Die Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus IV – Vergleich

In diesem vierten Teil der Reihe sollen Barbers Position und die Gegenpositionen nun verglichen werden. Dieser Artikel ist damit der vorletzte Teil der Arbeit über die Kapitalismuskritik von Benjamin Barber. Ein abschließendes Fazit kommt um 15 Uhr, damit man vorher dieses – längste Kapitel – der Reihe lesen kann :D

Nach Betrachtung dieser drei Sichtweisen kann man zunächst festhalten, dass Ludwig von Mises sicherlich die extremste Laissez-faire Politik vertritt und anders als Milton Friedmann beispielsweise Schulbildung für eine private Aufgabe hält[1]. Beide hingegen halten politische und wirtschaftliche Freiheit für unteilbar und vertrauen der Kraft des Marktes und der unsichtbaren Hand, die Barber wiederum für eine Illusion hält. Allen gemein ist jedoch das Ziel, Monopole möglichst zu verhindern, wobei sich die Vertreter der liberalen Politik jedoch auch stärker gegen staatliche Monopole aussprechen. Zur Frage des Souveränitätsverlust äußern sich Friedmann und von Mises nicht, was zum Einen daran liegen kann, dass dieses Problem in den letzten Jahren erst an Aktualität gewonnen hat, zum Anderen aber sicherlich mit der geringeren Rolle des Staates zu tun hat, der keinen Einfluss auf die Wirtschaft nehmen und als „Nachtwächterstaat“[2] fungieren solle. Als letzter Streitpunkt stellt sich das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus heraus, bei dem Barber eher den Kapitalismus als Resultat der Demokratie ansieht und befürchtet, dass dieser das demokratische Staatswesen zerstören könnte, während die liberalen Vertreter eher die gegenteilige Ansicht vertreten.

Hieraus ergeben sich nun die Untersuchungspunkte für den folgenden Vergleich, bei dem sicherlich nur beispielhaft die Themen unsichtbare Hand des Marktes, Souveränitätsverlust und das mögliche Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus erörtert werden.

1.1 Unsichtbare Hand des Marktes

Geprägt wurde der Begriff der „unsichtbaren Hand“ durch den schottischen Ökonomen Adam Smith in seinem 1776 erschienen Werk „Reichtum der Nationen“, in dem er schrieb:

„(…), beabsichtigt [der Mensch auf dem Markt] lediglich seinen eigenen Gewinn und wird in diesem wie vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, dass er einen Zweck befördern muss, den er sich in keiner Weise vorgesetzt hatte. Auch ist es nicht eben das Unglück der Nation, dass er diesen Zweck nicht hatte. Verfolgt er sein eigenes Interesse, so befördert er das der Nation weit wirksamer, als wenn es dieses wirklich zu befördern die Absicht hätte. Ich habe niemals gesehen, dass diejenigen viel Gutes bewirkt hätten, welche die Miene annahmen, für das allgemeine Beste Handel zu treiben.“[3]

Diese Vorstellung besagt, dass das Gemeinwohl von niemandem direkt angestrebt wird, sich aber als ungeplante Folge ergibt. Es ergibt sich durch den gleichwertigen Austausch und Handel, der beiden Beteiligten nutzen soll und nicht durch ein vorher gesetztes Ziel der Marktteilnehmer. Dies wäre insofern auch problematisch, da es kaum eine einhellige Meinung darüber geben kann, was nun der Gemeinwille sein sollte.

Auch Benjamin Barber erkennt diese Uneinigkeit und unterschiedliche Interessen an, wenn er Firmen gegen den Vorwurf in Schutz nimmt, für Arbeitslosigkeit etc. verantwortlich zu sein.[4] Dies fügt sich soweit auch in das Staatsmodell Barbers ein, der in der Politik eine Uneinigkeit und das Fehlen eines übergeordneten Zieles oder einer unabhängigen Wahrheit sieht.[5] Das Handeln des Staates und der demokratischen Gesellschaft müsse sich aus einer Transformation der verschiedenen Interessen ergeben.

