Die Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus II – Barbers Kapitalismuskritik

Heute folgt nun der zweite Teil der Reihe „Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus“ und damit der eigentliche Einstieg in das Thema. Der folgende Text dient dazu, die von Barber eingebrachte Kritik zu verdeutlichen und darzustellen. Morgen wird dann mit Zuhilfenahme von Milton Friedmann und Ludwig von Mises eine Gegenposition erarbeitet. Die Einleitung und den Hintergrund kannst du hier lesen.

Bei der Betrachtung der Kapitalismuskritik von Benjamin Barber muss man festhalten, dass er hiermit einen ungezügelten Kapitalismus und nicht die marktwirtschaftliche oder kapitalistische Wirtschaftsform generell meint. Dies wird unter anderem in seinem Vorwort für die Neuauflage seines Buches im Jahr 2001 deutlich:

„Der Kapitalismus ist ein außergewöhnlich produktives System. Die menschliche Arbeit kann nicht besser organisiert werden als durch die Mobilisierung von Eigennutz motivierter Privatpersonen. Doch versagt der Kapitalismus jämmerlich bei der Verteilung und somit bei der Sicherheit und Gerechtigkeit,(…)“[1]

Auch zeigt er an mehreren Stellen Verständnis für die Interessen und Arbeitsweisen der Unternehmen, lobt deren Arbeit und sieht in ihnen ein Mittel gegen die ethnische und religiöse Differenzierung. Selbst vor Vorwürfen bezüglich der Folgen wie Arbeitslosigkeit oder Umweltverschmutzung nimmt Barber die Unternehmen in Schutz:

„Man kann den multinationalen Konzernen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie Höchstprofiten um den Preis von Massenarbeitslosigkeit oder Umweltzerstörung nachjagen. Es ist Sache einer demokratischen Gesellschaft und Regierung und nicht des Marktes, auf das Gemeinwohl zu achten und sicherzustellen, dass alle, die aus unserem gemeinsamen Planeten Nutzen ziehen, einen gerechten Anteil an alle gemeinsamen Eigentümer zahlen.“[2]

Im Hinblick auf die folgende Kritik ist es wichtig, diese Unterscheidung zwischen einem staatlich regulierten und einem unregulierten und privatisierten Kapitalismus zu betonen und damit hervorzuheben, dass es sich bei Barbers Kapitalismuskritik nicht um eine pauschale Kritik an marktwirtschaftlichen Vorgängen oder gar um eine moderne Form des Klassenkampfes handelt. Vielmehr muss man Barbers Kritikpunkte als Warnung in Richtung einer Laissez-faire-Wirtschaftspolitik verstehen. Er stellt in diesem Zusammenhang fest, dass „Kapitalisten (…) Demokraten sein [mögen], aber Kapitalismus (…) nicht zur Demokratie führen [muss]“[3].

Den ungezügelten Kapitalismus bezeichnet Benjamin Barber mit dem Begriff McWorld, der langfristig eine einzige globale Kultur schafft, in der die Menschen nur noch als Konsumenten und nicht als Bürger auftreten. Wie später noch genauer dargestellt wird, führe dieses Umdenken im Menschenbild zu einer egoistisch geprägten Gesellschaft und wird damit zu einer Gefährdung der Demokratie. Dabei sieht er in McWorld eine schleichendere und damit unauffälligere Gefahr, als im Dschihad, der aktuell auf sich aufmerksam macht. In diesem Zusammenhang befürchtet Barber eine Zukunft, die „nicht nur postkommunistisch, postindustriell, postnational, sektiererisch, ängstlich und bigott (…), sondern zugleich auch unheilbar postdemokratisch“[4] sein wird. Verantwortlich hierfür wäre neben der durch diese Globalisierung wegfallende nationale Souveränität vor allem die zunehmende Privatisierung staatlicher Dienstleistungen und der damit verbundene Glaube an die problemlösende Kraft des freien Marktes.

1.1 Verlust der staatlichen Souveränität

Der Verlust nationaler Souveränität ist in der heutigen Zeit kaum zu übersehen: Grenzüberschreitende Umweltverschmutzung, Krankheiten und eben die wirtschaftliche Globalisierung stellen die deutlichsten Anzeichen dafür dar. Benjamin Barber sieht aber einen gravierenden Unterschied zwischen den ersten Beiden und dem Souveränitätsverlust, der durch McWorld entsteht: Während Umweltprobleme oder andere Naturkräfte nicht durch den Menschen steuerbar oder vorhersehbar seien, führen „Marktkräfte mit dem bewussten Ziel einer Globalisierung“[5] zu einem beabsichtigten und menschlich verursachten Steuerungsverlust der Nationalstaaten.

