Die Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus I – Einleitung

Benjamin BarberDer amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber wird heute 68 Jahre alt. Er gilt als einer der renomiertesten Politikwissenschaftler der Vereinigten Staaten und hat mit einer an Rousseau angelegten Kritik am repräsentativen System und dem von ihn vertretenen Ansatz einer „starken Demokratie“ die nicht nur Staatsform, sondern auch Lebensform sein soll, die Diskussion über Bürgerbeteiligung und partizipative Demokratie verstärkt. Auch wenn das Buch bereits über 20 Jahre alt ist, ist es für Denkanstöße noch immer zu empfehlen, da er nicht ein utopisches Modell erstellt, sondern praktische Vorschläge für die Umsetzung von basisdemokratischen Elementen und der – wie er es nennt – „Wiederbelebung der Bürgerschaft“ einführt. Am beeindruckendsten fand ich den Vorschlag, die Idee eines zweitstufigen Volksbegehrens über Multiple Choice Verfahren. Naja, um es vorweg zu nehmen: Es wird in diesem Artikel nur am Rande um diese Demokratievorstellungen gehen, hierzu empfehle ich noch immer die Lektüre seines Buches.

Nein, Barber hat Mitte der 90er Jahre mit „Jihad vs. McWorld“ (in Deutschland erschienen als „Coca Cola und Heiliger Krieg“ bzw. „Demokratie im Würgegriff“) auch eine interessante Abhandlung darüber geschrieben, wie ungezügelter Kapitalismus und Fundamentalismus unsere Demokratie gefährden. Grade den ersten Teil fand ich extrem interessant, da er dabei nicht pauschal den Kapitalismus als ganzes ablehnt und man ihm damit auch sicher keine überzogene Kapitalismuskritik vorwerfen kann, sondern einen Artikel findet, der Risiken des Kapitalismus als Gesellschaftsform und insbesondere der Aussage „der Markt regelt das schon“ offenlegt. Genau hiermit wird sich diese Reihe beschäftigen.

In den kommenden drei Tagen werde ich hier Teile einer Hausarbeit veröffentlichen, die ich dazu im Frühjahr letzten Jahres geschrieben habe. Da ich die nächsten drei Tage nicht regelmässig an den Rechner kommen werde (wenn überhaupt) ist dies sozusagen eine kleine Entschädigung für meine treuen Leser (es gibt vielleicht sogar noch die ein oder andere zusätzlich :D ). Jeweils um 12 Uhr wird es den nächsten Abschnitt geben, dies sind im einzelnen:

Die Fußnoten können zwar kopiert werden, aber in den nächsten Tagen wird es – auf Nachfrage – auch eine PDF Version zum Download geben.

Benjamin Barbers Kapitalismuskritik
Die Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus

Einleitung

„Regierung und Freiheit schließen einander aus. US Alliance hat lange genug Verfolgung erduldet – als ob Gelderwerb ein Verbrechen wäre!“<!–[if !supportFootnotes]–>[1]

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Mit diesen Worten läutet die fiktive Romanfigur John Nike in dem Roman Logoland<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–> von Max Barry den Versuch ein, die Regierung abzuschaffen. Später führt er hierzu aus:

„Es geht mir darum die Regierung loszuwerden – das größte Hindernis in der Geschichte der Wirtschaft. (…) Wir wollen Geld erwirtschaften, und zwar so viel wie möglich. (…) Ich biete Ihnen eine Welt, in der keine Regierung sich mehr einmischt. Nichts ist mehr unmöglich – keine Werbekampagne, keine internen Absprachen, keine Promotionaktion.“<!–[if !supportFootnotes]–>[3]

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Auch wenn diese Dystopie sicherlich eine bewusste Überspitzung einer rein kapitalistischen Welt der Zukunft darstellt, finden sich viele Ansätze dieser Gedankenwelt auch in der aktuellen Realität, wie der hier angedeutete Ruf nach einem Rückzug des Staates, die Forderung nach einer Privatisierung von staatlichen Aufgaben oder das stärkere Betonen der Eigenverantwortlichkeit der Bürger.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber hat im Jahr 1995 zu der Gefährdung der Demokratie das Buch „JIHAD VS. McWORLD. Terrorism’s Challenge to Democracy” veröffentlicht<!–[if !supportFootnotes]–>[4]<!–[endif]–>. Wie der Titel verrät, geht es dabei nicht ausschließlich um die Gefährdung der Demokratie durch den Kapitalismus, welchen er als McWorld bezeichnet, sondern auch um den „bornierten, provinziellen Fundamentalismus“<!–[if !supportFootnotes]–>[5]<!–[endif]–> – Dschihad genannt – , der eine offensichtlichere Bedrohung der Demokratie darstelle. Der Anschlag vom 11. September 2001 kann in diesem Zusammenhang als eine Bestätigung seiner Theorie angesehen werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, zu überprüfen, ob seine Kritik und die Risiken, die er in einem unbeschränkten Kapitalismus sieht, ebenso berechtigt ist. Hierzu wird im Folgenden zunächst eine Darstellung seiner Position vorgenommen, um anschließend unter Zuhilfenahme von eher auf laissez-faire setzenden Autoren wie Milton Friedmann oder Ludwig von Mises zwei Sichtweisen zu vergleichen. Bei der Untersuchung dieser verschiedenen Positionen wird bewusst eng am Text gearbeitet und auf weitere Quellen verzichtet. Erst in der vergleichenden Analyse im dritten Schritt wird dann mit weiterer Literatur überprüft, welche der Positionen sich in welchem Kontext eher in der Realität wiederfinden lässt.

<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> Barry, Max: Logoland, 3. Auflage, München 2005, S. 255

<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–> englischer Originaltitel: Jennifer Government, erschienen 2003

<!–[if !supportFootnotes]–>[3]<!–[endif]–> Barry, Max: Logoland, S. 280

<!–[if !supportFootnotes]–>[4]<!–[endif]–> In Deutschland ist das Buch unter dem Titel „Coca Cola und Heiliger Krieg (Jihad vs. McWorld). Der grundlegende Konflikt unserer Zeit“ und „Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus – eine unheilige Allianz“ erschienen.

<!–[if !supportFootnotes]–>[5]<!–[endif]–> Barber, Benjamin: Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus – eine unheilige Allianz, Frankfurt am Main 1999, Buchrücken

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