Was ist Gerechtigkeit?

Aufgrund eines – leider nicht online verfügbaren – Kommentars zur Thema Gerechtigkeit habe ich beschlossen auch einfach mal aus dem Bauch und Kopf heraus meine Vorstellung von Gerechtigkeit aufzubauen. Da es sich ja schon um etwas seeehr Grundsätzliches handelt, möchte ich euch bitten eure Kommentare und Meinungen abzugeben. Wie immer bei solchen Fragen passiert es nunmal, dass man auch etwas übersieht oder vergisst – nun aber genug der Vorrede :DIch will mal damit anfangen, indem ich Gerechtigkeit als die Möglichkeit für Jeden sehe, seine  Wünsche, Träume und Lebensziele möglichst umsetzen zu können. Das entspricht sicherlich ein wenig dem amerikanischen Traum, aber wichtig ist ja, welche Schlussfolgerungen man hieraus zieht.

Erste Schlussfolgerung wäre demnach eine breite (Schul-)bildung, die unabhängig vom Vermögen der Eltern ist. Dies geht sicher nicht grenzenlos, aber wenn es schulische Förderangebote gibt, ist der private Nachhilfelehrer nicht mehr so gefordert, etc. Hierzu zähle ich im übrigen auch die Hochschulbildung. Ich empfinde es als unfair, wenn einige Studenten ihr Berufsleben bereits mit Schulden beginnen müssen, weil sie keine Studiengebühren bezahlen konnten.

Zweite Schlussfolgerung ist für mich, dass es ein soziales Netz gibt, welches einen davor schützt aufgrund (unverschuldeter) Änderungen abzurutschen. Es wäre ungerecht, wenn jemand womöglich wegen Fehlleistungen anderer bestraft wird. Auch darf in unserer Gesellschaft nicht hingenommen werden, wenn jemand zu einer Arbeit (direkt oder indirekt) gezwungen wird. Momentan geschieht dies aber am laufenden Band, weil entweder Hartz 4 oder die Aussicht der Arbeitslosigkeit Menschen davon abhalten ihre Vorstellungen von einem besseren Leben in die Tat umzusetzen. Selbst Milton Friedmann, neben Keynes einer der wesentlichen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und Vertreter des freien Marktes, stellte fest:

So ist der Verbraucher vor einem Druck durch den Verkäufer dadurch gesichert, dass es andere Verkäufer gibt, bei denen er kaufen kann. Ebenso ist der Verkäufer dadurch vor einem Zwang durch den Konsumenten geschützt, dass er mit anderen Konsumenten abschließen kann. Der Angestellte ist vor Nötigungen seines Arbeitgeber geschützt, dass der für andere Arbeitgeber arbeiten kann, und so weiter. All das wird auf dem Markt ohne eine zentrale Instanz erreicht.1

Diese automatische Marktlogik ist dadurch unterbrochen worden, dass die Nachfrage nach Arbeit eben höher ist, als das Angebot. Da dies für Friedmann aber auch eher eine Frage des (aktuell zu hohen) Lohnes ist, ist sie für ihn wiederum stimmig. Ich hingegen denke nicht, dass es gerecht sein kann, Menschen für einen Hungerlohn arbeiten zu lassen, stattdessen muss die Gesellschaft andere Wege finden um diese zu integrieren.

Das Bedingungslose Grundeinkommen stellt für mich hier einen Befreiungsakt dar, da damit der einzelne überlegen kann unter welchen Bedingungen und für welchen Lohn er bei einem Arbeitgeber arbeiten will. Dies kann dann noch immer in geringen Zuverdiensten bestehen (da man ja einen Grundbetrag vom Staat bekommt), aber eben auch darin, dass man wegen besseren (nicht unbedingt finanziellen) Bedingungen den Arbeitgeber wechselt. Die Balance zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird damit wieder ein wenig hergestellt. Und im Gerechtigkeitssinn von mir kommt man seinem Ziel die eigenen Lebensvorstellungen umzusetzen auch wieder näher.

Zur vorerst letzten Schlussfolgerung komme ich, indem ich ganz klar sage, dass ich keine Veranlassung sehe irgendetwas in Richtung Maximallöhne oder ähnliches zu unternehmen oder jemanden verbieten zu wollen 11 Millionen Euro im Jahr im Vorstand einer Bank zu verdienen. Es ist auch nicht ungerecht, dass es Menschen gibt, die viel mehr verdienen als andere (finanziell gesehen :) ). Es geht in meinem Gerechtigkeitsbegriff nicht um Gleichmacherei, sondern um eine grundsätzliche Chancengleichheit, die vom Staat finanziell gesichert wird. Der Staat sichert die Teilhabe an der Gesellschaft ab. Natürlich muss ungleiches auch ungleich behandelt werden, und im Sinne der Gerechtigkeit beispielsweise im Steuerwesen auch eine stärkere Beteiligung derjenigen erfolgen, die es sich leisten können, aber dies kann man sicher nicht zum Paradigma machen. Wenn jemand bereit ist einer anderen Person 11 Millionen als Bankvorstand oder 40 Millionen als Rennfahrer zu bezahlen, soll er das machen können – was kümmert es die anderen?

Im Gegenteil: Solche Beschränkungen schädigen auch die Schwachen in der Gesellschaft. Niemand würde nach Beschluss eines Maximallohns noch Verträge über diese Summe hinaus abschließen und seine Zukunft eher im Ausland suchen. Steuerbeiträge, die bisher gezahlt wurden, gehen verloren, ebenso wie fähige Menschen, die ihr Wissen eben eher anderen Ländern und deren Wirtschaft zur Verfügung stehen.

Wenn man Gerechtigkeit wie ich als Ansatz sieht, eigene Wünsche und Lebensvorstellungen umzusetzen gehört dazu sicher auch viel, viel Geld zu verdienen :)

In diesem Sinne soll es das erstmal mit meinen Gedanken zum sicherlich weitaus komplizierteren Begriff der Gerechtigkeit gewesen sein. Lasst mich eure Meinung wissen, einfach per Kommentar oder per eigenen Beitrag. Was kann, muss, sollte man anders sehen? Welche Aspekte habe ich ausgelassen? Ich bin gespannt auf eure Ansichten :)

  1. Friedmann, Milton: Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971, S.36 []
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