Vorgeschichte des Kalten Krieges

Nach der theoretischen Einführung des ersten Beitrages wird es nun Zeit wirklich in die Geschichte einzutauchen – und zwar mit den Hintergründen des Kalten Krieges. Beginnen will ich mit einem interessanten Zitat:DeTocque

Es gibt heute auf der Erde zwei große Völker, die – von verschiedenen Punkten ausgehend – zum selben Ziel vorzurücken scheinen: die Russen und die Amerikaner.
Beide sind im verborgenen groß geworden und während die Aufmerksamkeit der Menschen anderswo gefesselt war, sind sie plötzlich in die vorderste Reihe der Nationen getreten, (…)
Sein Ziel zu erreichen, baut der Amerikaner auf das private Interesse und läßt die Kraft und Vernunft des Einzelnen wirken, ohne sie zu dirigieren.
Der Russe drängt gewissermaßen die ganze Macht der Gesellschaft in einem Menschen zusammen.
Freiheit ist dem einen der Antrieb, Knechtschaft dem anderen. Ihr Ausgangspunkt ist verschieden, verschieden ist ihr Weg; und doch, nach einem geheimen Plan der Vorsehung scheint jeder von ihnen berufen, dereinst die Geschicke der halben Welt zu lenken.1

Was auf den ersten Blick wie eine zeitgemäße Analyse der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg aussehen mag, ist zu dem Zeitpunkt bereits über 100 Jahre alt. Der Franzose Alexis de Tocqueville schrieb dies bereits 1835 in seinem Werk „Über die Demokratie in Amerika“, einer Analyse des amerikanischen Regierungssystem. Auch wenn Russland nach dem Zweiten Weltkrieg sicher anders aussah, als es Tocqueville kannte, sollte er Recht behalten. Jedoch wäre es wohl – bei aller Bedeutung seines Werkes – überzogen hier die Vorgeschichte des Kalten Krieges beginnen zu lassen.

Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zwischenkriegszeit

Dennoch mach Tocqueville’s Zitat deutlich, dass es schon länger globale Prinzipien der Vereinigten Staaten gab, auch wenn es für die amerikanische Gesellschaft damit noch lange keinen Sinn darin gegeben, Freiheit und Selbstbestimmung auch international zu verteidigen. John Quincy Adams, US-Außenminister unter Präsident James Monroe, nachdem die Monroe-Doktrin benannt ist, bezeichnete einmal, dass die USA „Befürworter der Freiheit und Unabhängigkeit aller“ seien, nur würden sie alleine für sich selbst kämpfen.2

Das dies bröckelte und die Erkenntnis heranwuchs, das die Prinzipen teilweise auch im Ausland mit der eigenen Sicherheit zu tun haben, ist aus der Geschichte bekannt, als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, um – wie Präsident Woodrow Wilson es sagte – die Welt für die Demokratie zu sichern. Die gemeinsame Kampferfahrung der USA und Russland in diesem Krieg hielt sich in Grenzen, lagen doch zwischen dem Kriegseintritt der USA (6. April 1917) und dem Waffenstillstand an der Ostfront (15. Dezember 1917) bzw. dem Frieden von Brest-Litowsk (3. März 1918) nur wenige Monate. Gräben konnten dadurch kaum überwunden werden – im Gegenteil, denn erst nach dem Krieg verschärfte sich der ideologische Konflikt richtig.

Ein relativ bekannter Grund hierfür dürften unter anderem die russischen Kriegsschulden sein, die die neue Führung in Moskau nicht an die USA zurückzahlen wollte. Weniger bekannt ist, dass sich die Westallierten – insbesondere auf Frankreichs Drängen, welches eine Ostfront gegenüber Deutschland aufrecht erhalten wollte – im auf die Oktoberrevolution folgenden Russischen Bürgerkrieg 1918 aktiv auf Seiten der „weißen“ Truppen stellten. Die militärische Bedeutung der Truppen, die spätestens 1920 aus der Sowjetunion abgezogen waren, darf nicht überbewertet werden und führte auch kaum zu einer Verbesserung der Lage der antibolschewistischen Kräfte, dennoch waren in Wladiwostok so auch bis zu 35.000 amerikanische Soldaten präsent.3

Für den Kampf gegen den Bolschewismus sah Präsident Wilson – wie in vielen Dingen der Nachkriegsordnung – das Organ des Völkerbunds als geeignetes Mittel an, wobei seine ehrgeizigen Planungen für eine Friedensordnung schon an der mangelnden Zustimmung im eigenen Land scheiterten.4 Konstant in der amerikanischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit hielt sich eine Ablehnung gegenüber dem Regime in Moskau und die diplomatische Anerkennung erfolgte erst 1933.

