Schwarz – rot – gold

Heute abend wurde bei Polylux über den EM-Patriotismus diskutiert und allgemein herrscht öfter Diskussion über die jetzt schwarz-rot-gold an den Fenstern. Ich kann den Bericht von Polylux nur empfehlen und teile eben eher die PRO Ansicht, aber grade dazu dennoch allgemeine Anmerkungen meinerseits zum Umgang hiermit.1

1. Es geht um Fußball

Also zunächst einmal muss man die aktuelle Entwicklung doch wirklich als das betrachten, was es ist: Eine Fußball Europameisterschaft. Dazu unterstützt man seine Mannschaft auch, indem man deren Farben aus dem Fenster hängt. Und das ist ja nicht so unüblich, denn jeden Samstag erlebt man gleiches doch bei Schalkespielen – übrigens mit viel stärkeren Bandagen gegen den Gegner, man denke nur an die Feindschaft zwischen Dortmund und Schalke. Nach der EM ist bekanntlich schnell damit auch wieder vorbei – kennt man ja noch vor der WM. Also sollte man es nicht groß überbewerten.

2. Gesundes Nationalgefühl nicht schädlich

Dennoch – und dies kann man kaum bestreiten – wird ungezwungener mit der nationalen Identität als Deutscher umgegangen. Ist dies nicht schädich und öffnet einem die Türen für rechte Parolen?

Ich denke, dass man dies keineswegs so einfach sagen kann. Im Gegenteil wird der allergrößte Teil der Menschen, die nun mit Deutschlandfahne bewaffnet Spiele gucken, weit davon entfernt sein, daraus gleich die Schlussfolgerungen zu ziehen, die Rechtsextremisten haben. Nationalidentität zu besitzen und sich „als Deutscher“ zu fühlen, muss ja nicht bedeuten, dass man deshalb andere herabwürdigt. Diese Ansicht kann man nur verfolgen, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch nur eine Identität besitzen kann, also entweder Deutscher oder Europäer ist. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen beschrieb dies in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ wie folgt:

Im normalen Leben verstehen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen, denen allen wir angehören. Staatsangehörigkeit, Wohnort, geographische Herkunft, Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, politische Ansichten, Beruf, Eßgewohnheiten, sportliche Interessen, Musikgeschmack, soziale Engagements usw. – das alles macht uns zu einer Vielzahl von Gruppen. Jedes dieser Kollektive, denen ein Mensch gleichzeitig angehört, verleiht ihm eine bestimmte Identität. Keine seiner Identitäten darf als seine einzige Identität oder Zugehörigkeitskategorie verstanden werden. (S.20)

Die Worte dieses „Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dillettanten auf philosophischen Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhängers des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Bramahnen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert auch ein Leben vor der Geburt) angeht“ ((S. 33f.)) sollte man sich gut zu Gemüte führen.

Jemand, der sich in dieser fußballbegeisterten Zeit eben etwas verstärkter als Deutscher versteht, schließt alle anderen Identitäten ja keineswegs aus und wirft plötzlich alles über den Haufen, was sonst das Leben bestimmt.

Und in der Realität hatte man dies doch auch gesehen: Ob nun bei der WM oder nun bei der EM ist es ja nicht so, dass die Fans anderer Mannschaften nun auf den Fanfesten nicht ausgegrenzt wurden.

Ich finde, dass man dies auch einfach anerkennen sollte und nicht hinter jedem Nationalgefühl nur böses vermuten sollte, wie Dennis es andeutete:

Hier erblüht wieder das Nationalgefühl welches wir kennen und schätzen, jenes Gefühl welches mit dem Fussball oder gar EinigkeitundRechtundFreiheit sehr wenig zu tun hat.