Dies führt Barber darauf zurück, dass „keine Ideologie (…) an der Nationalfrage weniger interessiert wäre als der Kapitalismus“[6]. Der Terminus multinationaler Unternehmen solle in trans- oder antinationale Unternehmen umbenannt werden, da diese sich nicht an die Bürger eines Staates wenden, sondern weltweit an alle Konsumenten und dabei die nationalen Schranken durchbrechen.[7]

McWorld habe mit der Globalisierung eine „globale Kultur der internationalen Banken, der Handelsverbände, der transnationalen Lobbies (…), der weltweiten Nachrichtennetzwerke (…) und der immer weniger in ihrem Stammland verwurzelten multinationalen Konzerne“[8] geschaffen. Auch wenn die Nationalstaaten formell die Hoheit über die Rechte der Konzerne hätten, biete sich mit der Internationalisierung der Wirtschaft auch Möglichkeiten der Arbeit über nationale Grenzen hinweg. Die einzige Aufgabe, die die Wirtschaft dem Staat so noch zugesteht, ist die rechtsstaatliche Einklagbarkeit jedes Vertrages[9].

Viele Regierungen haben sich laut Barber bereits damit abgefunden, die „strategische Koordination von Wirtschaftspolitik und Beherrschung internationaler Märkte durch ihre Konzerne“[10] zu akzeptieren. Gerade in Osteuropa hätten die Staaten die Tendenz sich dem Markt zu beugen, wie das Beispiel Tschechiens zeige, welches damit warb, kaum in die Wirtschaftspolitik einzugreifen.[11]

Während die Regierungen in den Nationalstaaten zwar noch immer – wenn auch beschränkt – die Möglichkeit hätten, steuernd einzugreifen, sei auf internationaler Ebene ein komplettes Machtvakuum vorhanden, so dass die internationalen Organisationen im wirtschaftlichen Bereich, wie Weltbank oder Weltwährungsfond, zu einem Spielball des Weltmarktes geworden seien und sich eher für die Freiheit des Marktes als für die Stärkung der jeweiligen Volkswirtschaft einsetzen.[12] Dabei sieht er allerdings Fortschritte bei der Weltbank, die sensibler auf die Bedürfnisse und Probleme der Entwicklungsländer achtet. Im übrigen sieht er in diesen Organisationen die Möglichkeit für eine demokratische Nutzung, wenn Druck auf die Mitgliedsstaaten ausgeübt wird.[13]

1.2 Illusion des freien Marktes

Verbunden mit dieser mangelnden Souveränität und der Nachgiebigkeit gegenüber der Gutgläubigkeit in die problemlösende Kraft des freien Marktes stellt sich für Barber das größte Problem. In einem Interview mit der Wochenzeitung ZEIT sagte Benjamin Barber dazu 1998:

„Die größte Gefahr liegt in der Ideologie, dass der freie Markt alle Probleme löst. Damit wird nur die Freiheit des Verbrauchers betont, nicht die gesellschaftliche Konsequenz individueller Entscheidungen. Sogar die Unternehmer, mit denen ich rede, fürchten sich vor den Folgen dieser Ideologie. Das Profitmotiv ist zwar völlig in Ordnung – da, wo es hingehört; aber es darf nicht alles dominieren.“[14]

Diese von Barber kritisierte Ideologie basiert darauf, dass sich durch den Handel und die Auswahl von bestimmten Leistungen am Ende ein Gemeinwohl ergäbe. Damit verbunden ist die Annahme, dass nur der Kapitalismus eine Antwort auf alle Probleme bieten könne und von daher staatliche Aufgaben der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen werden sollten.

Neben der sich aus einer solchen Privatisierung ergebenden Abhängigkeit der Öffentlichkeit von der Wirtschaft sieht Barber aber vor allem eine Schwächung der Gesellschaft durch ein solches Vorgehen voraus. Die Menschen würden nur noch als Konsumenten – ich-bezogen – denken und nicht mehr als Bürger einer Gesellschaft[15].

