“Trauriger Normalfall”

Ein interessantes Interview mit dem Gewaltforscher Heitemeyer kann man auf den Seiten der Tagesschau nachlesen. Neben einer Bewertung der Programme der Regierung und der Feststellung, das Geld nicht alles ist, geht er aber auch auf den Fall von Müngeln ein:

Dies ist ein trauriger Normalfall. Als Konsequenz muss der Blick nun endlich auf die Stadtgesellschaften gerichtet werden, denn die feindseligen Mentalitäten werden vor allem von den Älteren vertreten – und die Jüngeren bringen dann die Gewalt ins Spiel. Und dann wird eine Gesellschaft plötzlich nervös. Was die Älteren an Denkmustern jeden Tag am Stamm- oder am Abendbrottisch transportieren, das wird überhaupt nicht thematisiert. Es geht nicht darum, sich gegen rechtsextreme Gruppen zu versammeln, sondern die Stadtgesellschaft ist das Problem. Wenn man die Älteren nicht mit ins Boot bekommt, dann hat man ganz schlechte Karten.

Leider traurige Wahrheit. Natürlich muss man gegen rechte Gewalt einschreiten, aber das Denken in den Köpfen ist genauso wichtig. Wer am Stammtisch über Ausländer herzieht schürrt die Gewalt und Fremdenfeindlichkeit und auch dem sollte man entgegentreten. Als Gegenmittel sieht er kleine, flexible Initiativen, die deutlich machen, dass ausländerfeindliche Sprüche nicht normal sind, dass es nicht – wie ich es vor einiger Zeit in einer Reportage gesehen habe – hingenommen wird, wenn ein Hakenkreuz an eine Wand geschmirrt ist. (Sind es die rechten Sprüche in Gelsenkirchen eigentlich noch?)

Des Weiteren fand ich seine Analyse über die Gründe für rechtes Auftreten in ostdeutschen kleineren Städten noch:

Ostdeutschland hat ein spezifisch siedlungsstrukturelles Problem – durch die vielen kleinen Gemeinden und Kleinstädte. Die gut ausgebildeten Menschen, die Widerworte geben, die wandern ab. Dadurch wird die Struktur immer homogener, sowohl sozial als auch von den Einstellungsmustern her. Und von homogenen Gruppen geht an vielen Stellen weit mehr Gefahr aus als von heterogenen Gruppen. Weiterhin herrscht ein hoher Konformitätsdruck in diesen kleinen Gemeinden, man kennt sich, es ist kaum möglich, alternative Bekanntschaften und Freundeskreise aufzubauen – anders als in Großstädten.

Vielleicht erklärt dies, wieso die Polizei in Mügeln Probleme hat Zeugen zu finden?

Im übrigen ist heute bekannt geworden, dass auch in Rheinland-Pfalz (in Guntersblum) am Wochenende zwei Afrikaner angegriffen wurden – einer verlor bei einem Angriff mit einer abgebrochenen Flasche gar einen Finger. Passanten hatten hier allerdings zumindest insofern reagiert, dass sie die Polizei gerufen haben.  Abschließend dazu der Hinweis, dass ich wahrscheinlich – glücklicherweise war ich noch nie in der Situation – auch nicht mehr machen würde, da ich mir mehr einfach nicht zutraue. Wie siehst du das mit der Zivilcourage in solchen Situationen?

2 Kommentare

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  • Für mich ist klar: Hilfe holen. Ein Handy hat heute fast jeder. Aber es gibt auch immer noch Telefonzellen. 110 und die Polizei sollte da sein.

    Das Phänomen der Homogenität sehe ich auch. Gerade im Osten sind die Menschen von der Gesellschaft abgekoppelt. Sie leben in kleinen Gemeinden, haben keinen Job und sind unzufrieden. Es macht sich das Gefühl breit, nicht mehr dazuzugehören und man hat viel Zeit, sich mit dem Gefühl der Unzufriedenheit auseinanderzusetzen.

    So erkläre ich mir, dass eine Situation wie in Müngeln passieren kann.

    Aber leider entwickelt sich der Fremdenhass auch zusehens in Klein- und Großstädten. Auch da empfehle ich, sich immer einzumischen. Stört die Homogenität beim familiären Kuchenessen mit Gegenargumenten.

    Meine Erfahrung ist, dass die Familie verblüfft guckt und das Thema peinlich gewechselt wird. Aber so kann man dieses Gemeinschaftsdenken bezüglich der Ausländerfeindlichkeit schön stören.

  • Ich würde auch auf jeden Fall die Polizei benachrichtigen. Eingreifen würde ich mich, glaube ich mal, nicht trauen. Aber ich würde auf keinen Fall so tun, als würde ich nichts sehen. Ich kann doch nicht zugucken, wie jemand halb tot geprügelt wird.

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