Barber sieht dabei gesellschaftliche Restriktionen vor, die die Nebenwirkungen des freien Marktes beseitigen sollen oder diesen in bestimmten Bereichen wie „Bildung, Kultur, Freiheitsentzug, Verkehr, Gesundheitswesen [und] soziale[r] Gerechtigkeit“[6] erst gar nicht zulassen.

In Teilbereichen ist dies auch für Liberale nicht ausgeschlossen, so beschreibt Friedman auch die Sorge um Kinder oder behinderte Menschen als Aufgabe des Staates – zumindest unterstützend – und setzt sich für eine negative Einkommenssteuer ein, die als Transferleistung die Armut der Gesellschaft mindern soll.[7] Dennoch kritisiert auch er, wenn „Wohlstand, und nicht mehr Freiheit (…) die dominierende Rolle in den demokratischen Staaten“ [8] innehat. Auch der österreichische Ökonom Friedrich A. Hayek sieht die Absicherung gegen Armut und den Kapitalismus nicht in einem Gegensatz: „Die Aufrechterhaltung des Wettbewerbs ist sehr wohl auch mit einem ausgedehnten System der Sozialfürsorge vereinbar – solange dieses so organisiert ist, dass es den Wettbewerb nicht weitgehend lahmlegt“[9].

Zudem stellt sich die Frage, ob diese Theorie Smiths noch in die heutige Zeit passt, wo nicht mehr Nationen untereinander Handel treiben, sondern internationale Kapitalströme in Sekunden Milliarden verschieben und Privatpersonen ihr Geld dort sammeln können, wo es steuerfrei gelagert Zinsen abwirft. Wenn Kritik am freien Markt vom ehemaligen Vizepräsenten der Weltbank, Joseph Stiglitz, geäußert und mit Studien bestärkt wird, zeigt dies nur, dass der freie Markt selbst unter Ökonomen keineswegs unumstritten ist. Sogar Finanzspekulanten wie George Soros, der 1992 mit der Abwertung des britischen Pfunds über eine Milliarde Dollar gewann, stehen dem freien Markt inzwischen extrem ablehnend gegenüber und bezeichnen ihn als „Marktfundamentalismus“ und „gefährliche Schieflage“ für das kapitalistische Weltsystem.[10]

Grundlage der unsichtbaren Hand des freien Marktes ist der freie und gleichberechtigte Handel zwischen zwei Individuen und die Möglichkeit, alles erreichen und sich frei entfalten zu können. Hier stellen sich aber auch die Hauptprobleme des freien Marktes in der heutigen Zeit dar.

Auch wenn die Arbeitslosigkeit nach liberaler Auffassung nicht ein Problem der Arbeitsplätze sondern der zu hohen Lohnforderungen der Arbeitssuchenden sind[11], zeigt sich dadurch auch eine Ungleichheit der Verhandlungspositionen in der Arbeitswelt. Dies wird auch in der aktuellen Wirtschaftslage Deutschlands deutlich, wo sich bei über fünf Millionen Arbeitslosen und einer Diskussion über Mindestlöhne eher ein gegenteiliges Bild aufzeigt: 59 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass sich an der Arbeitslosigkeit in Deutschland nichts ändern wird[12], gleichzeitig erleiden Arbeitslose in keinem anderen europäischen Land eine solche Ausgrenzung wie in der Bundesrepublik[13]. Dies muss, verbunden mit dem durch Hartz IV auferlegten Zwang, zu einer enormen Drucksituation führen, die ein gleichberechtigtes Verhandeln fast ausschließt und den Arbeitssuchenden fast zwingt, jede Arbeit anzunehmen, die sich ihm anbietet.

Nach liberaler Theorie besteht zusätzlich für jeden Menschen die gleiche Möglichkeit der Armut zu entkommen und sozial aufzusteigen, wobei diese Chancengleichheit daraus entsteht, dass jeder vor dem Gesetz gleich ist und daraus dann die Möglichkeiten erwachsen. Allerdings muss man dem entgegenhalten, dass es eine Ungleichheit der Ausgangsbedingungen gibt. Das offensichtlichste Beispiel dafür findet sich sicherlich im Bildungsbereich, wo die erweiterte PISA Studie im Jahr 2003 ergeben hat, dass die Wahrscheinlichkeit, nach der Grundschule ein Gymnasium zu besuchen, für Akademikerkindern mit gleicher Lese- und Mathematikkompetenz wie Kinder von Facharbeitern ca. viermal größer ist.[14] Dies zeigt, dass der Unterschied zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten im aktuellen Bildungswesen bereits eine entscheidende Rolle für die Bildungs- und damit Aufstiegschancen der Menschen spielt.

