Kapitulieren wir?

Henryk M. Broder Am Publizisten Henryk M. Broder schieden sich die Geister. Vor kurzem wurde bei Spiegel Online das Vorwort der Neuauflage seines Buches „Hurra, wir kapitulieren“ abgedruckt und Ario hatte sich in einem Artikel über die „fremdenfeindlichen und xenophoben Thesen“ beschwert. Ich muss sagen, dass ich auch so gedacht habe, als ich mir das Buch kurz nach der Veröffentlichung gekauft hatte. Ich hatte Lust darauf ein Buch zu lesen und mich tierisch darüber aufzuregen – es ist nicht gelungen. Es gibt einige Stellen in dem Buch, die bei mir Fragen offen ließen, die mich stutzig machten oder bei denen er hoffnungslos übertreibt, aber ich finde er beschreibt dennoch einige wesentliche Entwicklungen in unserer westlichen Gesellschaft sehr gut und man sollte zumindest kurz drüber nachdenken, anstatt pauschal alles abzulehnen. Schon lange hatte ich mir vorgenommen darüber einen Artikel zu schreiben, es dann verschoben und schließlich das inzwischen zweimal gelesene Buch wieder ins Regal gestellt – aus diesem „aktuellen“ Anlass und damit ich neben den Studien zum Kalten Krieg noch etwas anderes machen wollte, nun hierzu doch noch ein Beitrag :)

Ich habe Broder hierbei nicht nur gelesen, sondern auch das Glück gehabt, eine Lesung von ihm in Duisburg besuchen zu können. Dabei ist nochmal deutlich geworden, dass es in dem Buch nicht darum geht, Muslime zu beleidigen oder den Islam herabzuwürdigen, sondern um unser Denken – zum Beispiel beim Terrorismus:

Ich gebe zu, ich bin ein wenig neidisch auf die Terroristen. Nicht nur wegen der Aufmerksamkeit, die sie erfahren, sondern wegen der idealistischen Motive, die ihnen unterstellt beziehungsweise zugesprochen werden. Wer ein Auto klaut und damit einen Menschen an einer Kreuzung totfährt, der ist ein Verbrecher. Wer sich mit einer Bombe im Rucksack in einem Bus in die Luft sprengt und andere Passagiere mitnimmt, der ist ein Märtyrer, ein gedemütigter, erniedrigter, verzweifelter Mensch, der sich nicht anders zu helfen wusste. Worum ich die Terroristen am meisten beneide, ist der Respekt, der ihnen gezollt wird. Haben sie einmal bewiesen, wozu sie imstande sind, betreten Experten den Tatort und erklären, man dürfe sie nicht noch mehr provozieren, man müsse mit ihnen reden, verhandeln, sich auf Kompromisse einlassen und ihnen helfen, das Gesicht zu wahren. Nur so känne man sie zur Vernunft bringen und Schlimmeres verhüten.1

Dieses Argument weitet er später auf den „Migrationshintergrund“ aus, der „eine Art Freifahrtschein für alle Fälle“2 sei. Als Beispiel zog er die Krawallen in Frankreich 2005 heran, als nach dem Tod zweier – vor der Polizei in einem Transformatorhaus Zuflucht suchender – Jugendlicher ein Aufstand in den Vorortbezirken von Paris begann. Sündenbock war bald der damalige Innenminister und aktuelle Präsident Sarkozy, der die Veranstalter der Unruhen als „Gesindel“ bezeichnet hatte. Viel Verständnis dagegen für die „Benachteiligten“ in den Vororten, die sich vor den brennenden Autos vermummt darüber beklagten, von Sarkozy so bezeichnet zu werden – und später weiterhin öffentliche Einrichtungen, Autos und Busse anzündeten oder Menschen zusammenschlugen.

Als der französische Philosoph Alan Finkielkraut sich in einem Interview kritisch zu dieser Sichtweise äußerte, muss er sich für seine Meinung verteidigen. Dabei erscheint es mir nicht falsch sich einige Fragen zu stellen. Zum einen wies er darauf hin, dass auch andere Minderheiten in Frankreich eine schwere Situation hätten – Chinesen, Vietnamesen, Portugiesen – dort aber keine Ausschreitungen festzustellen sind und diese sich auch nicht an diesen beteiligen. Und er stellt die wesentlichste Frage:

Stellen Sie sich nur mal vor, diese Leute wären Weiße gewesen, wie in Rostock in Deutschland. Sofort hätte jeder gesagt: „Faschismus wird nicht toleriert.“ Aber wenn ein Araber eine Schule ansteckt, ist es Rebellion. Wenn ein Weißer das tut, ist es Faschismus. Ich bin „farbenblind“. Solche Taten sind schlechte Taten, egal welche Hautfarbe dahinter steht…3

Ich glaube nicht, dass es fremdenfeindlich ist, wenn man sich diese Frage stellt und alle Seiten gleich behandelt.