Über diesen Streitpunkt wird auch Barbers Menschen- oder Bürgerbild in einer Gesellschaft deutlich:

„Bürger zu sein heißt, auf eine bestimmte bewusste Weise an etwas teilzunehmen, auf eine Weise, die voraussetzt, dass man andere wahrnimmt und gemeinsam mit ihnen handelt. Aufgrund dieses Bewusstseins verändern sich die Einstellungen und gewinnt Partizipation jenen Sinn von wir, den ich mit Gemeinschaft assoziiert habe.“[16]

Die Fokussierung auf das Verhalten als Konsument, von Barber als Ich bezeichnet, verhindert dementsprechend diesen nötigen Diskussions- und Transformationsprozess zum Wir, dem gemeinschaftlichen Willen. Der Austausch findet nur zwischen dem Anbieter und dem Konsumenten statt, bei dem entweder Bedürfnisse vom Verbraucher geäußert oder vom Produzenten durch Werbung erzeugt werden. Eine Diskussion über die Folgen dieser Entscheidungen findet nicht mehr statt.[17]

Barber verdeutlicht dies an dem Beispiel des Autokaufs, bei dem einem Verbraucher nur die Möglichkeit bleibt, entweder die Folgen des Autokaufs wie Umweltverschmutzung, Straßenbau, Rohstoffverbrauch, Gefährdung des öffentlichen Nahverkehrs und ähnliches in Kauf zu nehmen oder auf den Kauf zu verzichten. Als Bürger hingegen kann mit anderen versucht werden diese negativen Folgen beispielsweise durch öffentliche Förderung des ÖPNV, der Finanzierung von umweltfreundlichen Verkehrsalternativen, Verbot bestimmter Kraftstoffe abzumildern. Barber sieht in dieser demokratischen Teilhabe sogar eine Stärke und Verbesserung des Marktes, weil diese „die Freiheit der Konsumwahl in der Gewissheit gestattet, dass wir etwas gegen nachteilige Folgen unternehmen können“[18].

Für einen Konsumenten spielen Fragen wie die soziale Gerechtigkeit, Vollbeschäftigung und die Möglichkeit des Auslebens von Wohlstand und Bildung keine Rolle, dies seien Fragen an mündige Bürger.[19] Aber dies seien auch keine Fragen, denen sich die Firmen und der freie Markt stellen. „Märkte sind ihrem Charakter nach unfair und wollen mit Fragen von öffentlichem Interesse wie Gerechtigkeit, Vollbeschäftigung und Umweltschutz grundsätzlich in Ruhe gelassen werden.“[20] Konzerne müssen effektiv arbeiten und „konkurrieren mit (höchstens) quartalsmäßigen Umsatzzielen blindlings gegeneinander“[21]. Barber plädiert deshalb dafür, bestimmte Aufgaben beim Staat zu behalten:

„Manches kann der Staat nicht sehr gut, doch anderes kann nur der Staat wie beispielsweise regulieren und schützen, hie und da subventionieren und umverteilen – nicht weil er diese Aufgaben besonders gut beherrscht, sondern weil sie öffentliche Dinge sind, für nur wir, die Öffentlichkeit, verantwortlich gemacht werden können. Diese res publicae (wörtlich ‚öffentlichen Dinge‘) betreffen Bildung, Kultur, Freiheitsentzug, Verkehr, Verteidigung, Gesundheitswesen, soziale Gerechtigkeit und, jawohl, das menschliche Genom.“[22]

Neben der so dargestellten Kritik an der Änderung des Rollenbildes in einer McWorld – Gesellschaft bezweifelt Barber aber auch die angebliche Wahlfreiheit, die sich dem Bürger in einem freien Markt stellt.