Neben den ungleichen Ausgangsbedingungen muss auch die Werbung Berücksichtigung finden, die es Neuankömmlingen oder kleinen Händlern in der Wirtschaft schwer macht. Hier mag als Beispiel der Elektronikbereich dienen, in dem sich Media-Markt und Saturn seit längerem als günstigste Anbieter eine Medienschlacht bieten. Testkäufe zu Beginn des Jahres berichten jedoch, dass in über 70 Prozent der Fälle kleinere oder andere Anbieter günstiger waren und diese nur mit der „Werbemacht des Milliardenkonzerns Media-Saturn (…) nicht mithalten“ [15] können. Aus kapitalistischer Sicht ist dieses sicherlich ein normaler Vorgang und Von Mises führt auch aus, dass es am Ende die Freiheit des Verbraucher ist, ob sie sich für Saturn und Media-Markt entscheiden, oder einen ausführlichen Preisvergleich durchführen, um dort einzukaufen, wo es für sie am günstigsten ist. [16] An diesem Punkt bezweifelt Barber allerdings, dass der Bürger überhaupt noch in der Lage ist, frei zu entscheiden und stellt sich die Fragen, ob „es bei der Viertelbillion Dollar, die diese Unternehmen jährlich für Werbung ausgeben, wirklich nur um Schaufensterdekorationen [geht]? Bildet sich der Geschmack der Konsumenten im Vakuum?“[17]

Neben dieser Kritik an ungleichen Ausgangsbedingungen geht Barber zusätzlich auf eine von ihm als Irrtum angesehene Theorie des Kapitalismus ein: Der Vorstellung, dass der Verbraucher bestimmen würde, was produziert wird und der Produzent diesen Wünschen nur folgen würde. Barber sieht aber hier nicht nur die Wunschäußerung des Konsumenten, sondern inzwischen auch eine Bedürfnisproduktion, die „Geist und Seele manipuliert“[18] und so erst Märkte für bestimmte Güter oder Dienstleistungen schafft. Als Beispiel seien an dieser Stelle für diesen Fall nur Handy-Klingeltöne erwähnt, die durch massive Werbemaßnahmen zu einem Millionenmarkt geworden sind. Im Jahr 2004 wurden 183 Millionen Euro durch den Verkauf vor allem an Jugendlichen umgesetzt, insbesondere durch Werbung auf Musiksendern, bei denen die entsprechende Werbung inzwischen 90 Prozent ausmacht.[19]

Aber nicht nur in der praktischen Betrachtung der unsichtbaren Hand finden sich Probleme und Grenzen, sondern auch in der Spieltheorie. Der Wirtschaftsnobelpreisträger John Frobes Nash erhielt seinen Nobelpreis im Jahr 1994 beispielsweise für die Definition des Nash-Gleichgewichts, das einen Zustand beschreibt, an dem alle Beteiligten durch eigenes Handeln keinen weiteren Vorteil für sich erreichen können. Dies muss aber nicht das bestmögliche Ergebnis sein, wie das Gefangendilemma zeigt:[20]