Die Sowjetunion selber versuchte zwar durchaus auch Kontakt zu den westlichen Staaten zu gewinnen – wobei es sich aber eher um die europäischen Nachbarn Großbritannien und Frankreich handelte als die USA – , erreichte aber durch die enge Bindung mit Deutschland eher das Gegenteil. Insbesondere die verstärkte militärische Kooperation nach dem Vertrag von Rapallo verstärkte nicht grade die Begeisterung der westlichen Demokratien.

Erschwerend kam bereits hier die Ideologie hinzu, nach der Stalin immer wieder die Vorreiterrolle der Sowjetunion für die sozialistische Weltrevolution in den Vordergrund stellte. Als die „Kommunistische Internationale“ schließlich noch damit begann, Streiks in anderen Ländern zu unterstützen, wie beispielsweise einen langen Ausstand der englischen Bergarbeiter am 1. Mai 1926, überspannte dies die Beziehungen bzw. führte zu deren Abbruch.

Zweiter Weltkrieg – Koalition gegen Hitler

Als Hitler 1941 jedoch die Sowjetunion angriff entsandte US Präsident Roosevelt Harry Hopkins nach Moskau, um amerikanische Unterstützung im Rahmen des Lend- and Lease Abkommens anzubieten. Produkte von über zwölf Milliarden Dollar wurden so in kürzester Zeit nach Russland verschifft. Für die Sowjetunion, die 1941 und auch 1942 kaum in der Lage gewesen wäre der heranstürmenden Wehrmacht etwas entgegen zu stellen, war diese Hilfe überlebenswichtig. Eine Rückzahlung – soviel sei hier vorweg genommen – gab es kaum, zumindest nicht in nennenswerter Höhe.5

Als nach dem Angriff auf Pearl Harbour schließlich auch die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, war dieses „unnatürliche Bündnis“ fest geschlossen. Grund für diese nun enge Zusammenarbeit war ganz profan, dass man das nationalsozialistische Deutschland für eine größere Gefahr hielt. Auch Versuche der deutschen Propaganda das Bündnis zu spalten liefen ins Leere, beispielsweise als 1943 der Mord an 4.000 polnischen Offizieren durch die Sowjetunion publik wurde. Churchill versicherte dem sowjetischen Botschafter in London dazu:

„Wir müssen Hitler schlagen, jetzt ist nicht die Zeit, sich zu streiten und Anklagen zu erheben.“

Zweite Front und Separatfrieden

Mit dem Angriff und der nun gemeinsamen Anstrengungen das Dritte Reich zu besiegen kam für Stalin sofort die Forderung nach einer zweiten Front auf. Auch Roosevelt unterstütze die Forderung, aber die militärische Realität sah anders aus: Frühestens 1943 – so die Aussagen der Militärs damals – wäre die britische Rüstungsindustrie in der Lage gewesen entsprechende Truppenteile bereitzustellen. Um guten Willen zu zeigen begann 1942 so eine Invasion in Nordafrika, die 1943 auch nach Italien führte. Ziel dieser Aktionen war es auch Stalin von einem Separatfrieden mit den Deutschen abzuhalten. Und aufgrund der schleppenden Invasion sielte der sowjetische Diktator durchaus mit dem Gedanken: 1943 ließ der Roosevelt deutlich zappeln, während entsprechende Avancen gegenüber Deutschland gemacht wurden.6 Als dieses nicht wie gewünscht reagierte, kam es schließlich zur Deklaration von Moskau am 30. September, in der das Kriegsziel mit einer „bedingungslosen Kapitulation“ der Achsenmächte beschrieben wurde. Die Westallierten bekräftigten nochmals ihre Planungen für eine zweite Front im Westen und Russland erklärte im Gegenzug drei Monate nach dem Kriegsende in Europa auch in den Krieg gegen Japan einzutreten.

