Der Kalte Krieg: Eine Definition

Den heutigen ersten Weihnachtstag habe ich wirklich genossen: Man konnte gemütlich lange im Bett rumliegen und in den Büchern schmökern, die man gestern bekommen hat und das Leben so an sich vorüberziehen lassen. Naja, um ein wenig daraus zu ziehen, will ich versuchen1 meine lang gehegten Wünsche nach mehr tiefergehenden Artikelreihen hier im Blog in die Realität umzusetzen. Die erste Reihe wird sich mit dem Kalten Krieg beschäftigen, der Zeit zwischen 1945 und 1991, als die Welt noch klar in zwei Blöcke aufgeteilt war und grade deshalb öfter am Rande der totalen Zerstörung stand. Haupthintergrund bildet das Buch „Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947 – 1991“ von Bernd Stöver, welches ich nach den ersten 66 Seiten nur empfehlen kann. Es ist gut geschrieben, dennoch wissenschaftlich korrekt und sehr inhaltsstark. Sollten also in meinen Artikeln keine Quellen angegeben sein, dürfte dieses Buch als Quelle dienen, wobei ich auch versuche Seitenzahlen anzugeben. Aber ich will nicht nur abschreiben, sondern – wo es sich inhaltlich und vor allem zeitlich ergibt – auch andere Literatur zu Rate ziehen. Nun aber los.. :)

Im ersten Artikel der Reihe geht es aber noch nicht um Geschichte, sondern vorerst um die Frage, woher der Begriff „Kalter Krieg“ stammt, um die Entstehungstheorien und besonderen Eigenschaften dieser Epoche.

Wortschöpfung

Die Frage danach, wer den „Kalten Krieg“ als Wortverbindung geschaffen hat, mag im Vergleich zu den Ereignissen und Analysen danach sicherlich eher ein Mosaikstein sein, aber dennoch kann es nicht schaden, sich mit dieser Frage kurz zu beschäftigen.

In der Öffentlichkeit ist sicher unbestreitbar, dass Walter Lippmann, ein amerikanischer Journalist, die Bezeichnung „Kalter Krieg“ am meisten prägte, als er 1947 ein gleichnamiges Werk2 auf den Markt brachte. Entstanden – zumindest in diesem Zusammenhang – ist es aber durch Herbert B. Swope, einen Journalisten und Mitarbeiter des Präsidentenberaters Bernard M. Baruch. Swope leitete damals die amerikanische Delegation bei der „Kommission zum Studium internationaler Kontrolle der Atomenergie“ bei den Vereinten Nationen. Die Tatsache, dass die USA bereits im Besitz der Atombombe waren, die Sowjetunion aber nicht, hatte natürlich den entsprechenden Einfluss auf die Verhandlungen und sorgten schließlich dafür, dass die Vereinten Nationen eine Regelung gegen die Stimmen Polens und der Sowjetunion beschlossen. Während der Verhandlungen hatte Swope entsprechend von einem „Kalten Krieg“ gesprochen, wenige Monate später übernahm sein Chef die Redewendung. Nachdem auch Lippmann im Herbst 1947 seine Publikation herausgebracht wurde, wurde die Begrifflichkeit auch schnell in anderen Staaten benutzt.

Entstehungstheorien

Wichtiger, als die Frage nach dem Ursprung des Wortes, ist in jedem Fall die Diskussion um die Entstehungsgeschichte dieser Rivalität. Im Laufe der 40 Jahre des Kalten Krieges hatten sich im Kern drei verschiedene Erklärungsansätze gebildet:

1. Die traditionelle Vorstellung

Die traditionelle Vorstellung der Ursachen für den Kalten Krieg ergab sich aus westlicher Sicht aufgrund des Anspruches des Marxismus-Leninismus auf eine Weltrevolution. Mit diesem Ansatz sei ein aggressiver Expansionskurs verbunden, den man zwar zeitweise unterdrücken könne, aber der dauerhaft beiseite gelegt werden könne.

2. Die revisionistische Erklärung

Der Revisionismus stellte sich in den 60er Jahren damit als eine Art Gegenbewegung dar. In der westlichen Forschung wurde nun verstärkt das westliche oder amerikanische Verschulden am Kalten Krieg in den Mittelpunkt gerückt. Die Sowjetunion sei nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich geschwächt hervorgegangen und sei damit der „Politik der Offenen Tür“ der USA und des Westens schutzlos ausgeliefert gewesen. Neben der wirtschaftlichen Überlegenheit, habe auch das Monopol der USA auf Atomwaffen eine endscheidene Rolle gespielt, die die Sowjetunion dazu drängten zum Schutz des eigenen Staates zu handeln.

Es ist unnötig darauf hinzuweisen, dass diese Position für die Traditionalisten grade dadurch schon diskreditiert war, dass sie der sowjetischen Sichtweise sehr nahe kam. Beide „lagerorientierten“ Denkrichtungen kamen sich aber näher bei der

3. Postrevisionistischen Interpretation

des Kalten Krieges. Dieser Denkansatz geht davon aus, dass sich die Situation des Kalten Krieges in erster Linie durch das gefühlte – nicht tatsächliche – Bedrohungspotential des Gegners ergab und man damit von klassischen Kommunikationsproblemen reden könnte.

Auch wenn dieser Ansatz sich in vielen Dingen als richtig erwiesen hat und nach Öffnung der Archive deutlich wurde, dass viele Maßnahmen durchaus durch Kommunikationsprobleme erklärbar sind, lässt er aber eben auch Lücken dort, wo nicht Kommikationsprobleme, sondern bewusste Machtsspiele auftraten. Als

Fazit

kann man also durchaus sehen, dass die wirklichen Ursachen des Kalten Krieges sich bisher nur schwer hundertprozentig in theoretische Grundmuster einengen lassen, da die Theorien sicherlich je nach Situation immer einen gewissen Wahrheitswert mit sich bringen.