Gefangenen DilemmaNach dieser theoretischen, aber verallgemeinbaren Situation werden zwei Verbrecher gefangengenommen. Außer einer Geschwindigkeitsüberschreitung kann man den beiden die vorherigen Straftaten jedoch nicht nachweisen und macht deshalb jedem das Angebot ein Geständnis abzulegen und dafür frei zu kommen. Sagen jedoch beide aus, verfällt das Angebot und beide müssen für fünf Jahre ins Gefängnis, schweigt nur einer muss dieser 10 Jahre einsitzen. Sollten beide schweigen, könne ihnen nur die Geschwindigkeitsübertretung nachgewiesen werden und damit nur ein Jahr Haft. Die Situation lässt sich am besten in der nebenstehenden Darstellung symbolisieren und zeigt damit das Dilemma: Entscheidet sich der Gefangene nach eigenem Interesse, wäre es für ihn am sinnvollsten zu Gestehen, da man entweder am nächsten Tag frei ist oder zumindest verhindern kann für 10 Jahre ins Gefängnis zu gehen. Aus Egoismus wäre ihm dementsprechend sicher zu dem Verhalten zu raten – und wenn beide so denken, wird es auf 5 Jahre hinauslaufen (dem Nash-Gleichgewicht). Andererseits wäre es für beide am Besten, wenn sie schweigen würden und dann nur ein Jahr absitzen müssten. Das für den einzelnen beste Ergebnis (nämlich die Freiheit) und die damit verbundene Wahl führt dagegen dazu, dass am Ende das drittbeste Ergebnis herauskommt. Beide müssten von vorneherein das zweitbeste Ergebnis für sich akzeptieren, um am Ende für Beide (die Gemeinschaft) das Beste herauszuholen. Dieses Gefangenendilemma ist dabei in der Spieltheorie auf viele andere Ereignisse übertragbar, zum Beispiel auch das Wettrüsten zu Zeiten des Kalten Krieges und bietet damit einen schlüssigen, logischen Gegenbeweis, dass das Streben nach Eigennutz nicht automatisch das beste Ergebnis nach sich ziehen muss.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass Barbers Kritik oder Zweifel an der unsichtbaren Hand des freien Marktes durchaus berechtigt ist und es Elemente gibt, die einen solchen zweifelhaft erscheinen lassen. Allerdings muss man an einer solchen Stelle auch erwähnen, dass ein rein kapitalistisches System nach liberaler Vorstellung noch nie existiert hatte[21] und von daher die Auswirkungen des freien Marktes nur erahnt werden können.

1.2 Souveränitätsverlust

Klaus Müller stellt in seinem Buch Globalisierung vier wesendliche Verluste der Souveränität durch den internationalen Kapitalismus fest: Den Verlust des staatlichen Monopols über die Geldpolitik, die beispielsweise an die Europäische Zentralbank abgegeben wurde, den Steuerungsverlust durch grenzüberschreitende Aktivitäten, die Begrenzung der Staatsverschuldung, beispielsweise durch den europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt, und schließlich die Eingriffe in die Sozialsysteme der Staaten.[22] Dabei muss man Staatsverschuldungseinschränkungen und die Abgabe der Geldpolitik an die europäische Ebene für die vorliegende Arbeit von den anderen Steuerungsverlusten trennen, da es sich bei diesen um bewusste durch die demokratischen Institutionen getroffene und damit zumindest theoretisch revidierbare Handlungen handelt, und nicht um Folgen der Globalisierung im Sinne von Barbers McWorld.

Die Auswirkungen der Globalisierung und der verstärkten Mobilität der Wirtschaft sind nicht erst seit den Streiks am Nürnberger AEG Werk zu Beginn des Jahres ein Thema in der Öffentlichkeit. Seit Jahren beherrschen Gerüchte über die Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland die Schlagzeilen, sowohl überregional wie beim Fall des Opel-Werks in Bochum, aber auch regional wie beim Heiztechnikunternehmen Vaillant in Gelsenkirchen.

Diese Folge wird von Seiten der Wirtschaft auch kaum bestritten, so bestätigt Dr. Wilhelm Bürklin, Mitglied der Geschäftsführung des Bundesverbandes der deutschen Banken, beispielsweise in einem Artikel für die Zeitung „Aus Politik und Zeitgeschichte“, dass die Einflussmöglichkeiten der Wirtschaftspolitik gesunken sind und Unternehmen zunehmend von nationalen Regelungen unabhängig werden. Dennoch hält er es weiterhin für möglich nationale Wirtschaftspolitik zu betreiben, die den Staate auf nicht vom Markt lösbare Bereiche reduziert, sowie Verbesserungen und mehr Wettbewerb im Bildungssystem, eine Konzentration auf produktivitätssteigernde Ausgaben im staatlichen Haushalt bei gleichzeitiger Änderung des Steuersystems in gleiche Richtung, mehr Eigenverantwortung und Änderungen in der Lohnpolitik beinhaltet. [23]

Damit folgt er Forderungen, die man in den Texten von Friedman oder Von Mises und anderen Vertretern einer liberalen Wirtschaftspolitik wiederfinden kann. Allerdings ist zu hinterfragen, ob diese Vorschläge damit nicht dem Trend folgen, der diesen Souveränitätsverlust des Staates erst verursacht hat und damit eine Art des Nachgebens gegen die Zwänge der Globalisierung darstellt, anstatt die Rettung staatlicher Souveränität.

