„Kriegserklärungen“

Nachdem die Sowjetunion sich im Westen durch Satellitenstaaten abgesichert hatte, blieb für Stalin noch eine unsichere südlichere Grenze. Er stellte deshalb erneute Forderungen auf, die selbst seinem Außenminister Molotow als zu weitgehend erschienen:

  1. Er zögerte den Rückzug der sowjetischen Truppen aus dem Iran heraus, welches 1941 gemeinsam von Briten und Sowjets besetzt wurde, um die Nachschubwege der Westalliierten in die Sowjetunion, aber auch die Ölvorräte zu sichern.
  2. Er forderte militärische Basen in der Türkei, insbesondere um Kontrolle über den Bosporus und die Dardanellen zu erhalten.
  3. Schlußendlich wurde auch eine Beteiligung an der Verwaltung der ehemaligen italienischen Kolonien in Nordafrika gefordert, um so Flottenstützpunkte im Mittelmeer zu errichten.1

Die Reaktion der Westmächte war eine eindeutige Ablehnung. Im Iran gelang es der Sowjetunion zwar kurzzeitig eine autonome Republik ausrufen zu lassen, aber nach dem Anruf Irans bei den Vereinten Nationen und Druck der Alliierten zogen sich die sowjetischen Truppen am 25. März 1946 schließlich zurück und die Iran-Krise war überwunden.2

Auch die anderen Forderungen am Mittelmeer wurden eindeutig abgewiesen. Die USA bestärkten ihre Ablehnung durch die Entsendung eines Flottenverbandes ins östliche Mittelmeer. Auch wurde der UdSSR durch eine Note unmissverständlich mitgeteilt, dass die Souveränität der Türkei notfalls mit Waffengewalt verteidigt werde.3

Suche nach Strategien

Containment und Rollback

Der Grund für das nun recht harte amerikanische Vorgehen lassen sich mit der anstehenden Strategiefindung begründen. So war die britische Appeasementpolitik gegenüber Hitler als Negativbeispiel und sicherer Weg in den Dritten Weltkrieg verstanden worden.

Kennan Ein Kerndokument der amerikanischen Strategie des Kalten Krieges ist das sogenannte „lange Telegramm“, welches George F. Kennan, damals US-Botschafter in Moskau, am 22.Februar 1946 an das amerikanische Außenministerium schickte. Mit über 8.000 Zeichen legt er dar, dass mit der Sowjetunion aufgrund der ideologischen Unterschiede kein „modus vivendi“4 herzustellen sei. Moskaus Handeln sei aufgrund innerer Notwendigkeiten5 so unnachgiebig, nicht aufgrund der Handlungen des Westens. Um eine Wandlung des Verhaltens herbeizuführen bedarf es einer „langfristigen, geduligen, aber festen und wachsamen Eindämmung der russischen Expansionstendenzen“.6

Da auch Roosevelt kurz vor seinem Tod auch die Notwendigkeit einer „Eindämmung“ angesprochen hatte, wurde das Telegramm und die dargestellte Politik schnell Regierungslinie. Am 12. März 1947 hielt US Präsident Truman vor dem Kongress eine Rede, die als Truman Doktrin in die Geschichte eingehen sollte.

In der Debatte, in der es in erster Linie um die finanzielle Unterstützung von Griechenland in deren Bürgerkrieg ging, machte er allerdings einen größeren Bogen. Er verweist auf die Länder Osteuropas, denen „gegen ihren Willen ein totalitäres Regime aufgezwungen wurde“7 , kritisierte die Verletzungen des Jalta Abkommens und ruft auf die freien Völker zu unterstützen:

„Politik der Vereinigten Staaten müsse es sein, ‚die freien Völker zu unterstützen, die sich der Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch Druck von außen widersetzen.‘ Man müsse freie Völker dabei unterstützen, ‚ihr eigenes Geschick nach ihrer eigenen Art zu gestalten.'“8

Auch wenn diese Rede vom Kongress stark unterstützt wurde, bildete sich bald auch ein Gegenmodell – die „Befreiungspolitik“ (rollback/liberation) – heraus, welche an der Containment Politik kritisierte, dass sie zu passiv mit der sowjetischen Bedrohung umgehe. Statt abzuwarten, wann die Sowjetunion expandiere, solle man diese in ihrem Machtbereich herausfordern. Durch die Unterstützung von Regimegegnern oder Umsturzversuchen, aber auch wirtschaftlichen Druck sollten so Staaten vom Kommunismus befreit werden. Auch wenn es um diese Politik deutliche Diskussion gab und sie von Kannan zum beispielsweise auch als gefährlich bezeichnet wurde, zeigten sich Ähnlichkeiten in der Politik und bis 1953 wuchsen beide Politiken schließlich zusammen.

