibt die GVU die Rechte des Urhebers wie folgt:

Nur der Urheber hat ein ausschließliches Recht an seinem Werk. […] Der Urheber entscheidet, wann und wie und ob überhaupt mit seinem Werk Geld verdient wird. Dem Urheber steht es frei, sein Werk kostenfrei jedem zugänglich zu machen. Er kann auch jedem die unbegrenzte Vervielfältigung seines Werkes erlauben. Er hat aber ebenso das Recht, den Zugang zum Werk wie dessen Vervielfältigung zu beschränken. Diese individuelle Entscheidung des Urhebers gilt es zu respektieren.

Es muss nicht zwingend respektlos sein, was da geschehen ist – um den letzten Satz des Textes mal aufzugreifen. Aber auch ohne unterstellte Absicht der GVU stellt sich doch die Frage, wie das passieren kann und wer eine solche Organisation eigentlich kontrolliert. Und angesichts der “Raubkopierer sind Verbrecher” Kampagnen und weiteren darf man sich jetzt auch mal ganz genüsslich zurück lehnen und gespannt sein, wie nun der “Chefankläger” in Sachen Urheberrecht mal zurechtgewiesen wird – Rechtsmittel sind jedenfalls schon in Aussicht gestellt. Urheberrecht wird eben nicht nur von den finsteren und bösen Raubkopierern verletzt, sondern offensichtlich auch von der Seite, die es sich sonst ganz groß auf die eigene Fahne schreibt. Aber vielleicht gibt es in dieser Welt keine kostenlosen Angebote und im paranoiden Wahn des Untergangs von Film- und Musikindustrie wird lieber einmal zuviel gelöscht als zuwenig?

Kik – Günstig ist zu teuer

Am Mittwoch lief in der ARD eine sehr gute Reportage über den Textildiscounter Kik. Es ist ein Beispiel für guten investigativen Journalismus, den man im Fernsehen leider viel zu selten sieht. Und gleichzeitig zeigt der Bericht eben, dass günstige Preise auch immer ihre Kosten haben, wenn der Verbraucher nicht zahlen muss, dann eben die Angestellten oder Menschen in Entwicklungsländern. Also nehmt euch die 30 Minuten und guckt die Doku:

Fernsehen können ist nicht naturgegeben

Guckt euch mal dieses Video an:

Reichlich unspektakulär, oder? Ein Zug fährt in einen Bahnhof ein. Um diesen Film hat sich eine Urbane Legende gebildet: Bei der Erstaufführung 1896 sollen die Menschen in Panik ausgebrochen sein und dem Zug ausgewichen sein. Ob dies stimmt oder nicht, der Film hat jedenfalls einige Aufregung verursacht damals – das ist unstrittig und war auch so beabsichtigt: Der Zug fährt immerhin direkt an den Zuschauern vorbei, eine Distanz zwischen Zuschauer und Handlung war erstmals aufgehoben worden.

Gut, das ist jetzt über 100 Jahre her und es ist viel geschehen: Die Zeit des technischen Aufbruchs damals ist vorbei. Wir haben 3D Filme und Züge fahren in Filmen seit Ewigkeiten nicht mehr nur an uns als Zuschauer vorbei, sondern auch über uns hinweg, ohne dass man in Panik gerät. Dennoch: Fernsehen muss erlernt werden.

In der Türkei wurde nun eine kleine Studie darüber durchgeführt und dort Menschen Filme vorgeführt, die bisher vom Fernsehen maximal gehört haben. Und auch wenn Panik nicht das Problem war, gab es Probleme bei bestimmten Perspektiven:

So konnte keiner von ihnen den Perspektivwechsel in einer Szene nachvollziehen, in der ein Mann zu sehen ist, der auf ein Haus zugeht und anschließend das Innere des Gebäudes aus seinem subjektiven Blickwinkel betrachtet. (…) Für die TV-Novizen ebenfalls völlig unverständlich war eine Szene, in der zuerst ein Haus gezeigt wird und nach einem Schnitt eine Frau, die in eben diesem Haus sitzt – der für Zuschauer mit Filmroutine völlig logische Zusammenhang zwischen dem Gebäude und der Person lässt sich für Menschen, die keinerlei Erfahrung mit bewegten Bildern haben, schlichtweg nicht herstellen.

Das interessante Ergebnis ist damit, dass Fernsehen keineswegs so intuitiv ist, wie man es vielleicht annehmen könnte.