Zum Steuerungsverlust sagte und fragte der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in der ZEIT 1999:

„Nicht mehr die gewählte Regierung, kein Kanzler bestimmt die Richtlinien der Politik: An ihrer Stelle herrschen unlegitimiert die Vorstände der gebündelten und sich global verflüchtigenden Wirtschaftsmacht: (…) Was ist das Papier noch wert, auf dem unsere Verfassung steht, wenn ihm tagtäglich, gepaart mit Drohgebärden – ‚Entweder gibt die Regierung nach, oder wie wechseln den Standort‘ – Hohn gesprochen wird?“[24]

Er bringt damit die Fragestellung auf den Punkt, ob die Politik noch steuert und agiert oder sich dem Druck der Globalisierung – und damit McWorld – geschlagen gegeben hat. Bevor allerdings auf diese Frage und damit auch dem Übergang zur Diskussion über die Verbindung zwischen Demokratie und Kapitalismus eingegangen wird, soll aber auch die Sichtweise der Wirtschaft ihre Berücksichtigung finden.

Aus dem bereits mehrmals erwähnten berechtigtem Interesse von Firmen und Unternehmen Gewinn zu machen und sich auf dem Markt zu behaupten folgt zwangsläufig, dass auch diese zu Gejagten der Entwicklungen des ungehemmten Kapitalismus auf internationaler Ebene geworden sind:

„Selbst Wirtschaftsführer (…) beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielräume seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es; sie wollen Firmen weder schließen noch ausweisen, aber die Börse mit ihrem unerbittlichem Blick auf den Aktienkurs mache es leider unausweichlich“.[25]

Aus Sicht der Unternehmen ist es von daher erforderlich entsprechende Maßnahmen zu treffen, um sich beispielsweise gegen Konkurrenten aus neuen, aufstrebenden Ländern mit geringeren Kosten behaupten zu können. Zu diesen Maßnahmen gehört auch die Interessensartikulation an die nationale Regierung – womit wir wieder bei der obengestellten Frage und dem Statement von Günter Grass sind, wer den Staat nun eigentlich steuert.

Da alle großen Parteien im deutschen Parteiensystem, vielleicht mit unterschiedlicher Intensität und Ausnahme der Linkspartei.PDS, in den letzten Jahren Teile der liberalen Politikansätze umgesetzt oder gefordert haben ist es sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass damit eine Anpassung an liberale Vorstellungen stattgefunden hat. Von einigen Politikern werden diese sogar als alternativlos dargestellt.

Bei der Untersuchung über die Folgen für das demokratische System lässt sich feststellen, dass die Menschen sich durch die Globalisierung in einem ständigen Anpassungszustand befinden: Vom Arbeitnehmer, der sich vor Verlegung seines Arbeitsplatzes in ein Billiglohnland fürchten muss, bis zum Unternehmer, der miterleben muss, dass Firmen aus Fernost das gleiche Produkt günstiger anbieten können. Dieser Anpassungsdruck mit dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber aufgezwungenen Bestrebungen des internationalen Wirtschaftssystems können dann zum Problem für die Politik und das demokratische System werden. Der Kommentator Stefan Reinecke fragte sich in der Tageszeitung TAZ kurz vor der Bundestagswahl im letzten Jahr, ob es für den Wähler nicht gleichgültig ist, wer regiert, wenn „die nationale Politik gegen die Macht des globalen Kapitals ohnehin nicht mehr ausrichten kann?“[26]. Später schloss er auch ein Zusammenbruch des deutschen Parteiensystems nicht aus, solle sich die wirtschaftliche Situation Deutschlands in der jetzt aktuellen Legislaturperiode nicht verbessern.

