„The games must go on“ – oder auch nicht?

Mit diesen Worten leitete der damalige IOC Präsident Avery Brundage 1972 die Fortsetzung der Sommerspiele nach der Tragödie von München ein. Die Frage stellt sich in gewisser Weise auch heute nach den Ereignissen in Tibet für China. Historisch wäre der Vergleich mit den Spielen von 1980 oder 1984 besser, also den beiden größeren Boykotts der Olympischen Spiele.

image

1980 hatten sich einige Staaten aus Protest gegen den sowjetischen Einfall in Afghanistan die Teilnahme bei den Sommerspielen in Moskau abgesagt. Die entsprechende Reaktion kam 1984 bei den Spielen in Los Angeles. Über den Erfolg dieses Boykotts kann man sicher streiten – wird aber eher kritisch betrachtet. Und auch darauf basieren auch alle Argumentationen im Bezug auf Peking in diesem Sommer.

Gegen einen Boykott sprechen mehrere Argumente:

  1. Jahrelang haben sich Sportler aus aller Welt auf dieses Ereignis vorbereitet und für diese ist ein solches Ereignis natürlich immens wichtig – auch finanziell.
  2. Sport diene der Kommunikation und dazu Grenzen abzubauen, anstatt welche zu errichten.
  3. Es sei keine neue Entwicklung, dass China Menschenrechte missachte und auch die Kooperation mit Regimen in Sudan oder Burma pflege. Daher hätten die Spiele erst garnicht nach China gehen dürfen.
  4. Wenn ein solcher Boykott kommen würde, dann müsse es eben auch entsprechende wirtschaftliche und politische Konsequenzen geben und nicht nur auf dem sportlichen Feld.

Ebenso sprechen natürlich einige dafür:

  1. Man könne China nicht die Möglichkeit bieten, sich so positiv zu präsentieren und eine entsprechend positive Plattform bieten bei den Taten des Landes.
  2. Insbesondere sei es kaum vorstellbar fröhliche Spiele durchzuführen, während in dem gleichen Land Menschen getötet und unterdrückt werden.

Ich persönlich denke nicht, dass ein Boykott hier jetzt wirklich weiterhilft. Dann hätte man vorher bereits anders agieren müssen. Und wenn man einen sportlichen Boykott nutzt, dann müssen auch wirtschaftliche und politische Folgen kommen. Natürlich sollte man es nicht alleine China überlassen die Öffentlichkeit durch die Olympischen Spiele zu nutzen, aber das passiert ja auch nicht.

Wie wäre die Krise in Tibet wohl dargestellt worden, wenn China nicht im Sommer Gastgeber eines der größten Sportereignisse der Welt wäre? Hätten wir es dann auch auf der Titelseite gefunden oder vielleicht doch eher im Auslandsteil im Innenteil als kurzer Bericht am Rande? Die Sommerspiele bieten eine Öffentlichkeit, die man zur Sensibilisierung und Kritik gegenüber China nutzen kann. Amnesty International macht dies bereits und andere Gruppen werden folgen oder tun dies bereits. Wie gesagt: Auch die Unabhängigkeitsbewegung von Tibet profitiert von der Öffentlichkeit.

Und demnach müssen konstruktive Wege gefunden werden, um die Spiele zur Kritik zu nutzen, denn ein Boykott ist sicher erst das letzte Mittel. Ich weiss nicht, was nach dem Reglement möglich ist, aber wäre es nicht sinniger, wenn die Athleten mit kleinen Tibetfähnchen protestieren oder man entsprechend Druck auf die Sponsoren auszuüben, ihre Werbeflächen zu nutzen. Was spricht gegen ein „Freedom“ neben dem goldenen McDonalds M? Wie gesagt, ich weiß nicht, ob dies rechtlich möglich ist, aber wenn, würde ich das besser halten, als ein einfaches „wir sind nicht dabei“.

Noch hat man Einfluss auf China mit dem Druckmittel des Boykotts und den entsprechenden Folgen. Handelt man jetzt geht dies flöten. Wer weiß ob China da nicht stärker durchgegriffen hätte, gäbe es keine Weltöffentlichkeit, die grade jetzt genau hinguckt.

Ich weiß nicht, wie ich darüber rede, wenn sich dies ändert oder weiter in dieser Form anhält. Irgendwann ist eben wirklich eine Schmerzgrenze erreicht, bei der aller Dialog und jeder Druck nicht ausreicht, bei dem man einfach nicht genug Gegengewicht auf die Waage bringen kann, damit China sich nicht als guter, strahlender Gastgeber präsentieren kann. Wenn man dies tut, dann aber bitte richtig. Also wer es mit dem Protest ernst meint, muss mehr leisten, als nur eine symbolische Geste, und auch über wirtschaftliche und politische Sanktionen reden – mit allen Folgen.

Weitere Beiträge der Blogospähre:

Back To Top