Die Bedeutung einer bedingungslosen Kapitulation war für Roosevelt nach der Erfahrung des ersten Weltkriegs und dem Aufstieg Hitlers eindeutig: Es sollte keinen Zweifel an der deutschen Niederlage geben. Der Grund für diese Haltung waren insbesondere auch die Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg. Über die praktischen Folgen dieser Einstellung wird zu reden sein, aber es zeigt eben auch eine kompromisslose Haltung für einen Friedensschluss.

Dennoch blieben die Befürchtungen der jeweils Andere könne mit Deutschland einen Separatfrieden schließen den ganzen Krieg über bestehen und nahmen insbesondere nach 1944 noch zu: Die deutsche Propaganda hatte nach dem Attentat vom 2. Juli mit Kontakten der Attentäter in den Westen eine kleine Bombe in der Allianz platziert. Die Befürchtungen Stalins halten an und verstärken sich, als im Frühjahr 1945 die Kapitulation des dortigen SS Generals ohne sowjetische Beteiligung verhandelt wird. Gleiches hatte es aber im Vorfeld auch auf sowjetischer Seite bei den Kapitulationsverhandlungen Bulgariens gegeben.

Osteuropa

Die schleppende und erst im Juni 1944 erfolgende Invasion der Westallierten verstärkte die sowjetische Ansicht, Anspruch auf die befreiten Gebiete zu haben. Aufgrund der hohen Verluste der sowjetischen Armee7 sah Stalin es als gerecht an, auch entsprechend höhere Forderungen zustellen. Schon bei der Konferenz in Teheran im Dezember 1943 billigte man der Sowjetunion so den weiteren Besitz der 1939 okkupierten Gebiete zu.

Ziel Stalins war es Sicherheit „für sich selbst, sein Regime, sein Land und seine Ideologie – in dieser Reihenfolge“8 zu erlangen. Hierzu mussten entsprechend die umgebenden Staaten sowjetfreundlich gestaltet werden. Churchill und Stalin einigten sich in Moskau auf eine Verteilung der Einflusszonen, nach der Russland in Rumänien beispielsweise 90% zugestanden wurden, in Griechenland aber eben nur 10%.9 Roosevelt war bei diesem Treffen nicht zugegen, aber er bestand auch auf den Prinzipien der Atlantic Charta, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzten die Westmächte eine Europäische Erklärung durch, nach der die befreiten Staaten zur demokratischen Lösung ihrer Probleme geführt und dem Volkswillen entsprechende Regierungen durch freie Wahlen bestimmt werden sollen.10 Für Stalin war die Bedeutung der Klausel nicht sehr hoch, seinem Außenminister sagte er: „Keine Sorge, wir können die Wahlen später auf unsere Weise durchführen.“11

Und so kam es dann auch. In Ungarn, Rumänien und Bulgarien wurden schnell kommunistische Regime installiert, Wahlen gefälscht und politische Gegner inhaftiert. Einen besonders großen Stellenwert für die hier offensichtlich wurden Diskrepanzen bildet aber Polen, teilweise wird es gar als Ursprung des Kalten Krieges bezeichnet.12

Das Verhältnis zwischen Polen und der Sowjetunion war seit jeher belastet und nach der Eroberung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Ermordung von Tausenden polnischen Offizieren war kaum eine prosowjetische Stimmung in der Bevölkerung zu erwarten – also schuff Stalin sich eine. Nach der Befreiung der Stadt Lubin gründete sich dort das kommunistische und damit sowjethörige Lubiner Komitee, welches Stalin lieber als Regierung Polens anerkannte, als die Exilregierung in London, die ihn wegen der Ermordnung der Offiziere angegriffen hatte.