1.3 Demokratie und Kapitalismus

Angesichts der Theorie, dass Kapitalismus zu einer Stärkung der Demokratie führt, könnten sich solche Befürchtungen überzogen schnell überzogen anhören – sofern die Theorie denn stimmt.

Wie gesehen haben sowohl Von Mises, als auch Friedman den Kapitalismus als demokratiefördernd angesehen und auch Johan Norberg sieht in seinem „Kapitalistischen Manifest“ die Tendenz zur verstärkten Demokratisierung beispielsweise in den ostasiatischen Aufsteigerstaaten und sieht selbst für China – bei Barber ein Gegenbeispiel[27] – Anzeichen für einen langfristigen Aufbau der Demokratie.[28]

Zur Frage, ob die Wirtschaft die demokratische Entwicklung fördert wurden verschiedenste Studien angestellt, unter anderem eine historische Untersuchung durch den Ökonomen Robert Barro, der nach Untersuchungen von über 100 Ländern in den Jahren 1960-1990 zu dem Ergebnis kam, dass ein höherer Lebensstandart auch zur höheren Demokratieakzeptanz führt. Benjamin Friedman bestätigte dies später mit einer eigenen Studie, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen sollte. Aber es lassen sich nicht alle geschichtlichen Ereignisse nicht mit diesem Modell in Einklang bringen, so dass die Gültigkeit keineswegs gesichert ist. Ein Beispiel stellt das im Vergleich zu den ehemaligen Ostblockstaaten ökonomisch stabile Jugoslawien dar, welches zerbrach, während sich die östlichen Staaten aus wirtschaftlicher Not der Demokratie zuwandten. Auch die Zeit zwischen den Weltkriegen entspricht nicht diesen Studien, da dort demokratische Staaten eine ähnliche Entwicklung wie (spätere) autoritäre Staaten durchmachten und es dennoch zum Scheitern der Demokratie in vielen Staaten kam, bei acht von 14 Staaten sogar vor der Weltwirtschaftskrise von 1929. Eine wirkliche Folge, dass aus Kapitalismus Demokratie entsteht, lässt sich aufgrund dieser und anderer Gegenbeispiele demnach nicht herstellen.[29]

Im Gegenteil lassen sich teilweise eher gegenteilige Entwicklungen erkennen, wenn Geld und Kapital die führende Rolle in der Gesellschaft übernehmen. So berichtet Benjamin Barber in seinem Interview 1998 von einem Fall an einer Schule in den USA, der ein Wettbewerb durch Coca-Cola gesponsert wurde. Als ein Schüler dort als Zeichen der Unabhängigkeit mit einem T-Shirt des Konkurrenten Pepsi auftauchte wurde er vom Schulleiter in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Sponsor suspendiert[30], was eindeutig eine Einschränkung der Meinungsfreiheit darstellt.

Aber vor allem auch in Entwicklungsländern finden sich Vorgänge, die den Aufbau von Demokratie, der Wirtschaft oder sogar des Staatswesens behindern. Als Beispiel soll der jahrelange Bürgerkrieg im Kongo dienen, der nun im Juni durch Wahlen, unterstützt unter anderem auch durch deutsche Friedenstruppen, zu einem friedlichen Ende kommen soll. Während des Bürgerkrieges wurde allerdings mit Unterstützung westlicher Unternehmen der Abbau von Erzen und Metallen durch verschiedene Anrainerstaaten und Milizen betrieben, um sich so den Zugang zu diesen Ressourcen zu sichern. Gleichzeitig wurde als negative Wirkung allerdings der Konflikt im Kongo noch verschärft.[31]

Aus diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass der Kapitalismus nicht zu einer Stabilisierung und Demokratisierung beitragen muss, zumindest nicht in der ungestörten Kultur von McWorld.

