Reich-Ranicki und der Fernsehpreis

Eigentlich hatte ich von dem angekündigten „Eklat“ um den Verzicht von Marcel Reich-Ranicki beim Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises nichts mitbekommen und wurde von meiner Mutter erst beim allsonntaglichen Tatort gucken darauf aufmerksam gemacht. Nichts desto trotz wurde zuerst dem Krimi gefolgt, bevor man im Anschluss dann noch mal aufs ZDF und zur Aufzeichnung geschaltet hatte. Grade rechtzeitig, denn nach einem Atze Schröder in Kapitänsuniform und dem gloreichen Preisträger „Deutschland sucht den Superstar“ in der Kategorie beste Show kam die – wie ich inzwischen weiss vorgezogene – Ehrung von Marcel Reich-Ranicki. Die komplette Rede von ihm kann man hier nachlesen oder folgend angucken, im Kern geht es aber um folgende Aussagen: „Ich gehöre nicht in diese Reihe der heute – vielleicht sehr zu Recht – Preisgekrönten. (…) …Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.“

Und natürlich hat er mit der Pauschalierung für den Abend und bei den Preisträgern Unrecht, wenn er alle als „Blödsinn“ abgestempelt hätte – worüber sich Bastian Pastewka beispielsweise ärgert:

Es ist falsch, den Abend mit dem Wort „Blödsinn“ abzustempeln. Was müssen die anwesenden Nominierten (und kurz zuvor ausgezeichneten) Reporter aus Krisengebieten gedacht haben, die ihr Leben einsetzen, um über Unrecht in China, Pakistan oder unserem Land zu berichten? Was müssen die anwesenden Fernsehfilm-Autoren, Nachrichten-Mitarbeiter, Cutter oder auch nur die zwei sympathischen älteren Herren von Eurosport gedacht haben, die nicht permanent vor der Kamera stehen, sondern sich seit Jahren teilweise im Stillen engagieren, als Reich-Ranicki sagte: „Ich finde schlimm, was wir uns über Stunden hier ansehen mussten!“.

Ich glaube das wäre aber auch zu wörtlich genommen, denn auch Reich-Ranicki hatte doch angesetzt mit ARTE und 3sat darauf hinzuweisen, dass es durchaus noch gutes Fernsehen gibt, aber dies eben mehr und mehr zu einem Nischenprogramm wird. In einem späteren FAZ Interview sagte er auch dann etwas ausführlicher und wahrscheinlich weniger aus dem Bauch heraus:

Ich sage ja nicht, dass alles schlecht war, was da ausgezeichnet wurde, überhaupt nicht. Aber auch die guten, vielleicht sogar sehr guten Produktionen, die einen Preis erhielten, wurden auf eine Art und Weise präsentiert, die ihre Qualität überhaupt nicht erkennen ließen. Ein Beispiel: Eric Fiedler bekam einen Preis für seine Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“. Das soll ein guter, sehr beachtlicher Film sein. Aber man sah nur einen ganz kurzen Ausschnitt, der überhaupt nichts von dieser Qualität sichtbar machte. So ging es den ganzen Abend, und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich.

Und in dem Kontext kann ich ihm nur Recht geben: Das Fernsehprogramm ist oft unterirdisch, vor allem bei den privaten, aber auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dabei will ich mich jetzt nicht hinstellen und irgendwie sagen, dies oder jenes sei schlecht, denn es soll ja durchaus für jeden Geschmack etwas geben, aber alleine die Tatsache, dass es eine eigene Nominierung für „Reality Shows“ gibt und „Die Ausreißer“ hier gewinner wurde, spricht doch schon für sich oder?1 Das DSDS als beste Show gewinnt mag man für sich beurteilen und es ist im Vergleich zu anderem Schrott wirklich schon *räusper* gute Unterhaltung, aber mal ehrlich, wenn das das beste ist, was die deutsche Fernsehlandschaft zu bieten hat, dann ist Fernsehkritik mehr als notwendig. Man kann dass garnicht an einzelnen Sendungen fest machen, sondern es geht ums große Ganze. Und klar: Man kann mit dem Anspruch ans Fernsehen gehen und sagen: „Jedes Publikum bekommt, was es verdient“, aber manche Sendungen kann sich niemand wünschen oder eher: Sie würde niemand vermissen, wenn nicht irgendein Fernsehmensch sie erfunden hätte.

Aber ich schweife zu sehr ab, aber gesagt ist eigentlich auch fast alles. Ich fand es gut, was Reich-Ranicki gesagt hatte und hoffe auf eine fruchtbare Sendung zu dem Thema (das zdf hatte schon angekündigt dies aufzugreifen), wobei mich vor allem auch interessiert, ob die Intendanten der Privaten auch dazukommen. Und auch wenn er damit nur gesagt hat, was viele eh schon denken (und damit nichts neues), fand ich es wichtig, dass er dies in diesem Rahmen getan hat. Zum Abschluss gibt es noch den Link zu einem Kommentar von Elke Heidenreich und zu fernsehkritik.tv mit dem Hinweis doch mal öfter wieder abzuschalten ;)

Achja: Es ist keineswegs so, dass ich alle Preisträger vom Fernsehpreis für falsch oder schlecht halte, im Gegenteil: Vieles davon sind durchaus Filme, Reportagen oder ähnliches, die es verdient haben ausgezeichnet zu werden – im übrigen oft Produktionen der öffentlich rechtlichen, aber auch der „Sieg“ vom „privaten“ Switch reloaded hat mich sehr gefreut. Es gibt eben auch vieles gute im Fernsehen, man muss es nur suchen…

  1. Und ich habe die Sendung einmal gesehen, also kritisiere nicht unwissend :) []
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