Zeitungszeugen

image Heute habe ich im Copy-Shop meiner Universität doch noch Ausgaben von Zeitungszeugen gefunden. Wie schon berichtet ist dies eine Wochenzeitung, die Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus nachdruckt und in einen Zusammenhang stellt. Die Bayerische Landesregierung hatte die Zeitung eingezogen, weil sie die Urheberrechte an Nazi-Propaganda besitzt. Und wie schon im letzten Artikel bleibe ich auch bei näherer Betrachter dabei: Diese Aktion ist sinnlos. Die Publikation ist sehr gut und überzeugt mich durchaus. Und es ist doch durchaus besser, man bringt diese Propagandaschriften jetzt kommentiert heraus, als bis 2015 zu warten, bis dies jeder kann.

Aber anders als beim letzten Mal habe ich nun das Schriftstück direkt betrachten können – zumindest Ausgabe 2 zum Brand des Reichtags, der als Quellen die Vorwärts, den Völkischen Beobachter und die Vossische Zeitung beiliegt, zudem ein Wahlplakat der NSDAP. Letztes fand ich zunächst dann doch etwas verstörend, aber ich habe gesehen, dass in Ausgabe 3 eines der KDP beiliegt. Diese habe ich auch gekauft, aber es ist eine zensierte Sonderausgabe, so zumindest der Titel, denn anstatt dem Angriff und der Frankfurter Zeitung findet man nur eine Erklärung über den Sachverhalt und einen Coupon für die komplette Ausgabe im inneren des Mantels.

Und dieser Mantel rundet das Angebot auch gut ab. Zunächst wird ausführlich auf den Hintergrund und die Ereignisse der Ausgabe eingegangen, also beispielsweise Ermächtigungsgesetz, Reichtagsbrand oder – ab heute – der Boykott jüdischer Geschäfte. Auf der Rückseite wird unter “Geschichte erleben” dann schließlich noch auf die Zeitungen eingegangen, also deren Geschichte und eine geschichtliche Einordnung und Einschätzung, aber auch beispielsweise Besonderheiten, wie besondere Anzeigen und ähnliches. Die Zeitungen selber sind eben so wie Zeitungen aus den dreißiger Jahren. In Frakturschrift geschrieben, mit dem ein oder anderen Bild und auch Anzeigen für Lebensmittel oder den Gewinnspielzahlen der letzten Tage – eben eine Originalausgabe vom jeweiligen Tag. Gelesen habe ich diese wiederum natürlich noch nicht, das dauert grade bei der Schrift dann doch etwas, aber ich freue mich schon darauf, einen eingehenderen Blick in die verschiedenen Darstellungen zu werfen, wohlwissend, dass es sich – je nach Medium – um reine Propaganda handelt.

Aber ich finde man kann nicht viel besser aus der Geschichte und dem Leben in der Zeit des Nationalsozialismus lernen, als durch die Zeitungen, die ja nicht nur die wesentlichen Weltereignisse darstellen, sondern eben auch andere Ereignisse des Tages – verbotene Demos, verschärfte Gesetze, etc. Morgen kommt bekanntlich die Ausgabe zur Boykottierung von jüdischen Geschäften und in einer Woche dann diejenige zum Austritt aus dem Völkerbund.

Das Vorgehen der bayrischen Landesregierung scheint da noch unverständlicher und ganz ehrlich: Ich glaube noch immer nicht daran, dass nun plötzlich die Neonazis Deutschlands in die Läden stürmen, um sich diese Zeitung kaufen oder dass sich jemand einfach so eine rechte Zeitung liest und dann plötzlich der Ansicht ist, dass unter Hitler doch alles besser wäre und die Demokratie ein großer Müll ist.

Im Gegenteil bietet diese Reihe Geschichtsinteressierten eben einen faszinierenden Blick zurück (oder einem befreundeten Rollenspieler neues Quellenmaterial 😉 ) und das sage ich auch als jemand, der die kompletten Protokolle der Nürnberger Prozesse in einem Schuber auf dem Regal verstauben lässt 😀

4 Kommentare

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  • *LOL*

    Die Frage ist eher, ob das Staatsministerium wirklich noch Urheberrechte auf die Zeitungen besitzt. Und dann, die Frage, wieso eigentlich?

    Ich hab die Zeitungen jedenfalls ganz normal in der U-Bahn lesen können, und es hat niemanden gestört noch hat es niemand wirklich wahgenommen, dass alles in Frakturschrift war.

    Das sagt mal wieder viel aus über unsere Gesellschaft: sind die Menschen nur zu abgestumpft, um zu reagieren, oder sind wirklich bereit mit dem Thema mal sachlich umzugehen?

    • Also die Urheberrechte hat das Ministerium und wenn ich es richtig sehe zweifelt das “Zeitungszeugen” auch garnicht an, sondern beruft sich auf das Zitierrecht.

      Wie gesagt: Ich finde es nicht mehr zeitgemäß, weil ich die Bürger unseres Landes für aufgeklärt genug halte, dass sie auf den propagandistischen Mist der damaligen Zeit entweder nicht mehr reinfallen oder ihn eh nicht lesen würden (bzw. dies sowieso schon tun, aber da ist es dann eh zu spät oder vielleicht hilft es den Blödsinn zu lesen, anstatt von “Kameraden” davon zu hören).

  • Ich finde es auch nicht mehr zeitgemäß.

    Sachlich wird aber durch die ganze CIA Propaganda eh nicht umgegangen. Hitler wurde zu einer Witzfigur degradiert, und dass läuft unter dem Mist der Vergangenheitsbewältigung – nach dem Motto, wenn man darüber lacht ist es gut und halt „unsere“ Art. Zu kritisieren soll es daran eh nix geben dürfen :/

    Für mich ist diese Art der Vergangenheitsbewältigung leider komplett gestört, und leider wiederum eher pauschalisierend, statt immunisierend.

    Was ich hier als extem gut empfand war folgende Doku:
    http://www.dokumentarfilm24.de/2009/01/09/warum-sie-hitler-waehlten-und-folgten/

    Viele haben aber leider echt Kontaktängste, und der Bürger könnte sich ja zu rechtem Gedankengut hingezogen fühlen, oder ihm vll. teilweise recht geben.

    Schade dass die Republik immer noch im links-rechts-Denkschema gefangen ist – beinahe fast so wie im „Zweiparteinsystem“ á Amerika.

    Ein Freigeist wäre natürlich fatal für die Politik, über die wir eh noch nie abstimmen haben dürfen. Z.B. hochaktuell: Vertrag von Lissabon.

    Und ein Freigeist würde evlt. auch das Gespür für den Zeitgeist bekommen, den man sich in unserem Fall hier ja, durch Meldungen, die die Menschen abseits des politischn auch geprägt haben.

    Naja, mal darauf hoffen das das Blatt nicht nur Drittes Reich macht und vll. noch ein paar kontroverse Sachen bring das das agbl. geschichtliche Faktum angreift und vll. einen oder mehrere Herren ganz oben zu Fall bringt.

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