Auch die umgekehrte Korrelation, also das Entstehen von Kapitalismus aus der Demokratie ist nicht pauschal zu bejahen, zumindest nicht ausschließlich. Angesichts der Freiheiten, die eine Demokratie nach allgemeiner Vorstellung bieten dürfte, ist Kapitalismus in einer Demokratie möglich und wird dort auch entstehen können, aber er kann auch in anderen Systemen existieren und aufblühen. Dies lässt sich zum einen an den bekannten Beispielen wie China und anderen Staaten Südostasiens erkennen, aber auch an der wirtschaftlichen Entwicklung Spaniens, Portugals oder Griechenlands in deren autoritären Zeiten. Zudem könnten viele der Anforderungen von Friedman und Von Mises an den Staat auch von autoritären Staaten erfüllt werden, wie beispielsweise die Sicherstellung von Recht und Ordnung und des Einhalten von Gesetzen oder die Regelung von Eigentumsverhältnissen. Allenfalls die grundsätzliche Sicherung von Freiheit der Bürger ließe sich wohlmöglich mit einem autoritären System nur schwerer Verbinden. Die Frage ist nur, inwiefern ein ausländisches Unternehmen Interesse an der Freiheit der fremden Bürger hat, solange diese als Konsumenten oder Arbeitskräfte für den Markt zur Verfügung stehen, wie man es beispielsweise in China erleben kann.

Im Zusammenhang mit Demokratie muss abschließend natürlich auch über die gesellschaftlichen Folgen des Kapitalismus gesprochen werden und dabei das Menschenbild, welches dieser an den Menschen anlegt.

Während Benjamin Barber von der „gesellschaftlichen Natur des in der Welt lebenden Menschen“[32] ausgeht, der seine Welt und Demokratie vor allem durch eine wechselseitige Transformation verschiedener Interessen erstellt,, handelt der Mensch im Liberalismus „orientiert an seinen Interessen“[33]. Damit ist nicht zwingend ein rein egoistisches ökonomisches Vorgehen gemeint, sondern ein der Situation und eigenen Wertvorstellungen angepasstes, rationales Verhalten. Zusätzlich geht dieses Menschenbild auch davon aus, dass der Mensch nur einen kleinen Teil der ganzen Gesellschaft erfassen kann und somit keine übergreifenden Einstellungen aufbauen kann[34], anders als bei Barber, wo andere Sichtweisen und Erfahrungen ausgetauscht werden.

In einer rein kapitalistischen Gesellschaft kann es dazu kommen, dass der Egoismus die herrschende Verhaltensregel und der homo oeconomicus, eine nur nach rationalen Maßstäben handelnde Person, zum Idealtypen der Gesellschaft wird. Allerdings zeigt der Blick in die Geschichte auch des inzwischen sehr zu Unrecht gegeißelten Manchester-Kapitalismus, dass sich auch unter schlimmen Bedingungen soziales Verhalten ergeben kann. Nicht aus dem Ansatz sozialer Gerechtigkeit, sondern um jedem die gleichen Chancen für den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Im Manchester-Kapitalismus umfasste dies beispielsweise auch die Sammlung von Geldern für notleidende Textilarbeiter und damit einen Einsatz der nach rein ökonomischen Gesichtspunkten nicht zu erklären ist. Dies weißt darauf hin, dass es auch in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft noch Unterstützung für sozial Schwache geben kann und dies vom Wertekanon der einzelnen Personen abhängig ist.[35] Eine klare und definitive Prognose darüber wie sich die Gesellschaft im Hinblick auf das menschliche Verhalten entwickeln würde wäre also höchst spekulativ.


[1] Vgl. Baader, Roland (Hrsg.): Logik der Freiheit, 2000, S.223[2] Baader, Roland (Hrsg.): Logik der Freiheit, 2000, S.23[3] Smith, Adam: Reichtum der Nationen, Paderborn o.J., S.458

[4] Vgl. S.4

[5] Vgl. Barber, Benjamin: Starke Demokratie, 1994, 115ff. und 125ff.

[6] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S.XXXI

[7] Vgl. Friedman, Milton: Freiheit und Kapitalismus, 1971, S.244ff.

