Atlantropa – Eine verrückte Vision

atlantropa_mittelmeer.jpgManchmal gibt es Visionen, die so verrückt klingen, dass sie schon wieder faszinierend sind. Und so ist es auch bei der Vision von Atlantropa, die 1928 geboren wurde. Der deutsche Architekt Herman Sörgel hatte nämlich einen Gedanken, der heute mehr als abwegig erscheint: Durch ein gigantisches Staudammprojekt an der Straße von Gibraltar sollte das Mittelmeer, welches einen Großteil des Wassers aus dem Atlantik bezieht, langfristig austrocknen. In den endgültigen Planungen sollte der Wasserspiegel um 100 Meter sinken, was ca. 576.000 km² neues Land freigesetzt hätte. Selbst Straßenverbindungen über Italien und Sizilien nach Afrika waren so bereits auf Karten geplant.

Ziele

Ziel war aber nicht nur neu nutzbares Land für Landwirtschaft und Bevölkerung, sondern auch eine Sicherung der Energiewirtschaft. Durch mehrere Kraftwerke wäre viermal soviel Strom erzeugt worden, wie in Deutschland damals und auch im Bezug auf 1992 hätten die Kraftwerke mit 110.000 Megawatt noch 120% der Produktion in Deutschland erzeugt – davon knapp 50.000 direkt am Staudamm von Gibraltar.

Und der überzeugte Pazifist sah in dem Projekt auch ein Mittel um den Frieden in Europa zu sichern: Dadurch, dass die Staaten damit beschäftigt wären das neu gewonnene Gebiet zu besiedeln und zu bewirtschaften, würde gar nicht die Zeit bleiben, sich über Krieg die Gedanken zu machen.

In einem Artikel für die Zeitung Datum werden die Visionen und Vorstellungen von Sörgel wie folgt dargestellt:

Es ist die Angst, die ihn treibt: die Angst vor einem neuen Weltkrieg, die Angst vor Überbevölkerung und Hunger. (…) Er blickt mit Sorge auf das rohstoffarme Europa, das geradewegs auf eine Wirtschaftskrise zusteuert. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Ölpreise steigen. Gleichzeitig verbraucht das industrialisierte Europa mehr Energie, als es produzieren kann. Der kleine Kontinent sei „umstellt“ und könne alleine nicht bestehen, schreibt Sörgel 1929 in seinem Buch „Mittelmeer-Senkung“: „Das letzte politische Ziel meines Projekts ist die Vereinigung Europas mit Afrika zu einem mächtigen Weltteil zwischen Panamerika und Asien, zwischen dem zweifellos sich einigenden Nord-, Mittel- und Südamerika einerseits und der gelben Gefahr eines rassenfeindlichen Indiens, Chinas und Japans andererseits.“ Die Bildung und Technik Europas, kombiniert mit dem Wachstumspotenzial, dem Länderreichtum und den Bodenschätzen Afrikas, würde einen schier unbezwingbaren Machtblock ergeben, ist er überzeugt.

In Afrika sollen ebenfalls durch Staudämme und Bewässerungen neue Landschaften entstehen – halb Kongo, der Tschad oder Sabmia und Simbabwe wären wohl von der Landkarte verschwunden. Neben der Bewässerung erhoffte sich Sörgel dadurch auch gemäßigteres Klima in Afrika.

Realisierbarkeit

Das Projekt von Sörgel ist sicher sehr ambitioniert gewesen für die damalige Zeit, aber theoretisch wäre es leistbar gewesen, wenn auch nur mit einem immensen Arbeitsaufwand. Einzig die Frage, ob weltweit genug Zement zur Verfügung gestanden hätte, darf in Frage gestellt werden.

Schnell findet man Freunde…

Der Plan von Sörgel fasziniert die Menschen und passt in die Technikgläubigkeit der Zeit. In einer Zeit, die von der aufkommenden Wirtschaftskrise gezeichnet ist, steckt der Wunsch nach Visionen auch das Fachpublikum an. Es finden sich so auch andere Architekten, die den Traum von Sörgel mitentwickelten.

…aber auch Feinde.

neu_genua.jpgAber in Frankreich oder Italien ist die Begeisterung nicht so riesig, da grade hier der Rückgang des Meeres die Küstenstädte trockenlegt und damit ihres Wertes beraubt.