Bei allen inhaltlichen Differenzen zeigte die Rede aber durchaus ihre Wirkung und bildet damit die offizielle Eröffnung oder „Kriegserklärung“ des Kalten Krieges auf amerikanischer Seite.

Weltrevolution und Klassenkampf

Auch die russische Seite brachte entsprechende Äußerungen und Strategien zum Ausdruck. Im Kern lassen sich diese auf zwei Thesen zurückführen:

  1. Kapitalistische Staaten können nicht lange miteinander kooperieren und würden früher oder später aufgrund der Gier nach Profit übereinander her fallen.9
  2. Ein Krieg mit dem Kapitalismus ist unvermeidbar.

Beide Thesen lassen sich in Reden des Jahres 1946 wiederfinden. Zweitere wurde bei einer Rede Stalins am 9. Februar deutlich, die andere im „Antworttelegram“ des russichen Botschafters in Washington vom 27.September, welches dieser als Reaktion auf Kennan’s „langes Telegramm“ zu schreiben hatte. Hierbei wird der USA auch eine Außenpolitik nach „imperialistischen Tendenzen des amerikanischen Monopolkapitals“ vorgeworfen und eine Aufrüstung, aber eben auch große Spannungen in der angloamerikanischen Zusammenarbeit aufgebaut, welche die Beziehungen „sprengen werden“.10

Zhdanov Die sowjetische Antwort auf die Truman-Doktrin ließ nicht allzulange auf sich warten. Ende September 1947 stellte Stalins Chefideologe Andrej Schdanow die sogenannte „Zwei Lager Theorie“ vor. Wesentlich neues ergab sich allerdings nicht, die Welt wurde von ihm so in die Lager der „imperialistisch-antidemokratischen“ Staaten des Westens11 und die „antiimperialistisch-demokratischen“ Staaten12 geteilt. Interessant sind aber auch die Auslassungen von Schdanow zum Zweiten Weltkrieg, indem bereits die Westmächte gegen Russland gearbeitet hätten:

„Bereits während des Zweiten Weltkrieges wuchs in England und den USA die Aktivität der reaktionären Kräfte, die danach strebten, das gemeinsame Vorgehen der alliierten Mächte zu hintertreiben, den Krieg in die Länge zu ziehen, die UdSSR ausbluten zu lassen und die faschistischen Aggressoren vor einer vollständigen Zerschmetterung zu retten.“13

Jugoslawien

Mit er Erklärung des Kalten Krieges folgte schnell die Blockbildung mit dem charakteristischen Freund-Feind Schema. Ein gutes Beispiel ist Jugoslawien, welches sich prinzipiell gut mit der Sowjetunion verstanden hatte. Allerdings war Tito nicht von Stalin abhängig, sondern mit eigener Macht an die Regierung gekommen, was ihn zu einer Sonderrolle machte. So ergaben sich durchaus spannungen, als er beispielsweise die kommunistischen Partisanen in Griechenland unterstützte oder eine Balkanföderation mit Albanien und Bulgarien anstrebte. Als Tito sich weigerte sich einer „Selbstkritik“ zu unterziehen reagierte die Sowjetunion eindeutig. Am 28. Juni 1948 wurde Jugoslawien aus dem Zusammenschluss kommunistischer Staaten Kominform ausgeschlossen und Handelsverträge abgebrochen bzw. nicht mehr erfüllt. In Jugoslawien hätten nun „nationalistische Kräfte“ die Macht gewonnen.14

Das dies kein freiwilliger Schritt von Tito war und er auch weiterhin gegen den Kapitalismus ankämpfte, war allerdings im Westen nicht gesehen worden. So erhielt er von dort Wirtschaftshilfe und wurde als Held gefeiert, der der Sowjetunion die Stirn geboten hatte. Er war zwar noch immer ein Diktator oder „Mistkerl“, wie der amerikanische Außenminister Acheson es ausdrückte, aber eben „unser Mistkerl“.15

Marshall Plan

Nachdem der Kalte Krieg nun von beiden Seiten erklärt war, bestimmte er bald das Leben in Europa. James Burnham veröffentlichte 1947 mit „The Struggle for the World“ eine der ersten Analysen des Kalten Krieges, in der er die These aufstellte, dass der Kalte Krieg etwas sei, was Lenin als die Weltrevolution verstanden hatte und demnach aus diesem Blickwinkel vieles nach einem großen sowjetischen Plan verlief.