Anders als gerne dargestellt, bediene der Markt nicht nur die Bedürfnisse, die sich aus der Gesellschaft ergeben, sondern schaffe durch Werbung auch neue Wünsche und gefährde alte kulturelle Gegebenheiten. So musste die indische Teekultur dem Markt von Coca-Cola weichen, Fast Food muss Traditionen langer Mahlzeiten im Familienkreis beseitigen. Alte Geflogenheiten müssen den Markt weichen und schaffen so durch Werbung und Bedürfnisproduktion die globale Kultur von McWorld. Barber sieht in der Überproduktion von Waren und Bedürfnissen auch die Schwierigkeit des Kapitalismus, die ihn später zum kollabieren bringen werde, wenn sich die Kunden diese Wünsche beispielsweise wegen Arbeitslosigkeit nicht mehr leisten könnten.[23]

Zum anderen werde die Wahlfreiheit in einem unregulierten Markt dadurch eingeschränkt, dass es zu Synergie und Monopolbildungen führen würde und so der Markt die Wahlmöglichkeiten selbst einschränke.[24]

1.3 Kapitalismus und Demokratie

Daraus folgt für Barber die Disqualifikation des Marktes als Förderung der Demokratie, wie es grade nach dem Niedergang des Staatsozialismus und dem Ende des Kalten Krieges oft angesehen wird. Gerade die Beispiele China und Vietnam zeigen, dass die Marktwirtschaft auch unter autoritären Systemen blühen kann. Barber stellt dar, dass die Ziele der Demokratie und des Kapitalismus sich auch gegenüber stehen:

„Um Erfolg zu haben, braucht der Kapitalismus Verbraucherzugang zu Märkten und ein stabiles politisches Klima, und beides wird nicht immer garantiert in der Demokratie, die manchmal chaotisch und sogar anarchisch sein kann, besonders in ihren Anfängen, und häufig einem Gemeinwohl verpflichtet ist, das dem privaten Markt zu teuer oder zuwider ist, wie etwa Umweltschutz oder Vollbeschäftigung.“[25]

In diesem Zusammenhang greift er auch wieder die unterschiedlichen Anforderungen an den Menschen auf: Während der Kapitalismus Konsumenten braucht, die sich formen lassen und ihren Bedürfnissen folgen, wünscht die Demokratie sich Bürger, die selbstständig und kritisch denken.

Auch soll in der Demokratie und im modernen Staat das öffentliche Interesse, das Gemeinwohl, vor dem Privatinteresse stehen, was sich in den letzten Jahren aber deutlich zugunsten Laissez-faire verschoben hat.[26]

Dies führt Barber dann zu der Schlussfolgerung, dass „Beziehungen, die der Markt fördert, (…) einfach kein Ersatz für soziale Beziehungen und genauso wenig für demokratische“[27] sind. Er erkennt zwar die Verbindung an, die es zwischen Demokratie und Kapitalismus gibt, aber anders als Vertreter einer Laissez-faire-orientierten Politik, ist für ihn der Kapitalismus aus der Demokratie entstanden und nicht umgekehrt. Für den Erhalt der demokratischen Werte, aber auch des Marktes, ist weiterhin eine Regulierung durch den Staat erforderlich.


[1] Barber, Benjamin: Coca-Cola und Heiliger Krieg (Jihad vs. McWorld). Der grundlegende Konflikt unserer Zeit, Ergänzte Neuauflage, Bern/München/Wien 2001, S. XXXI [2] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 258[3] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 20[4] Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben? Der Mythos von der relulativen Macht des Marktes, in: Weidenfeld, Werner: Demokratie am Wendepunkt, Berlin 1996, S. 85[5] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 17[6] Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S. 85

[7] Vgl. Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 29

[8] Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S. 82

[9] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 18

[10] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 33

[11] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 257

[12] Vgl. Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 256.

[13] Vgl. Barber, Benjamin: „Als Produktionssystem ist der Kapitalismus im Niedergang begriffen“, in: Frankfurter Rundschau vom 28.11.2002, S.2.

[14] Barber, Benjamin: „Räumen Sie doch mal auf!“, in: Die ZEIT 45/1998, S. 3

[15] Vgl. Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S. 89.

[16] Barber, Benjamin: Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994, S. 152, Kursivmarkierungen im Original

[17] Vgl. Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S. 89.

[18] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 260

[19] Vgl. Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 235.

[20] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 35

[21] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. 33

[22] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S. XXXI (Kursivmarkierung im Original)

[23] Vgl. Barber, Benjamin: „Als Produktionssystem ist der Kapitalismus im Niedergang begriffen“, in: Frankfurter Rundschau vom 28.11.2002, S.1

[24] Vgl. Barber, Benjamin: Kann die Demokratie McWorld überleben?, 1996, S.92ff..

[25] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S.19

[26] Vgl. Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S.38

[27] Barber, Benjamin: Coca Cola und Heiliger Krieg, 2001, S.253

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