Für die Architekten ist dies aber kein Problem, sondern eine großartige Möglichkeit neue Städte zu planen. Genua zum Beispiel wäre rund 3 km von der neuen Meeresküste entfernt gewesen. Direkt am Meer planten die beiden Architekten Willibald Ferber und Georg Appel Neu-Genua. Die Stadt wäre am Meer gebaut worden und bestände aus mehreren funktionsorientierten Zonen. In der Mitte bietet ein langer Korridor dennoch den Blick auf die Altstadt.

Problematische Zeiten

War die Zeit während der Wirtschaftskrise günstig für das Projekt, wurde es mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus immer schwieriger, da für die Nazis weniger die Expansion nach Süden / Afrika auf dem Plan stand, sondern der Weg gen Osten. Auch die pazifistischen Vorstellungen von Sörgel passten natürlich nicht ins Konzept des neuen Regimes.

1935 teilte ihm die Staatskanzlei dementsprechend mit, dass man kein Interesse an dem Projekt habe, aber er das Projekt natürlich privat weiterführen könne. Er wendet sich als Pazifist auch öffentlich gegen die Rüstungspolitik der Nazis und wird deshalb 1939 auch von der Gestapo verhört, sein Haus wird durchsucht. Jedoch bleibt er zunächst unbehelligt, erst 1942 wurde gegen ihn ein Publikationsverbot verhängt.

Dabei hatte er jedoch versucht sein Projekt „kompatibel“ zum Nationalsozialismus zu machen. Sein lange geplantes Buch „Die Drei Großen A: Amerika, Atlantropa, Asien“ wurde so mit dem Untertitel „Großdeutschland und italienisches Imperium, die Pfeiler Atlantropas“ versehen. So sollte Deutschland – welches nicht direkt vom Atlantropaprojekt profitiert, sondern nach ihm nur Teil der Europäischen Gemeinschaft wäre – über Italien schließlich mit Afrika verbunden werden.

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Der erneute Aufschwung, …

Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt das Projekt Atlantropia erneuten Aufschwung. Grade wegen der Perspektiven für Afrika war es auch für die Vereinigten Staaten interessant. Zudem bot es nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges eine neue Vision von Frieden und Zusammenarbeit. Nicht nur amerikanische Regierungsvertreter, sondern auch die französischen Besatzungsmächte und einflussreiche Firmen hatten Interesse an dem Projekt gefunden. Selbst bei den Vereinten Nationen wurde diese Idee mehr und mehr interessant.

wieso es doch scheiterte…

Aber die Zeit für das Projekt war abgelaufen. Mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie kam eine neue Faszination auf, die alle Energieprobleme der damaligen Zeit lösen sollte. Sie war damit interessanter, als das Atlantropa Projekt, welches einen ungeheuren Aufwand erfordern würde.

Fast zeitgleich mit seinem Lebenswerk stirbt auch dessen Erfinder: Am 4. Dezember 1952 wird Sörgel in München auf dem Rad von einem Auto erfasst und verstirbt kurze Zeit später an den Folgen dieses Unfalls. Der Fahrer des Wagens wird nie festgestellt.

Das von ihm gegründete Atlantropa-Institut arbeitet weiter, wobei 1959 auch dort beschlossen wird, dass das Projekt praktisch tot ist.

und wieso das auch ganz gut ist.

Zeitgleich mit der Atomenergie tauchten aber auch Fragen nach der Umweltvertäglichkeit des Projektes auf. Durch den Rückgang des Meeres würden ja keine guten Böden freiwerden, sondern stark versalzte Brachflächen. Hinzu kommt, dass sich der Salzgehalt im übrigen Mittelmeer so gestiegen wäre, dass kaum noch ein Leben dort zu finden wäre.

Der Staudamm hätte den Wasserspiegel auf der übrigen Welt um einen Meter ansteigen lassen und auch den Wärmeaustausch natürlich beeinflusst. Es wäre weniger warmes Wasser in den Atlantik zurück geströmt und über kurz oder lang hätte dies wiederum Einfluss auf den Golfstrom gehabt. Womöglich wäre dieser abgebrochen und es wäre mehr als kalt in Europa bleiben. Welche Folgen die anderen Maßnahmen beispielsweise in Afrika auf das globale Klima gehabt hätte, ist kaum absehbar.

Von daher kann man froh sein, dass das Konzept scheiterte und es nur noch die einflussreichste technologische Utopie des 20. Jahrhunderts bleiben wird.

Weitere Informationen

Einen sehr ausführlichen Artikel findet man in der Ausgabe 04/06 der Zeitung Datum. An der TU Darmstadt hat man sich auch ausführlich mit dieser Vision beschäftigt und auch Grafiken der Planungen erstellt.

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