Man mag hiervon halten, was man will, aber es zeigte sich doch, dass die instabile ökonomische Lage in Europa durchaus von kommunistischen Gruppierungen in Europa genutzt wurde. Streiks in Frankreich hatten weitaus mehr als nur nationale Forderungen, es kam zu Anschlägen, deren Ursprung zwar nicht immer Kommunisten zugeordnet werden konnten, aber zumindest in der Wahrnehmung aus Moskau gesteuert schienen.

Als schließlich die Konferenz von Moskau 1947 scheiterte, welche offene Fragen nach der Potsdamer Konferenz klären sollte und Stalin erklärte die Lage sei „nicht besonders dringlich“16, war US-Außenminister Marshall überzeugt, dass die Sowjets das Chaos in Europa geschickt zu nutzen versuchten.

Am 5. Juni 1947 stellte er deshalb an der Harvard Universität das „Europäische Wiederaufbauprogramm ERP“ vor, welches später nach ihm benannt – der Marshall Plan – wurde. Der Plan fusste auf folgenden Grundlagen:

  • Die größte Gefahr für Europa war nicht eine sowjetische Militärintervention, sondern Hunger und Armut, die die Menschen in Arme von sowjetgesteuerten Kommunisten führe.
  • Amerikanische Wirtschaftshilfe habe eine politische und später auch materielle Wirkung für die Empfänger.
  • Die Sowjetunion würde die Hilfe nicht in Anspruch nehmen und dies auch ihren Satelliten untersagen.

Diese Annahmen bewahrheiteten sich im Kern auch vollständig. Die Bedingungen für das Programm wurden so formuliert, dass sie für kommunistische Staaten nicht zu erfüllen wären oder entsprechende Änderungen im politischen System hätten vornehmen müssen.

Somit tauchte zwar eine große Delegation der Sowjetunion bei den Verhandlungen auf, zog aber entsprechend schnell wieder ab, als sich die Forderungen nicht erfüllen ließen. Der tschecheslowakische Außenminister wurde als er Interesse für das ERP aufbrachte nach Moskau beordert und musste dort das Interesse widerrufen.

Die Bedeutung des Programmes ist wohl eher politisch als wirtschaftlich zu betrachten – von den 17 Milliarden US Dollar wurde 1948 ein Großteil nicht mehr abgerufen.

Im nächsten Teil der Serie wird es um die ersten brenzlichen oder militärischen Konflikte des Krieges gehen: Berlin und Korea, aber auch den Aufstieg Chinas.

Für weitergehende Literatur oder zum Nachschlagen einzelner Quellen bitte das Literaturverzeichnis nutzen.

  1. Auflistung nach Gaddis, S.42f. []
  2. Für eine genauere Darstellung der Ereignisse siehe Ströver, S. 54f. []
  3. Vgl. Ströver S.49 []
  4. keine Übereinkunft []
  5. der Rechtfertigung des Regimes und deren Vorgehen []
  6. Auszug aus einer späteren Langfassung, Zitiert nach Gaddis S. 44 []
  7. Zitiert nach Ströver, S.69. Die komplette Rede ist in englischer Sprache hier zu finden. []
  8. Gaddis, S.46 []
  9. Vgl. Gaddis, S. 24.f. []
  10. Vgl. Gaddis, S. 44f. []
  11. incl. Deutschland, Iran, Naher Osten und Japan []
  12. mit den Ländern der „Neuen Demokratie“ (Rumänien, Ungarn, Finnland), den Kolonien Indonesien und Vietnam, Indien, Ägypten und Syrien []
  13. Zit. nach Stöver, S. 74 []
  14. Vgl. Ströver, S. 93f. []
  15. Vgl. Gaddis, S. 48 []
  16. siehe Gaddis S. 45 []
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