Für die Partisanen in Polen bestand nun kurz die Überlegung, sich – für die Wiederherstellung Polens in den Grenzen von 1939 als eigener Staat – mit 18 Bataillonen am Kampf gegen die Rote Armee zu beteiligen. Als dieser Plan schließlich scheiterte, kam es zum Warschauer Aufstand am 1. August 1944, der für die Polen der letzte Versuch war, sich der Fremdherrschaft der Deutschen bzw. der anrückenden Russen zu entziehen. Das Ergebnis ist bekannt: Am 2. Oktober kapitulierten die Aufständischen, 16.000 – 18.000 von ihnen waren getötet worden, ebenso wie 150.000 Zivilisten13 , die Stadt wurde auf Weisung Hitlers fast vollständig zerstört.

Ihre Bedeutung für den Kalten Krieg hat dieses Ereignis aufgrund der passiven Haltung der Russen: Stalin stand zum Zeitpunkt des Aufstandes nicht weit vor Warschau, lies seine Truppen jedoch stoppen, teilweise sogar umkehren. Anfragen der Westallierten zumindest russische Flughäfen nutzen zu können, um Hilfsgüter nach Warschau zu fliegen wurden verneint, so dass diese in Süditalien starten mussten. Erst als die Stadt dem Erdboden gleichgemacht war, zog Stalin mit seinen Truppen nach. Er hatte damit „noch einmal de facto seine Komplizenschaft mit Hitler erneuert“, wie Silke Lent es ausdrückte, aber sein Kalkül ging auf: Das demokratische Polen war geschwächt, sein Schattenkabinett konnte die Regierung übernehmen und die Westallierten waren bei allem Unmut nicht willens deshalb die strategisch wichtige Partnerschaft aufzugeben. Sein relativ freigiebiges Vorgehen bei der Konferenz von Jalta kann hier als auch als Entgegenkommen der Alliierten gewertet werden.14

Nichts desto trotz zeigte sich Roosevelt kurz vor seinem Tod 1945 schwer enttäuscht:

[Stalin] hat jedes einzelne Versprechen gebrochen, die er in Jalta gab.15

Deutschland

Eine wirkliche Einigung in den Fragen des Nachkriegszustandes Deutschlands ließ sich nicht finden und wurden zu Kernfragen des Kalten Krieges. 1941 schien eine Aufteilung Deutschlands eine vertretbare Lösung für die drei Kriegsallierten sein zu können. Noch 1944 beschlossen Churchill und Roosevelt den nach dem amerikanischen Schatzminister Henry Morgenthau benannten Plan, Deutschland zu demilitarisieren und zu deindustrialisieren, Teile abzutreten und das Land in einen Süd- und einen Nordstaat zu teilen zu. Es scheint inzwischen aber belegt, dass diese Zustimmung für Roosevelt eher eine taktische Frage war, um Churchill klar zu machen, dass man eine Umgestaltung Deutschlands ernst meine und auch Stalin zu versichern, dass der gemeinsame Feind nicht geschont würde.16 Noch in Jalta war die Aufteilung noch prinzipiell beschlossen worden, wobei sich aber kurz danach die Vorstellung durchsetzte, dass dies mehr Nachteile als Vorteile hätte: Es könne zu einem aufsteigendem Nationalismus kommen und vor allem könnten solche Einzelstaaten womöglich dauerhaft auf internationale Hilfe angewiesen sein.

Bei der Potsdamer Konferenz folgte schließlich eine Einigung auf vier „D“s: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung und Demokratisierung. Damit verbunden war dann die Aufteilung in vier Besatzungszonen.

Die Sowjetunion kritisierte dieses Umschwenken zwar, weil damit die UdSSR für die Teilung Deutschlands verantwortlich gemacht werden könne.17 Auch dürfte die Tatsache, dass trotz des hohen Blutzolls nur ein Drittel Deutschlands an die Sowjetunion fiel nicht grade Begeisterung ausgelöst haben. Dennoch stimmte Stalin dem Plan zu, da er davon ausging, Ostdeutschland werde ein „Magnet“ des Sozialismus und die übrigen Gebiete würden bald diesem Beispiel folgen. Dabei übersah er die Brutalität der roten Armee als Besatzer, die zwischen 1945 und 1947 rund zwei Millionen Frauen vergewaltigten und damit kaum Beliebtheit aufbauen könnten. Auch hatten sich die Westmächte nach dem Vorgehen der UdSSR in Osteuropa natürlich auf diesen Fall vorbereitet und bauten die Institutionen der westlichen Besatzungszonen nach ihrem Muster auf. Aber auf die deutsche Teilung wird in späteren Teilen sicher noch Bezug genommen.