Ich suche zum Beispiel nicht nach Entschuldigungen dafür, dass 6 Prozent der Muslime in Deutschland Gewalt gegen Andersgläubige angemessen finden, denn ich tue dies auch nicht bei den 9 Prozent Deutschen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben. Natürlich ist es sinnvoll und notwendig, zu Ergründen, wo die Ursachen dieser Gedanken, dieser mangelnden Integration und in beiden Fällen der mangelnden Toleranz liegen, um die Situation zu verbessern. Die Meinung an sich wird dadurch aber jedenfalls nicht besser oder die Bereitschaft Andersdenkende umzubringen dadurch normaler. Wie vor wenigen Tagen gesagt wird eine rechtsextreme Tat ja auch nicht dadurch weniger rechtsextrem, dass man betrunken war.

Dieses „Entgegenkommen“ zeigt sich für Broder aber nicht nur im Umgang mit Tätern, sondern vor allem auch im Alltag und der Verteidigung unserer Werte. Das bekannteste Beispiel ist dabei sicher der Karikaturen Streit 2005 / 2006. Die dänische Zeitung Jyllands-Posten hatte am 30. September 2005 12 Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht und damit – über die nächsten Monate – auch „mit Hilfe“ bewusster Falschmeldungen – einen Kulturkampf losgetreten. In Ländern, wo sich sonst keine fünf Personen versammeln können, ohne dass der Geheimdienst dabei ist, werden dänische und norwegische Botschaften angezündet und dänische Fahnen verbrannt- Fahnen eines Landes, in dem 5,4 Millionen Christen und „nur“ 110.000 Muslime leben.4

Zugegeben, diese Bevölkerungsverteilung würde keine massiven Angriffe auf eine andere Religion rechtfertigen, aber zum einen war als Zielgruppe eben die dänische Bevölkerung gemeint – mit ihren westlichen Werten – und zum anderen waren die Karikaturen nun wirklich harmlos. Im Gegenteil, manche spielten mit dem Missbrauch des Islams durch Terroristen, andere sahen genau diese Reaktion voraus. Ralf König hat auf seinen Gegenkarikaturen völlig zurecht einem Protagonisten die Frage in den Mund gelegt, wer den Islam mehr beleidige: Ein Cartoonist, der Mohammed zeichnet oder ein Muslim, der eine U-Bahn in die Luft jagt.

Die Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung der dänischen Regierung wurden im Kern nicht erfüllt. So erklärte Ministerpräsident Rasmunsen zwar seine persönliche Ablehnung der Zeichnungen, eine formelle Entschuldigung für das freie Presseorgan konnte und wollte er nicht abgeben. Dennoch zeigte der Vorfall, dass die westliche Gemeinschaft und die Öffentlichkeit hier durchaus gefährdet ist, die Prinzipien der Meinungs- und Pressefreiheit bei Druck abzubauen. Hinzu kommt die Gefährdung des Lebens der Zeichner, die über 150 Todesdrohungen bekamen. Die Redakteure Hansen und Hundevadt von „Jyllands-Posten“ steht damit fest, dass die Islamisten ihre Forderungen nach vorbehaltlosen Entschuldigungen und neuen Regeln im Umgang mit religiösen Symbolen wurde nicht umsetzen konnten, aber „alle, die nicht zum Selbstmord neigen, werden in Zukunft extravorsichtig auftreten, wenn sie sich dem Thema Islam nähern.“5

Seien wir doch mal ehrlich: Wie oft findet man Karikaturen mit (dem „christlichen“) Gott als großen Mann auf einer Wolke in den deutschen Zeitungen ohne dass hier auch nur eine größere Demo entstehen würde. Die Tatsache, dass „Das Leben des Brian“ in anderen Ländern zunächst zensiert oder verspätet veröffentlicht wurde, da es Blasphemie sei, lockt hier eher ein Lächeln aufs Gesicht als unterstützende Begeisterung und Filme wie Dogma oder Bruce Allmächtig spielen ganz locker mit der christlichen Religion. Man mag davon halten, was man will, aber unsere Gesellschaft hat neben der Religionsfreiheit eben auch die Meinungs- und Pressefreiheit als Säulen. Die Abwägung zwischen diesen Freiheiten ist – wie oft – eine Gradwanderung, aber sie funktioniert – auch die Karikaturen wurden in Dänemark strafrechtlich geprüft, das Verfahren aber 17.03.2006 eingestellt. Demnach mag man von den Karikaturen halten was man will – ich fand sie eher langweilig – aber dennoch sollte man verteidigen, wofür sie stehen: Die Werte der Freiheit und Demokratie.

Soweit sehe ich es schon mal ähnlich wie Broder. Natürlich hat sein Buch einige Schattenseiten, denn es ist ja bewusst so geschrieben worden, dass es provoziert und dadurch aufrüttelt. Seine Einstellung zum Kopftuch6 kann ich zum Beispiel nicht nachvollziehen, weil er im Tragen von Kipa und Kruzifix keine Provokation erkennt, im Kopftuch aber schon. Grund: Kipa und Kruzifix sei ja schon länger da und wenn es jetzt Probleme mit dem Kopftuch gibt, wäre das ja was neues.7 Ich denke eher, dass man hier alles gleich behandeln sollte und vorher eben an der Schule locker mit religiösen Symbolen umgegangen wurde – und sich dies nun ändert. Ob man es wegen dem Islam wirklich tun sollte, will ich hier mal offen lassen. Ich möchte nur in Frage stellen, ob die Kopftuchträgerinnen im Schuldienst wirklich die „armen unterdrückten Frauen“ sind, für die das Kopftuch nach einigen Ansichten steht.

