Wüstenblume

Direkt am Abend der Bundestagswahl hatte ich noch das Vergnügen mit zwei guten Freundinnen in die Spätvorstellung von Wüstenblume zu kommen. Zunächst hatte ich den Film schicksalshafterweise mit Feuerherz verwechselt, also war von einem Film über Kindersoldaten ausgegangen. Ob meine beiden Begleiterinnen mich nun bewusst in dem Fehlglauben ließen, sei mal dahin gestellt, aber als ich herausbekam, um was es in dem Film wirklich ging, waren die Karten gekauft und mein Pfirsichsaft in der Kinobar auch fast ausgetrunken. Vielleicht war es aber auch ganz gut so, denn Wüstenblume dreht sich auch um das Schicksal vieler Kinder in Afrika, genauer um das von Mädchen, denn es geht um die Genitalverstümmelung1 derselben, die vor allem dort aber auch in anderen Teilen der Welt geschieht.

Wahrscheinlich hätte ich mir den Film ohne diesen Irrtum und ohne meine Begleiterinnen nicht angesehen. Warum kann ich nichtmal genau sagen, das Thema hatte mich vorher nicht wirklich interessiert. Es wäre vermessen zu behaupten der Film hätte nun alles geändert, aber ein wenig mitfühlender, was dieses Thema angeht bin ich dann doch geworden. Aber vielleicht kurz erstmal worum es geht:

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch Wüstenblume von Waris Diries, in dem diese ihren Weg von der somalischen Steppe bis zum weltberühmten Starmodell darstellt. Dies alleine erscheint einem oft schon wie ein Märchen und voller glücklicher Zufälle getragen, aber hinter allem liegt der Schatten eben der Beschneidung mit drei Jahren, die sie schließlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in einem Interview publik macht und damit das Thema der öffentlichen Diskussion aussetzt.

Wie schon gesagt: Es ist oft wie ein großes Märchen: Die Flucht aus Somalia gelingt nur, weil die Großmutter jemanden in London kennt, dort lernt Waris die Lebenskünstlerin Marilyn kennen und schließlich wird sie in einem Fastfood Restaurant als Modell entdeckt. Manche Geschichten schreibt das Leben eben doch selbst. Immer wieder wird in diese Geschichte jedoch der dunkle Schatten der Vergangenheit eingepflegt, ob nun beim Flirt in der Disco, als sie Marilyn beim Sex überrascht oder eben ganz konkret, als sie unter Schmerzen leidend ins Krankenhaus geht. Und als schließlich das Interview aufkam hoffte ich nur, dass es bei der Erzählung bleibt und einem der Rückblick erspart bleibt. Aber der Film hätte seine Wirkung verfehlt, würde er diesen Zeitsprung nicht machen und das Gesicht des leidenden Kindes überspringen. Die ganzen im Film deutlich werdenden Folgen dieses Verbrechens an kleinen Mädchen haben in dieser Szene ihren Ursprung.

Im Prinzip ist dies auch der Wendepunkt ihres Lebens wenn man es so will. “Die Genitalverstümmelte” sei ihr Job geworden, so ihr Manager. Ein ziemlich harter und unangenehmer Job, wie man auch in einem Interview für die Brigitte nachlesen kann:

Ich habe es so satt, darüber zu sprechen. Ich mache das nicht zum Vergnügen, es ist nicht leicht sich immer wieder vor Menschen zu stellen und diese sehr persönliche Geschichte zu erzählen. Es ist anstrengend, und es wird mit der Zeit auch langweilig. Es geht hier nicht um meinen persönlichen Kampf, deshalb macht es mich wütend, wenn Leute mir zurufen: "Viel Glück, was du machst ist großartig." Als wäre ich alleine für die Bekämpfung von Genitalverstümmelung verantwortlich.

Und auch wenn ich den Film zu Beginn ein wenig als Märchen – von armen somalischen Flüchtling zum Top-Modell – bezeichnet habe, darf man diesen Hintergrund nicht vergessen. Und vor allem nicht, dass sie damit symbolisch für die Mädchen in der Welt stehen, die diesen Weg nicht gehen können.

  1. Ich verwende die gleichen Begriffe wie von terre de femmes vorgeschlagen, werde hier im Artikel deshalb immer von Genitalverstümmelung sprechen und nicht von Beschneidung, da dies das Ausmaß der Tat deutlicher macht. Eine Beschneidung wird womöglich der bei Männern zu schnell gleichgesetzt und dadurch verharmlost. Gegenüber Opfern sollte dennoch dieser Begriff benutzt werden, denn als verstümmelt sollte man diese dennoch nicht bezeichnen. []
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