Einige Gedanken zur Loveparade-Katastrophe

Es war schon ein ziemlicher Schock, als ich gestern in den Vorbereitungen für einen Cthulhu Abend die Meldung von den zu dem Zeitpunkt 10 Toten Menschen bei der Loveparade bei Twitter gelesen habe. Inzwischen ist die Zahl auf 19 gestiegen und die Massenpanik beschäftigt ja schon die Medien, Blogs und Twitter. Ich werde jetzt nicht in die Tiefe einsteigen und alles wiederholen, aber dennoch muss ich einige Gedanken loswerden. Für eine genauere Chronik der Ereignisse und Informationen verweise ich auf Pottblog, der seit gestern alle Ereignisse und Ergebnisse in diesem Artikel darstellt. Sehr anschaulich und gut geschrieben ist auch dieser Bericht von Timelinedancer aus Bochum, die vor Ort war und sowohl die Erlebnisse in Duisburg, aber auch die Hilfsbereitschaft über Twitter darstellt.

Und über das, wieso es dazu kommen konnte – Schweigen von offizieller Stelle. Heute Mittag gab es eine Pressekonferenz, von der man ja vielleicht etwas mehr erhoffen konnte. Kurz vorher wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft bereits Ermittlungen aufgenommen hat wegen mangelhafter Planung. Für die Teilnehmer war dies dann der Grund über eigentlich alles interessante zu schweigen – mit Verweis auf laufende Ermittlungen. Einziges Ergebnis: Ein paar Zahlen und die Ankündigung, dass dies die letzte Loveparade gewesen ist. Ansonsten trifft ein Ausspruch von einem Journalisten wohl am besten, der meinte: „19 Menschen sind gestorben und Sie eiern hier ‚rum!“. Etwas ausführlicher ein Kommentar von Jürgen Zurheide beim WDR:

Ich frage mich jetzt schon seit Stunden, was dieser Auftritt der Duisburger Stadtspitze vor der Presse heute Mittag sollte. 19 Menschen kommen uns Leben, mehrere Verletzte ringen in den umliegenden Krankenhäusern mit dem Tod und dann erzählen uns der Oberbürgermeister, der Veranstalter, der zuständige Polizeichef und der Sicherheitsdezernent der Ruhrstadt, dass sie wenig bis nichts sagen können. Alle entscheidenden Fragen werden nicht beantwortet und wenn es eng für die Vier wird, verstummen sie unter Hinweis auf die ermittelnden Staatsanwälte.

Das habe ich mich auch gefragt. Wenn man nichts zu sagen hat, dann macht man auch keine Pressekonferenz. Und am Ende war eine solche Ermittlung vielleicht sogar ganz recht, weil man dann eine gute Ausrede hat, um nichts zu sagen.

Somit wissen wir noch immer nicht wirklich viel mehr. Die 19 Tote sind offensichtlich jedenfalls nicht direkt in den Tunneln gestorben, sondern auf dem Aufstieg zum Platz. Hab nun keine Karte zur Hand, aber das dies am Ende logisch ist, erkennt man bei der Karte der An- und Abreise zur Loveparade:

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Im Süden über die Karl-Lehr-Straße damit der Zugang. Von beiden Seiten kommen die Menschen und treffen sich dann in der Mitte bei dem Aufgang – und da wird es dann wie bei einem Nadelöhr wirklich eng. Dazu dann noch gegebenfalls Leute, die in die Gegenrichtung wollen. Es mag sein, dass dies im Normalfall sogar funktionieren kann und wie es gestern mal hieß, die Panik dadurch aufkam, dass Menschen vom Aufstieg stürzten. Dennoch zeigen mir Bilder und Videos, dass es dort eben sehr extrem voll war und unabhängig von einer juristischen Schuld kann man doch fragen, wieso der Zugang nicht besser reguliert wurde. Einen Versuch einer Analyse findet man im Wissenslog.

Aber noch fraglicher ist der Platz überhaupt. Bei der Pressekonferenz wurde gesagt, dass der Platz wenn es hoch kommt 500.000 Menschen fassen kann. Und da stellt sich doch die Frage: Wie kann das ein richtiger Platz für eine Party sein, wo 1 bis 1,5 Millionen Menschen erwartet worden. Vor allem, wenn die einzige Möglichkeit des Besucheraustausches dieser schmale Weg ist?

Es mag sein, dass der Platz größer ist, als in Dortmund wie gesagt. Ich weiß nicht, wie er im Vergleich zu Essen ist, wo ich 2007 die Parade besuchte. Aber ich glaube da ging es eben mehr durch die Stadt – man konnte als unterwegs mal dazu kommen und dann wieder gehen – es verläuft sich wahrscheinlich einfach schon mehr. Und in Essen zumindest konnte ich in alle möglichen Richtungen weggehen – sogar ohne große Enge.

Dies alles sind Fragen, die beantwortet werden müssen und zwar nicht nur juristisch. Die Vermutungen, dass hier zugunsten eines tollen Event, Prestige und vor allem auch Profit Sicherheitsinteressen geopfert wurden, ist darum nicht von der Hand zu weisen:

Es heißt, Oberbürgermeister Adolf Sauerland habe die Veranstaltung mit allen Mitteln durchsetzen wollen und entsprechend Druck gemacht – trotz der Finanzlage der Stadt.

heißt es in der WAZ und dort kann man auch von Kritik der Polizeigewerkschaft an dem Veranstalter der Loveparade lesen:

Der Duisburger Kreisvorsitzende Wolfgang Orscheschek stellt sich vor seine Kollegen, attackiert jedoch den Veranstalter Lopavent aufs Heftigste: Die 19 Toten und 342 Verletzte seien „Opfer materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der ,Kulturhauptstadt 2010’, unter Ausnutzung planbarer Medienreaktionen“ so viel Druck auf Landespolitiker ausgeübt habe, „dass sie zum Ereignis Loveparade, trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich, nur „ja“ sagen konnten.“

Ich hatte gestern schon überlegt, einen entsprechenden Sachstandsbericht der Verwaltung in Gelsenkirchen in der Bezirksvertretung einzufordern, aber auch dies hat sich nun ja erledigt. So einfach NEIN sagen, wie im Gelsenkirchen Blog gewünscht kann ich das nämlich nicht. Nicht, dass ich nicht auch kritisch dem gegenüber gestanden habe, weil ich nicht weiß, ob es – womöglich im Berger Feld wie überlegt – einen entsprechenden Platz gebe. Vor allem hatte ich gestern vor dem Unglück aber an unseren Bahnhof gedacht, wie man dort die Besucherstürme handeln will, wo dies in Duisburg bereits zu Problemen führte. Aber nun gut, das Thema ist ja nun vom Tisch. Trauere nicht wirklich, aber interessant wäre es schon gewesen – wenn es sich vernünftig realisierbar wäre.

Nun sind meine Gedanken doch etwas länger geworden. Bleibt nur zum Abschluss nochmals mein Beileid und Mitgefühl mit den Opfern der Katastrophe und ihren Angehörigen auszudrücken.

Update: Hier auch noch ein Bericht aus dem Tunnel.

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