Auch habe ich ein Problem mit seinen Verallgemeinerungen und dem Bezug auf alle Muslime. Er hält zwar nicht viel von der Trennung zwischen Islamismus und Islam, da das eine vom anderen komme (wie beim Alkoholismus und dem Alkohol), aber von „1,5 Milliarden Muslimen in aller Welt“ zu reden, „die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen“8 ist doch schon verallgemeinernd. Es gab noch einige Stellen im Buch, die in die gleiche Richtung gehen.

Ziemlich negativ empfand ich die außenpolitischen Analysen in dem Buch, als er gegenüber dem Iran eine zu lockere Vorgehensweise des Westens kritisierte. Zwar hatte er mit der Bestandsaufnahme oft recht, aber es fehlte für mich hier klar an der Schlussfolgerung – der Alternative. Klar, bieten kann die niemand, aber wer so stark die „Appeasement Politik“ des Westens kritisiert, sollte die möglichen Folgen nicht unterschlagen – womöglich ständen bereits jetzt fremde Truppen im Iran und die internationale Gemeinschaft wäre an der Frage zerbrochen.

Jetzt habe ich schon wieder viel zu viel geschrieben und der Artikel zur Vorgeschichte des Kalten Krieges ist noch immer nicht fertig , aber ich werde alles unternehmen um morgen den Zweiten Weltkrieg abzuschließen :) Dennoch noch einige Worte als Antwort auf Ario’s Artikel, bei dem ich einiges ganz anders sehe :)

Fangen wir mal hinten an – beim Kulturdialog. Zu

Ein Spiel der iranischen Frauenfußball-Nationalmannschaft in Berlin wurde kurzfristig abgesagt, nachdem die deutschen Gastgeber die Bedingung nicht akzeptieren mochten, männlichen Zuschauern den Einlass ins Stadion zu verweigern. Im Gegenzug reiste das Osnabrücker Sinfonieorchester zu einem Gastspiel nach Teheran, um dort Brahms und Beethoven zu spielen, wobei die Musikerinnen, wie von den Gastgebern verlangt, Tücher trugen, die Kopf und Oberkörper verhüllten.

sagt Ario: „Und von Kulturdialog möchte Broder schon gar nichts wissen“. Ich frage ich mich, was dies für ein Dialog ist. Es war ja immerhin so, dass das osnabrücker Orchester dorthin gefahren ist und sich der dortigen Kultur angepasst hatte. Auf der Gegenseite war dies ja offensichtlich nicht der Fall und hier ist es nun mal Kultur, dass Männer sich auch Frauennationalmannschaftsspiele angucken dürfen, wenn sie dies wollen. Kulturdialog bedeutet eben, die andere Kultur zu respektieren und sich im Ausland auch ein wenig daran zu halten.

Auch was Broder über die ständig auftauchende Selbstkritik in entsprechenden Diskussionen sagt, stimmt vollkommen. (Auch wenn mir das Beispiel mit der Burka und dem Wet-Shirt Contest noch nicht begegnet ist :D ) Wenn man über das iranische Atomprogramm spricht, dann kommt früher oder später immer der Hinweis auf die israelische Bombe – als wäre damit die Frage geklärt und man nicht gegen beides sein könne. Wer Menschenrechtsverletzungen in Syrien anspricht, wird auch etwas zu Guantanamo zu hören bekommen. Und um es deutlich zu sagen: Stimmt alles. Der Westen ist auch nicht sauber, aber in der jeweiligen Diskussion führt es kaum weiter.

Besonders gelungen finde ich aber auch den Abschnitt über die Diskussion der Todesursache des deutschen Bauingenieurs, der von den Taliban entführt wurde. Selbst wenn er an einen Schwächeanfall gestorben und nicht erschossen wäre9 , welchen Unterschied hätte es gemacht?

Und genau um diese Diskussion, den Umgang mit Worten geht es Broder. Es geht um ein anderes denken. Sehr interessant ist dazu auch sein Statement bei 3sat Kulturmagazin:

Zum Abschluss soll – vielleicht als Zusammenfassung des Ganzen ein Zitat von Goethe reichen, welches sich sowohl auf die Anerkennung der islamischen Religion, aber eben auch der westlichen Kultur beziehen lässt:

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

Ich denke damit ist eigentlich alles gesagt, oder?

Fotos: Henryk M. Broder: Sven Teschke / Brennendes Auto: Allain Bachellier / Demonstration: lakerae
  1. Einleitung, Seite 9, bzw. hier als Leseprobe []
  2. Seite 91 []
  3. Seite 95f. []
  4. Zahlen nach dem CIA World Factbook []
  5. Seite 19 []
  6. nachzulesen ab Seite 46 []
  7. Stark verkürzt :) []
  8. Seite 13 []
  9. Bericht vom 3.August belegt Erschießung []
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