Die Frage bleibt, wieso sich Nationalgefühl sich nicht mit Fußball und „EinigkeitundRechtundFreiheit“ vereinbaren lässt. Ich teile diesbezüglich auch nicht die These von Dennis:

„Die Trennung die “ich” zwischen Deutschland und der BRD habe ist einleuchtend aus der Tradition der politischen Linken ableitbar. Deutschland stand historisch (und auch in der Assoziation der politischen Rechten) für das “1000jährige Reich”, für das revisionistische “Großdeutschland” und in den Köpfen der Bürger steht Deutschland auch nicht für Demokratie und Freiheit und Blablabla, sondern für das diffuse Deutschsein (welches eben “Andersein” explizit als undeutsch ausschließt).
Die Bundesrepublik Deutschland BRD steht für einen demokratischen, freiheitlichen und sozialen Staat (in der ursprünglichen Absicht).
Und genau deswegen schreiben nazis auf ihre T-Shirts “Nein Gerald, du bist nicht Deutschland, du bist BRD”.“

Ich denke nicht, dass die Mehrheit der Menschen sich bei dem Wort „Deutschland“ mit einem Staat identifizieren, der vor 60 Jahren zuende ging. Deutschland ist m.E. heute gleichzusetzen mit der Bundesrepublik, weil dies eben die Realität ist, die die Menschen in Deutschland erleben und die Demokratie ist bei aller Parteienverdrossenheit dennoch anerkannt. Das bedeutet natürlich nicht, die Geschichte zu vergessen, aber eben mit ihr umzugehen und sie ist in diese Identität und das Anerkenntnis von Deutschland bereits integriert.

Wenn man dieses Gefühl allerdings wirklich den Rechten überlässt oder gar die Begrifflichkeit „Deutschland“ den Rechten überlässt, gefährdet man dies m.E. nur. Die Rechten spielen damit, dass man sich als Deutscher in Deutschland nicht mehr deutsch fühlen dürfte. Klar, für sie sind – siehe Zitat mit Gerald – nicht alle Deutschen Deutsche, aber wenn man nun Menschen „verurteilt“, weil sie sich deutsch fühlen oder mit Deutschlandfahnen oder anderen Nationalsymbolen ungezwungen umgehen, treibt man sie doch fast zwangsläufig in diese Richtung, anstatt diesem „Argument“ der Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wer unter Deutschland auch das „Dritte Reich“ versteht und die von Rechten propagierte Trennung zwischen „Deutschland“ und BRD mitspielt, macht dies nur hoffähig.

Die Botschaft von Demokraten sollte deshalb sein, dass man sich natürlich als Deutscher fühlen darf, als Deutscher dieses demokratischen, weltoffenen und menschlichen Deutschlands. Dass man die Symbole dieses Staates auch nutzen kann, ohne sich als verklemmter Nazi vorführen lassen muss.

Nicht „nur Stoff“

Grade diese Symbole darf man sich dann nicht nehmen lassen. Schwarz-rot-gold war schon vor der Deutschen Revolution von 1848/49 ein Zeichen der Freiheit und blieb es auch nach dessen Abschaffung bis in die Zeit der Kaiserzeit und wurde schließlich beim ersten demokratischen Versuch der Weimarer Republik wieder Nationalflagge. Die Nazis schufen das Symbol ab und selbst heute wird bewusst bei Nazidemonstrationen auch schwarz-weiss-rot getragen – die autoritären Farben Deutschlands.2

Zugegeben erscheint es dort seltsam, wenn grade rechte Gruppierungen nun den Aufschlag machten wegen einer vermeintlichen Urinierungsaktion der Grünen Jugend auf eine Deutschlandfahne. Um einige Dinge vorweg zu schieben: Es war keine offizielle Aktion der GJ, es waren nur einige Mitglieder und es wurde nicht gepinkelt. Dennoch fand ich die Aktion eben unpassend – und zwar nicht nur, dass die Bilder auf der Seite auftauchten.

Es mag ja sein, dass man selber vom Nationalstaat nicht mehr viel hält, Deutschland und Nationalbewusstsein als rechts oder zumindest hinterwältlerisch ansieht und mit dem ganzen Trubel nichts anfangen kann. Dennoch ist die Fahne eines Staates nicht „nur ein wenig Stoff“, genauso wenig wie die Bibel oder der Koran auch nicht einfach nur ein Buch ist. Es sind für viele Menschen Identifikationssymbole mit einer Bedeutung. Und damit zu spielen halte ich – wie oben schon gesagt für falsch.

  1. Der Artikel entstand aber nicht als direkte Reaktion, sondern schon im Vorfeld ;) []
  2. Zur Weiteren Beschäftigung sei das Buch Schwarz, Rot, Gold von Peter Reichel empfohlen – auch zu Beziehen über die BpB []
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