Eigenschaften des Kalten Krieges

Interessanter als die Theorien auf 40 Jahre Geschichte anzuwenden, scheint es also zu sein, sich mit den Eigenschaften des Kalten Krieges auseinander zu setzen. Stöver hat in seinem Buch dazu folgende sechs herausgearbeitet:

1. Einheit der Epoche des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg muss als eine Einheit betrachtet werden – natürlich mit Auf und Abs, aber eben als ein Kalter Krieg und nicht mehrere hintereinander. Nach Stöver kann man diese in mehrere Abschnitte fassen3:

  1. Formierung und offizielle Eröffnung (1945-1947)
  2. Blockbindung (1947/48-55)
  3. Eskalation und Stilllegung in Europa (1953-1961)
  4. Verlagerung in die Dritte Welt (seit 1961)
  5. Entspannung (1953-1980)
  6. Rückkehr zur Konfrontation (1979-1989)
  7. Auflösung des Ostblocks (1985-1991)

Man sieht eindeutig, dass sich die Phasen durchaus überschneiden. Ich denke wir werden bei kommenden Teilen der Reihe nochmal darauf zurückkommen.

2. Sonderstellung des Kalten Krieges im Ost-West Konflikt

Auch wenn es heute oft gleichgesetzt wird, halte ich es – wie Stöver – für sinnvoll, den Kalten Krieg „nur“ als Teil des Ost-West Konfliktes zubetrachten. Es ist – wie ich im kommenden Beitrag zeigen werde – ja nicht so, dass urplötzlich der Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion da gewesen wäre, spätestens 1917 war dieser Konflikt mehr oder weniger präsent und der Kalte Krieg stellte eben noch eine besondere Rolle in diesem Konflikt dar.

3. Totalität und Ubiquität4 des Kalten Krieges

Die Totalität des Krieges ist angesichts des Zerstörungspotential des Krieges schnell verständlich und grade deshalb hält es Stöver für ein Paradoxon. Sich emotional in einem „totalen Krieg“ zu befinden, damit entsprechend Material aufzubringen einen solchen zu führen (bis zu hochsicheren Bunkeranlagen) aber eben alles in dem Wissen, dass es zu einem solchen Krieg nicht kommen darf.

Und noch eins ist charakteristisch für den Kalten Krieg: Er war selbst in Bereichen präsent, wo man ihn nicht direkt vermuten würde: Spontan muss ich da an die Weltraumfahrt denken oder sportliche Großereignisse. Innergesellschaftlich stellte er Schranken auf, bei dem man im besten Fall gemieden oder beleidigt wurde, wenn man mit der anderen Seite sympathisierte, im schlimmsten Fall aber auch als Hochverräter umgebracht wurde.

4. Bipolarität und Multipolarität des Kalten Krieges

Die Frage, ob zwei oder nicht vielleicht mehr Mächte die Zeit des Kalten Krieges bestimmten, ist sicherlich eine der interessantesten. Stöver nennt hier als Beispiele noch China, die Blockfreienbewegung, in begrenztem Maße die UNO und Nichtregierungsorganisationen. Auch die Tatsache, dass sich Subsysteme gebildet hätten und die innerdeutsche Politik beispielsweise oft getrennt von den Bündnispartnern agierte. Ich muss sagen, dass ich dem noch nicht zustimmen kann, denn im Kern stand nach meinem Empfinden alles unter dem Stern des Blockkonflikts. Aber ich beginne mich ja erst damit zu beschäftigen und vielleicht denke ich am Ende ja auch anders darüber ;)

5. Ganzheitlichkeit des Kalten Krieges

Wie schon gesehen, agierte der Kalte Krieg global, aber auch in die Gesellschaften hinein bis auf persönliche Biographien. Und natürlich kann man sicher einige Zentren des Konfliktes herausarbeiten, dennoch stellt sich damit auch das Problem, dass falsche Zusammenhänge aufgebaut werden könnten. Stöver verweist hierzu auf auf den Konflikt zwischen Äthiopien und Somialia um die Region Ogaden, der 1977/78 zu einem Krieg führte und über das Ende des Kalten Krieges hinaus reichte. Einerseits lässt sich ein hohes Engagement der Supermächte feststellen, andererseits zeigt das Fortbestehen auch nach der Blockbildung auch, dass innerafrikanische Ursachen für den Konflikt zu finden sind, die nicht mit dem Kalten Krieg erklärt werden können.

6. Differenzierung und Pluralität der Geschichte des Kalten Krieges

Hier stellt sich ein weiteres Problem: Es gibt viele Geschichten des Kalten Krieges, je nach Standpunkt des Erzählers. Stöver sagt deshalb5 :

„Die Epoche des Kalten Krieges kann daher eigentlich nur als eine globale, multilineare und auf vielfache Weise politisch, kulturell, wirtschaftlich-sozial verflochtende Geschichte erzählt werden, in der sich gleichzeitig die unterschiedlichen historischen Erfahrungen und politischen Sichtweisen wiederfinden.“

Ob ihm dies Gelingt, wird meine weitere Lektüre zeigen, die ich hier versuche auch in diese Artikelreihe einzubinden. Zum einen für mich, damit gelesenes auch hängen bleibt, aber vielleicht interessiert es ja auch jemanden da draußen :D

  1. Ob sich dies auch im Alltag halten lässt, weiss ich natürlich nicht :D []
  2. Lippmann, Walter: The Cold War. A Study in U.S. Foreign Policy, New York 1947 []
  3. S. 19f. []
  4. überall vorkommend []
  5. auf Seite 27 []
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