Wer missbraucht wen?

Es ist schon ein ziemlicher Wirbel, der um den Vorschlag von Ursula von der Leyen gemacht wurde, Kinder zu Testkäufen einzusetzen: “Missbrauch” sei dies oder “Anstiftung zu einer Straftat”. Ich hingegen – um das gleich vorweg zu nehmen – würde ein solches Vorgehen für richtig halten.

Wer missbraucht wen?

Ist es Missbrauch, wenn sich ein Jugendlicher (wir reden hier von 14 Jahren aufwärts – meist 16 bis 18 Jährigen) sich frei entscheidet, an einem solchen Programm teilzunehmen und die schwarzen Schafe im Einzelhandel zur Rechenschaft zu ziehen? Ich denke kaum, dass man dies wirklich Missbrauch nennen kann, denn diese Jugendlichen würden gezielt darauf vorbereitet und begleitet bei ihren Aktionen und nicht naiv einfach auf die Situation losgelassen oder gar Druck ausgeübt. Wenn jemand mit 16 Jahren auf Kommunaler Ebene wählen darf und damit Verantwortung für die Gesellschaft nimmt, wieso sollte er das dann nicht auch bei der Bekämpfung von illegalem Verkauf an Minderjährige tun? Manche Schülerjobs sind da eher ein Missbrauch von junger Arbeitskraft.

Ist es nicht eher so, dass die Einzelhändler, die Jugendliche mit Alkohol, Zigaretten oder ähnlichem versorgen eine Art von Missbrauch begehen? Sie nutzen aus, dass Jugendliche entweder unter einem Gruppendruck, es “cool” finden sich die Kante zu geben oder meinen Probleme damit ertränken zu können. Diese – ich nenne es mal ganz bewusst – jugendliche Unerfahrenheit im Ungang mit Drogen und Gewalt wird dann ausgenutz um Geld damit zu verdienen.
Natürlich “wollen” Jugendliche das in dem Moment auch, aber ich denke die Folgen einer Tätigkeit Händler auffliegen zu lassen, die ihre Schutzfunktion nach dem Jugendschutzgesetz nicht wahrnehmen, können sie sicherlich bewusster einschätzen, als die Folgen davon Alkohol oder Zigaretten zu konsumieren.

Jugendliche als Spitzel?

Dann wird oft von “Würde des Kindes” gesprochen. Ein schönes Wort, welches aber m.E. nur zeigt, dass man die Würde nicht richtig anerkennt, denn wieso ist es für einen 16-jährigen würdelos sich bewusst für Jugendschutz einzubringen? Wie hoch schätzt man die Würde eines 16 Jährigen ein, dass er sich dafür nicht bereitstellen könne und noch Schutz bräuchte vor einer solchen Entscheidung? Für mich gehört es auch zur Würde bewusst Entscheidungen treffen zu dürfen. Mit 18 darf man in den Krieg mit 17 aber nicht den Händler nebenan dabei überführen, wie der Schnaps an Jugendliche verkauft? Diese Unterschätzung von Jugendlichen ist würdelos.

Und wo ist der Unterschied zur Würde eines GEZ Kontrolleurs bzw. des Polizeibeamten mit der Radarfalle? Beide versuchen Ordnungswidrigkeiten, die begangen werden nachzuweisen und zu ahnden. Und ganz ehrlich: Im Vergleich zu den Tricks der GEZ ist der einfache Gang mit einer Flasche Schnaps zur Kasse wirklich harmlos und offensichtlich. Damit wird demjenigen, den man überführen soll noch nichtmals eine Falle gestellt, wie es die GEZ gerne macht.

Darum kann ich die Argumente von Wilhelm Entenmann auch nicht unterstützen, ist es doch nicht so, dass die Jugendliches den Auftrag bekommen durch Lug und Trug und gefälschten Ausweis und was weiss ich irgendwie eine Flasche Wiskey oder eine Schachtel Zigaretten zu erheimsen, sondern sie sollen ganz normal einkaufen gehen und hoffen, an der Kasse nicht durchzukommen. Deshalb gibt es ja auch eine Betreuung hierbei, die sie dabei unterstützt und natürlich darauf achten, dass Jugendliche mit diesem Auftrag klarkommen. Im Gegenteil werden Jugendliche damit m.E. eher dazu erzogen rechtsschaffende Bürger zu werden. Dazu gehört es aber natürlich auch, dass man die Helfer nicht so auswählt, wie bei dieser Karikatur 🙂

Und natürlich kann es nicht dabei bleiben. Georg Ehrmann von der Deutschen Kindernothilfe Direkt hat in einem Interview noch weitere flankierende Maßnahmen ins Gespräch gebracht, die es geben sollte, um das Kindeswohl zu schützen:

Hotline wie beim Kampf gegen Rechts, wo Bürger (auch Kinder) anrufen können und Verkaufsstellen benennen können. Einbeziehung der Alkoholindustrie, die gezielt Kinder bewirbt, Schaffung eines gesellschaftlichen Bewußtseins, dass Alkohol für Kinder Gift ist.

Problemfall Industrie?