[8] Friedman, Milton: Freiheit und Kapitalismus, 1971, S.31

[9] Hayek, Friedrich A.: Der Weg zur Knechtschaft, München 2003, S. 60

[10] Vgl. Afheldt, Horst: Wirtschaft die Arm macht. Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft, München 2003, S.162ff. (Zitate S.164)

[11] Vgl. S.14

[12] Vgl. Niejahr, Elisabeth / Rudzio, Kolja: Leben mit der f, in: Die ZEIT 38/2005 vom 15.09.2005

[13] Vgl. Hilbk, Merle: „Und was machst du so?“, in: Die ZEIT 41/2003 vom 02.10.2003

[14] PISA – Konsortium Deutschland: Pisa 2003. Ergebnisse des zweiten Ländervergleiches. Zusammenfassung, S.32

[15] Zitat und Daten nach: Heeg, Thiemo: Die Trickser vom Media-Markt, in: Frankfurter Allgemeine Sonnntagszeitung vom 8.1.2006

[16] Vgl. Baader, Roland (Hrsg.): Logik der Freiheit, 2000, S.186.

[17] Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S.93

[18] Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S.93

[19] Vgl. Wikipedia: Klingeltöne, http://de.wikipedia.org/wiki/Klingelt%C3%B6ne (Ausdruck vom: 29.03.06)

[20] Vgl. Méro, Lástló: Die Logik der Vernunft. Spieltheorie und die Psychologie des Handelns, 4.Auflage, Reinbeck bei Hamburg 2004, S.191 und S. 47ff.

[21] Vgl. Herzinger: Richard: Kapitalismus als Ethos, in: Merkur Nr 653/654 Sept./Okt. 2003, hier von: http://de.liberzy.li/forum/printthread.php?t=297 (Angerufen 28.03.06), S.2

[22] Vgl. Müller, Klaus: Globalisierung, Bonn 2002 [Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Band 390], S.48ff.

[23] Bürklin, Wilhelm: Globalisierung als Chance für Wohlstand und Arbeitsplätze, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 48/2000, hier von http://www.bpb.de/publikationen/TTRFX1.html (Ausdruck vom 30.03.06), S.6ff.

[24] Grass, Günter, zit. nach: Reuter, Edzard: Ratlose Zauberlehrlinge, in : Die ZEIT 50/1999, hier Ausdruck von http://zeus.zeit.de/text/archiv/1999/50/199950.shareholdervalue.xml vom 30.03.06, S.1

[25] Jessen, Jens: Fegefeuer des Marktes, in: Die ZEIT 30/2005 vom 21.07.2005, hier Ausdruck von http://zeus.zeit.de/text/2005/30/Kapitalismusserie vom 07.03.2006

[26] Reinecke, Stefan: Alles egal, aber…, in: die tageszeitung taz vom 12.09.2005 (hier Ausdruck von http://www.taz.de/pt/2005/09/12/a0151.1/textdruck vom 30.03.06), S.2

[27] Vgl. Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S.91.

[28] Vgl. Norberg, Johan: Das kapitalistische Manifest. Warum allein die globalisierte Marktwirtschaft den Wohlstand der Menschheit sichert, 2.Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 49ff und 95ff.

[29] Vgl. Ferguson, Niall: Politik ohne Macht. Das fatale Vertrauen in die Wirtschaft, Stuttgart/München 2001, S.336ff.

[30] Vgl. Barber, Benjamin: „Räumen Sie doch mal auf!“, 1998, S.4.

[31] Vgl. German Foreign Policy: German Foreign Policy zu den wirtschaftlichen und strategischen Interessen Deutschlands am Kongo, hier von AG Friedensforschung an der Uni Kassel (http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Kongo/gfp.html, Abruf vom 31.03.06)

[32] Barber, Benjamin: Starke Demokratie, 1994, S.207

[33] Wilke, Gerhard: Neoliberalismus, 2003, S.90

[34] Vgl. Hayek, Friedrich A.: Der Weg zur Knechtschaft, 2003, S. 85ff. und Wilke, Gerhard: Neoliberalismus, 2003, S.90ff.

[35] Vgl. Herzinger, Richard: Gerecht ist nur die Freiheit, in: Die ZEIT 41/2003 vom 2.10.03 (hier Ausdruck von http://zeus.zeit.de/text/2003/41/Manchesterliberalismus vom 31.03.06).

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