Atomwaffen

Das offensichtlichste Zeichen des Misstrauens war aber eindeutig der Bau der Atombombe durch die Vereinigten Staaten. Zwar war Stalin durchaus durch Spione über den Bau dieser Bombe informiert gewesen und entsprechend wenig überrascht, als Truman ihm bei der Potsdamer Konferenz den Einsatz der Waffe ankündigte. Truman, der als Nachfolger des verstorbenen US Präsidenten Roosevelt erst kurz zuvor von der Bombe erfahren hatte und damit sicherlich später informiert war als Stalin, bemerkte dazu:

„Bei der Gelegenheit erwähnte ich gegenüber Stalin, wir hätten eine neue Waffe mit ungewöhnlicher Zerstörungskraft. Der russische Premier zeigte kein besonderes Interesse. Alles, was er sagte, war, daß er froh sei, das zu hören, und er hoffe, man werde sie ‚erfolgreich gegen die Japaner einsetzen‘.“18

Auch hier ist das Ergebnis bekannt: Am 6. und 9. August 1945 erfolgten die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die Hunderttausenden von Menschen das Leben kosteten. Japan kapitulierte daraufhin am 14. August 1945. Stalin kommentierte den Abwurf wie folgt:

„Krieg ist etwas Barbarisches doch der Einsatz der A-Bombe ist eine Superbarberei.“19

Er erkannte durchaus, dass mehr hinter dem Abwurf der Bomben steckte, als „nur“ der Wunsch einer schnellen Kapitulation Japans. Ihm war durchaus bewusst, dass die schnelle Beendigung des Krieges auch einen sowjetischen Einfluss auf Japan verhinderte und die amerikanische Position verstärkte. Für ihn war damit das „Gleichgewicht“ zerstört, was zu verstärkten russischen Bemühungen für den Bau einer Atombombe führte: Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion ihre erste Atombombe.

Der Einsatz der Atombomben ist historisch umstritten und es würde noch einen mindestens genauso langen Text erfordern alle Argumente aufzuzählen, aber im Kern geht es um die Einschätzung der Frage, wann Japan kapituliert hätte. Schätzungen der damaligen Zeit gingen davon aus, dass der Krieg in Ostasien im schlimmsten Fall noch bis 1949 hätte gehen können20 und bis zu 500.000 amerikanischen Soldaten das Leben gekostet hätte. Diese Analysen basieren darauf, dass eine Eroberung der japanischen Hauptinseln notwendig geworden wäre und auch hier wäre dann in Frage zu stellen, wie viele Opfer es in der japanischen Zivilbevölkerung gegeben hätte. Eine Bombardierung Tokios Anfang März 1945 hatte so mehr Todesopfer gefordert, als der Abwurf der Atombombe über Nagasaki.21 Hinzu kommt m.E. eine innenpolitische Frage in den USA, nämlich die Kosten, die dieses Projekt verschlungen hatte. Es wäre die Frage aufgekommen, wieso man viel Geld in das Manhattenprojekt steckt, um die Bombe dann nicht einzusetzen und dennoch US-Soldaten zu opfern. Alles in allem halte ich es nach meinen Informationen für nachvollziehbar, wenn man – wie Gaddis – zu der Schlussfolgerung kommt, dass Truman die Bombe einsetzte um den Krieg zu beenden.22

Kampf um Wissen

Dieser Abwurf und die den Sowjets vorher bekannten Atompläne der USA führten auch zu anderen Ergebnissen, nämlich der Anwerbung von Wissenschaftlern aus dem besiegten Deutschland. Auch hierbei zeigte sich, dass die Gefahrenanalyse umgehend vom besiegten Nazideutschland auf die UdSSR bzw. die USA überging. In den Gebieten, die später unter Kontrolle der anderen Seite gelangen sollten, wurde rigoros alles eingesammelt, was dem anderen weiterhelfen könnte. Und auf amerikanischer Seite23 wurde auch bewusst nach strategischen Informationen über das russische Militär und damit deutschen Offizieren gesucht: Ca. 70 Prozent der Unterlagen, über die der US-Geheimdienst zu Beginn des Kalten Krieges verfügten soll so aus deutschen Quellen stammen.