Und vielleicht ist genau diese Alkohol- (und wohl auch die Tabak-)Industrie das Problem? Ich halte nicht viel davon, gleich Lobbyismus zu rufen, aber ich finde es extrem seltsam, dass vor einem halben Jahr, als Ursula von der Leyen zu Computerspiel-Testkäufen genau das gleiche forderte, kein Protest erfolgte:

Die Gesetzesinitiative sieht zudem vor, dass die zuständigen Behörden Testkäufe durchführen können: “Wir müssen die schwarzen Schafe unter den Händlern erwischen, wenn sie leichtfertig verbotenerweise Spiele an unsere jugendlichen Testkäufer verkaufen”, kommentierte von der Leyern

Spielte die Würde des Jugendlichen da noch keine Rolle? War es da noch kein Missbrauch? Ich denke eher, dass nun einige Händler und Hersteller befürchten, nicht mehr so einfach ihre Ware illegal an Jugendliche verkaufen zu können und darum nun die große Keule schwingen. Und der Handel mit Tabak oder Alkohol ist sicherlich gewinnbringender als der von gewaltätigen Computerspielen. Die Frage ist dann nur, wer hier wen missbraucht?

9 Kommentare

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  • Hallo, zunächst einmal für den Trackback/Link.
    Im Prinzip bin ich für die Testkäufe, wie diese geplant sind.
    Ich habe allerdings nicht Jura oder Politik, sondern Sozialarbeit und später Psychologie gemacht und betrachte lediglich die möglichen Folgen, welche gemäß den Gesetzen der Lerntheorie sowie dem sozialen Lernen bei den Lockvögeln auftreten können. Ich sage nicht NEIN, weil ich dies möchte, sondern weil ich mich auf abgesichertes Wissen berufe, …berufen muß. Da kann ein Herr Pfeiffer, welcher in Sachen Mügeln gepatzt und in Sachen Videospielen seine Studien nicht preisgibt, wenn ich denn beides richtig erinnere, sagen und behaupten was er mag.
    Für mich sind die möglichen Folgen für die Lockvögel sowie das Beispiel, das sie ihren Altersgenossen geben, gravierender.

  • @Patrick Jedamzik:
    “den Jugendlichen – grade im Hinblick auf Altersgenossen – darauf vorbereiten muss.”
    Akzeptiert, …als Vorschlag.
    Nur, …ist es nicht ein bisserl viel von den Jugendlichen und Heranwachsenden bzw. deren kindlichen Beobachtern verlangt, eine Unterscheidung zu leisten, daß “Täuschung” einmal gut, aber im restlichen gesellschaftlichen Leben “schlecht” ist?
    Manche Erwachsene haben mit solchen Ambiguitäten bzw. Double-Bind Botschaften massive Probleme.

  • Ich verstehe diese ganzen Diskusionen nicht. Wenn Kinder zu verantwortungsbewußten Menschen erzogen werden, können sie sehr gut unterscheiden, ob die “Täuschung” gut oder schlecht ist. Nur nur solche Jugendlichen sollte man nehmen für diese Tests. Mir stellt sich immer wieder die Frage, wozu wir Gesetze haben, wenn keiner sie kontrolliert, und wer soll in diesem Fall kontrollieren, wenn nicht die Jugendlichen selber. Der Vater, der sein Kind zur nächsten Bude schickt, um ihm Bier und Zigaretten zu holen, wird den Budenbetreiber kaum melden.

  • “Wenn Kinder zu verantwortungsbewußten Menschen erzogen werden”
    …genau das ist der Punkt. Das vorgelebte (Modell der Lockvögel) bzw. gelebte (Lockvögel selbst) Beispiel der Täuschung schafft im Individiuum einen Widerspruch (s.o. Double-Bind etc., der sich auf die Erziehung auswirkt, dabei gewiß nicht “positiv”.
    Eine dabei noch gar nicht angeschnittene Frage ist, nach welchen Kriterien solche Lockvögel ausgewählt werden sollen.

  • Die Kriterien kann ich sicher nicht bestimmen, dafür sind ander weitaus besser geeignet. Aber ich glaube durchaus, dass man Jugendliche findet, die diese Trennung (ich meine es ist ja kein Betrug den die Testkäufer begehen) auch verstehen. Wir reden immerhin von Menschen, die kurz davor stehen wirklich Verantwortung zu übernehmen. Und ich kann für mich sagen, dass ich soetwas auch gemacht hätte – wir wollten dies für einen Artikel in der Schülerzeitung testen, aber das Jugendamt hatte uns davon abgeraten.

  • Die Erwachsenen werden doch auch zu Lockvögel (z.B. Restauranttester), sind das darum schlechte Menschen???? Ich würde ja auch keine Kinder nehmen wollen, die 12 Jahre alt sind, sondern Jugendliche kurz vor dem Erwachsenwerden, wie es Patrick auch schreibt. Es gibt genug junge Menschen, die sich politisch oder anderweitig engarieren, die verstehen so eine Trennung unter Garantie. Auswählen sollten diese “Lockvögel” schon Menschen, die sich damit auskennen.

  • Alkoholverkauf ist an Personen unter 16 Jahren verboten, die Testkäufer müssen also jünger sein, und nicht erst “kurz vor dem Erwachsenwerden”. Und das wird auch vielerorts bereits so gemacht (siehe http://alteeule.blogg.de/eintrag.php?id=383#); es geschieht nur mit Einwilligung der Eltern, und die Kinder sind begleitet. Wenn so ein Testkauf dazu benutzt wird, die Verkäufer erst einmal zur Rede zu stellen, kann man wohl kaum von “Betrug” oder “Bespitzelung” reden. Was ist denn schlimmer: dass Zölfjährige nach kräftigem Alkoholgenuss kollabieren, wie bei uns in den letzten Jahren an jeder Weiberfastnacht geschehen ist – oder dass Gleichaltrige oder etwas Ältere durch Testkäufe dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr geschehen kann, weil die Verkäufer durch diese Kontrolle dazu gebracht werden, in Zukunft aufzupassen, wem sie Alkohol verkaufen?

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