Ansonsten wurde aber auch Wissen abgeschöpft – auf russischer Seite eher im Bezug auf Nukleartechnik, bei den Amerikanern eher Rakentechnik. Bekanntestes Beispiel ist hier sicher Wernher von Braun, der im Dritten Reich maßgeblich am Bau der V2 Raketen beteiligt war später entscheident am amerikanischen Raumfahrtprogramm beteiligt war. Ebenso erging es seinem Assistenten Helmut Gröttrup, der das sowjetische Programm unterstützte.

Fazit

Ale kleines Fazit kann man sicher ziehen, dass auch die Zweckgemeinschaft des Krieges gegen Adolf Hitler die unterschiedlichen Sichtweisen nicht beseitigen konnte, auch wenn man mehrmals versucht hatte durch Konferenzen auf eine gemeinsame Nachkriegsordnung hinzusteuern und dies beispielsweise mit der Errichtung der Vereinten Nationen ja auch hinbekommen hatte.

Jedoch machte der Krieg und die offensichtlich werdenden Diskrepanzen grade im Hinblick auf die Situation in Osteuropa den Unterschied zwischen „Westen“ und Sowjetunion nur noch deutlicher, so dass man sich im Krieg zwar zusammenraufte, anschließend aber die Weichen stellte um im sich anbahnenden Wettstreit der Ideologien gut darzustellen.

Im nächsten – hoffentlich nicht so langen Teil :) – werde ich die Jahre bis zur formellen deutschen Teilung aufarbeiten.

Für weitergehende Literatur oder zum nachschlagen einzelner Quellen bitte das Literaturverzeichnis nutzen.

  1. Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, Amazon []
  2. Gaddis, John Lewis: Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, München 2007, S.28, Amazon []
  3. Zahl nach Stöver, S. 29 []
  4. An dieser Stelle sei kurz darauf hingewiesen, dass die Debatte um den Völkerbund in den USA keineswegs so isolationistisch war, wie oft bezeichnet wird. Im Kern waren die Isolationisten meist in der Minderheit, die nur deshalb die Oberhand gewinnen konnten, weil sich die Interventionisten nicht auf gemeinsame Positionen einigen konnten. Der folgende Isolationismus der amerikanischen Außenpolitik ist damit m.E. eher das Ergebnis als die Ursache dieser langwierigen Verhandlungen gewesen. []
  5. Zahlen und Angaben nach Kellmann, Klaus: Stalin. Eine Biographie, Darmstadt 2005, 198f. []
  6. Vgl. Loth, Wilfried: Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955, München 2000, S. 77f. []
  7. 20 Millionen Tode im Vergleich zu ca. 500.000 bei Briten und Amerikanern []
  8. Gaddis: Der Kalte Krieg, S. 23 []
  9. Siehe Stöver S. 39 []
  10. Vgl. Loth, S. 93f. []
  11. Gaddis, S. 34 []
  12. Vgl. Kellmann S.219 []
  13. Zahlen nach Lexikon der Geschichte, Niedernhausen/Ts 2001 []
  14. Vgl. Ströver, S. 42 []
  15. Gaddis, S.35 []
  16. Vgl. Bierling, S. 89 []
  17. Vgl. Stöver S.40 []
  18. Zitiert nach Stöver, S. 41 []
  19. Zitiert nach Gaddis, S. 39 []
  20. Vgl. Ströver S.37 []
  21. Vgl. zur Debatte auch Bieling, S.92 []
  22. Siehe Seite 40 []
  23. hier ist es zumindest nachgewiesen []
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